Kolumbien

Elmshorner hilft in Kolumbien - Der Arzt Heiko Marn

Viele Dörfer in Kolumbien sind per Auto nicht zu erreichen. Oft müssen die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen Boote benutzen oder lange Fußmärsche zurücklegen, um medizinische Hilfe in entlegene Dörfer zu bringen

von Uta Robbe

Elmshorn. Lateinamerika hat Heiko Marn schon immer fasziniert. 1986 ging der Bismarckschüler erstmals für ein Jahr nach Costa Rica. Während seines Medizinstudiums arbeitete er mehrere Jahre an einem Kooperationsprojekt zwischen der Hamburger Uni und der medizinischen Fakultät in León/Nicaragua. Jüngst ist der Elmshorner Arzt nach einem 17-monatigen Aufenthalt in Kolumbien - einem Staat, in dem bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen - zurückgekehrt. Sein Auftrag: Als Mitarbeiter der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" medizinische Nothilfe in Kriegsgebieten oder nach Naturkatastrophen leisten.

"Wir arbeiteten im äußersten Nordwesten Kolumbiens", erzählt Marn, "im Norden angrenzend Panamá und die Karibik. In unserer Region hat der anhaltende blutige Konflikt zwischen der linken Guerilla, den Paramilitärs und der kolumbianischen Armee in den letzten 15 Jahren eine besonders blutige Spur hinterlassen." Auch heute komme es immer wieder zu massiven Vertreibungen der Zivilbevölkerung. "Die so genannten Binnenflüchtlinge werden nach Aussagen der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen auf drei bis vier Millionen geschätzt", berichtet der 40-Jährige und ergänzt: "Die am meisten betroffene Bevölkerungsgruppe sind die Indigenas, weil sie nicht nur sozialökonomisch systematisch marginalisiert werden, sondern durch die Präsenz von bewaffneten Gruppen und die Zerstörung ihres Lebensraumes durch illegale Abholzung permanent in ihrer Existenz bedroht werden."

Das Land gehört zu den regenreichsten Gebieten der Erde. Die feuchte Hitze des tropischen Regenwaldes machte den europäischen Ärzten das Leben oft zur Hölle. "Unsere logistische Basis war in der Stadt Apartadó", so Marn, "unser Einsatzgebiet die ausschließlich mit kleinen Booten erreichbaren Nebenarme des Atrato-Flusses." Dort siedeln Afrokolumbianer und die amerikanischen Ureinwohner in kleinen Dorfgemeinschaften. Beide Bevölkerungsgruppen waren während des Bürgerkrieges zwischen 1995 und 2005 besonders stark von gewaltsamen Vertreibungen und Massakern betroffen.

Auch heutzutage ist die Region nicht befriedet. Die Sorge vor Repressalien klingt auch in Marns Schilderungen durch. Er und seine europäischen Ärztekollegen wurden angewiesen, aus Sicherheitsgründen keine Kameras in das Gebiet mitzunehmen, wo sie arbeiten. "Die Menschen leben dort geografisch schwer erreichbar, meistens ohne elektrischen Strom, sauberes Trinkwasser und medizinische Basisversorgung", beschreibt er die erlebten Zustände.

Tagelange Bootstour zu den Patienten

Zum Arbeitsalltag des Elmshorners gehörte es, die entlegenen Dörfer in regelmäßigen Abständen zu besuchen. Um die Menschen zu erreichen, war das Team tagelang per Boot unterwegs, schlief in der Hängematte mit Moskitonetz und wusch sich im Fluss. "Unser medizinisches Angebot mit der mobilen Klinik reicht von Schwangeren-Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, Sprechstunden für akut Erkrankte bis hin zu Lehrveranstaltungen über medizinische Themen wie sexuell übertragbare Erkrankungen und Hygiene." Viele Kinder hätten Durchfall, Hautpilze und litten unter chronischer Unterernährung. Oft spürte Marn "subtile Angst, die hoffnungslose Stimmung, Lethargie und Armut" der Menschen.

Ein Blick in seine Tagebuchaufzeichnungen offenbart, unter welch widrigen Umständen die Ärzte ihren Beruf ausüben und was für soziokulturelle Hemmnisse die Arbeit erschweren. Fast verzweifelt schildert der Elmshorner seine Bemühungen bei der Entbindung einer 16-jährigen Patientin. "Bei unglaublicher Hitze nach einem Regenguss machte ich mich auf den Weg. Das Mädchen wirkte erschöpft, das Baby wollte einfach nicht herauskommen. Die Nabelschnur hatte sich um den Hals des kleinen Wesens gewickelt. Endlich kam ein vollkommen atonisches, mit Mekonium verklebtes, nicht atmendes Kind auf die Welt. Wir begannen es wiederzubeleben, aber es war sehr schwach und wimmerte nur ein bisschen. Die Mutter blutete fürchterlich, ein Rinnsal ergoss sich aus dem Geburtskanal und bahnte sich einen Weg über die Tücher auf die Bodenplanken, um sich schließlich zwischen diesen hindurch mit dem braunen Regenwasser unter dem Gebäude rotbraun zu vermengen. (…) Später erfuhren wir, dass das Kind Ergebnis eines mit reichlich Alkohol katalysierten One-Night-Stands mit einem windigen Typen war, der sich damit brüstete, mit seinen 24 Jahren jetzt Vater von drei Kindern mit drei Frauen zu sein, und jetzt wieder eine neue Freundin zu haben. Ein Macho auf Trophäenjagd. Ich bekam eine Stinkwut und wollte ihm sagen, dass er mal anfangen könne, etwas Verantwortung zu übernehmen - doch dann sah ich ein, dass es schon aus Sicherheitsgründen keine gute Idee wäre, sich allzu sehr mit ihm anzulegen, denn in Kolumbien weiß man nie, mit wem man es zu tun hat (…) Es grenzt an ein Wunder, dass wir bei unserem nächsten Besuch das Kind als aufgeweckt, gesund und ohne Anzeichen für bleibende Schäden erlebt haben. Die Mutter hat es nach einer Ärztin benannt, die bei der Geburt dabei war."

Krankenversicherung im Hinterland?

Ein Großteil der Bevölkerung in ländlichen Gebieten besitze keine gültige Krankenversicherung, berichtet der Elmshorner. Obwohl der Staat für alle eine öffentliche Gesundheitsversorgung gewähren müsse. "Meistens sind die inzwischen zum Teil privatisierten Gesund heitseinrichtungen unter finanziert, ineffizient, bürokratisch und korrupt."

Seit September ist Heiko Marn wieder in Deutschland. "Mitgenommen" hat er aus Kolumbien eher Fragen. "Wo zieht man die Grenze zwischen einem radikalen Relativismus, der die Ebenbürtigkeit unterschiedlicher Kulturen in den Mittelpunkt allen Handelns stellt und damit interkulturelle humanitäre Hilfe im westlichen Stil manchmal geradezu kolonialistisch erscheinen lässt und wo sind die universalen Berührungspunkte der Kulturen, die humanitäre Hilfe überhaupt erst sinnvoll und nutzbringend machen?" Der Elmshorner hat sich während seines Kolumbienaufenthaltes entschieden, ein Master-Aufbaustudium in "Inter national Health" an der Berliner Charité zu absolvieren, um sich auf weitere Tätig keiten im humanitären Bereich vor zubereiten.