China

"Es wird Jahre dauern, bis die Menschen wieder ein normales Leben führen können" - Interview mit dem Nothilfekoordinator Tony Marchant über die Hilfe nach dem Beben

Ärzte ohne Grenzen ist in der vom Erdbeben betroffenen chinesischen Provinz Sichuan aktiv. Die Helfer konzentrieren sich auf die psychologische Hilfe und verteilen Zelte und Hilfsgüter. Auch wenn die lokale, regionale und nationale Reaktion auf die Katastrophe enorm war, brauchen jene Menschen zusätzliche Hilfe, die durch das Beben der Stärke 7,9 vor mehr als drei Wochen obdachlos geworden sind. Tony Marchant, Nothilfekoordinator in Chengdu, Provinz Sichuan, spricht über den Einsatz von Ärzte ohne Grenzen.

Was brauchen die Menschen in Sichuan im Moment am Nötigsten?

Nach intensiven Erkundungen in der betroffenen Region haben Teams von Ärzte ohne Grenzen festgestellt, dass die Hilfsleistungen bezüglich Nahrung, Wasser, Sanitäranlagen und Hygiene an vielen Orten angemessen sind. Aber mehr als fünf Millionen Menschen sind bei dem Erdbeben obdachlos geworden, deshalb ist der Bedarf nach Unterkünften enorm. Ärzte ohne Grenzen hat in enger Zusammenarbeit mit dem chinesischen Roten Kreuz 4.560 Zelte sowie Plastikplanen für die bedürftigen Familien verteilt. Viele Überlebende haben nicht nur ihre Häuser und Habseligkeiten verloren, sondern auch Freunde oder Angehörige. Viele stehen nach den schrecklichen Erfahrungen während des Erdbebens noch immer unter Schock. Die Menschen brauchen eindeutig psychologische Unterstützung.

Wie sehen die nächsten Schritte von Ärzte ohne Grenzen aus?

Ärzte ohne Grenzen bleibt in Sichuan und wird hauptsächlich die psychisch Erkrankten versorgen und grundlegende Hilfsgüter verteilen. Wir haben bisher medizinische Versorgungen durchgeführt, inklusive der Behandlung von Nierenkrankheiten, Operationen und innerer Medizin. Diese Nothilfe ist nun beendet. Aber Ärzte ohne Grenzen wird weiter die Bedürfnisse der Menschen, die von der Katastrophe betroffen sind, im Blick behalten und dementsprechend helfen.

Gibt es einen Monat nach dem Erdbeben die ersten Anzeichen von Genesung?

Bis jetzt sind die Menschen völlig auf die lokale und internationale Hilfe der Regierung und Nichtregierungsorganisationen angewiesen. Die Rettungsaktionen sind größtenteils abgeschlossen. Nun sehen wir erste Zeichen des Wiederaufbaus - der Aufbau vorgefertigter Häuser, Schulen und allgemeiner Infrastruktur läuft an. Dennoch: Ohne Zweifel wird es für die Menschen hier Jahre dauern, bis sie wieder ein normales Leben führen können.

Deckt die lokale Hilfe alle Bedürfnisse ab?

In den vielen Notsituationen, die ich erlebt habe, habe ich noch nie eine Hilfe in diesem Umfang von den nationalen Behörden erlebt. Obendrein gab es eine große gesellschaftliche Mobilisierung. Freiwillige kommen in die betroffenen Gebiete und bieten ihre Hilfe an. Bei einer Katastrophe mit dem Ausmaß des Erbebens in Sichuan gibt es generell reichlich unerfüllte Bedürfnisse. Aber hier fehlt nur wenig, hauptsächlich psychische Versorgung, grundlegende Hilfsgüter und Unterkünfte. Ärzte ohne Grenzen versucht diese Lücken zu füllen.

Auf der medizinischen Ebene bietet Ärzte ohne Grenzen den Krankenhäusern in Guanghan und Hanwang klinische und chirurgische Unterstützung an. Drei Nierenspezialisten der Internationalen Gesellschaft für Nierenheilkunde haben in drei der größten Krankenhäuser in Chengdu ihr Fachwissen angeboten, ebenso wie im notdürftigen Krankenhaus in Guanghan.

Wie will Ärzte ohne Grenzen den psychisch Erkrankten in Sichuan helfen?

Psychologen von Ärzte ohne Grenzen haben den Krankenhäusern ihre Hilfe und Beratung angeboten. Außerdem haben sie das medizinische Personal weitergebildet und ihnen gezeigt, wie sie die Patienten mit erster psychologischer Hilfe unterstützen können.

Ein Team mit vier Psychologen wird in zwei Orten arbeiten, in denen Menschen nach dem Beben Zuflucht gesucht haben. In Long Men, Pengzhou Stadt, einer gebirgigen Gegend, wo etwa 10.000 Menschen in zehn notdürftigen Unterkünften leben, werden wir neben den medizinischen Einrichtungen ein Zelt aufbauen. Drei Psychologen von Ärzte ohne Grenzen werden psychologische Beratungen anbieten. Ein anderes Team wird in einer notdürftigen Unterkunft etwa weitere 10.000 Vertriebene in Hanwang, Mianzhu Stadt, psychologisch unterstützen.

Gleichzeitig werden Teams weiter auf die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen in den betroffenen Gebieten von Long Men und Hanwang eingehen. Wir werden mehr Zelte und Hilfsgüter verteilen, auch
Waschbecken und Kleidung, wenn sie benötigt wird.

Gibt es spezielle Gruppen, die besonders psychische Unterstützung brauchen?

Wenn wir hier Überlebende treffen, neigen sie dazu zu sagen, dass die Dinge in Ordnung sind und sie mit der Situation umgehen können. Wie diese alte Dame, die uns erzählte, dass es ihr gut gehe und wir anderen helfen könnten. Aber als wir ihr Fragen stellten, begann sie schnell zu weinen. Am gleichen Tag kam der Fahrer eines Bulldozers zu uns und wollte mit einem Psychologen sprechen. Er musste seit dem Beben Leichen aus dem Schutt räumen und fühlte sich sehr schlecht. Er hatte Albträume von seinen täglichen schrecklichen Erfahrungen.

Viele verschiedene Gruppen brauchen Hilfe: Schulkinder, da viele Schulgebäude zerstört sind und viele ihre Klassenkameraden und Eltern verloren haben. Die älteren Menschen werden manchmal nicht beaufsichtigt. Viele behinderte Patienten leiden an schweren Verletzungen, und für sie ist es umso schwerer in ein normales Leben zurückzukehren und mit der Situation umzugehen.