Mali

Drei bittere Pillen mit großer Wirkung: Malaria-Sprechstunde mitten im Dorf

Mali: Drei bittere Pillen mit großer Wirkung: Malaria-Sprechstunde mitten im Dorf - Fotoreportage
Kanda Koné fühlt sich heute nicht gut: Er hat Fieber und musste sich übergeben. Ganz still sitzt er da. Es ist Malaria-Sprechstunde auf dem Dorfplatz von Deguela im Süden von Mali.

Täglich wartet hier Fatoumata Traoré auf Patienten. Sie ist eine von 66 Malaria-Helferinnen und -Helfern in der Region Kangaba, die Ärzte ohne Grenzen ausgebildet hat. Kostenlos untersucht sie alle Kinder im Dorf, die Fieber haben und behandelt einfache Fälle von Malaria.

Vor allem in der Regenzeit, wenn die Straßen und Wege unter Wasser stehen, sind die Gesundheitszentren für viele Menschen in der ländlichen Region unerreichbar. Doch die Anophelesmücken, welche die Malaria-Parasiten übertragen, finden gerade dann in den Pfützen zahlreiche Brutstätten.

Weil die Malaria-Helfer direkt vor Ort in den Dörfern sind, geht keine Zeit verloren, bevor kranke Kinder behandelt werden. Eine unbehandelte Malaria kann besonders bei kleineren Kindern innerhalb von zwei Tagen, manchmal sogar schon nach Stunden, zum Koma und Tod führen. Kanda wird heute zuerst untersucht.

Auch die fünfjährige Kadijatou fühlt sich fiebrig, sie wimmert leise vor sich hin. Wie Kanda und viele andere Kinder in Deguela hatte sie dieses Jahr bereits mehrmals Malaria. In Mali ist Malaria die häufigste Erkrankung und Todesursache bei Kindern unter fünf Jahren.

Als Fatoumata Traoré ihr in den Finger piekst, schreit Kadijatou auf – doch das Schlimmste hat sie damit schon hinter sich. Ein Tropfen Blut reicht aus für den Malaria-Schnelltest.

15 Minuten später wird das Ergebnis sichtbar. Zwei rote Striche bedeuten: Kadijatou hat Malaria. Und auch Kandas Test fällt positiv aus. Doch weil die Kinder mit den ersten Symptomen der Krankheit gleich behandelt werden, stehen die Chancen gut, dass es ihnen schnell wieder besser geht.

Ärzte ohne Grenzen setzt Kombinationspräparate auf Basis des Wirkstoffs Artemisinin ein, das nachweislich wirksamste Mittel gegen Malaria. Damit werden alle Parasiten getötet und Resistenzen wird vorgebeugt. Je eine Tablette an drei aufeinanderfolgenden Tagen reichen für die Behandlung einer einfachen Malaria aus. Die erste Dosis verabreicht Fatoumata Traoré sofort.

Kinder mit schwerer Malaria oder anderen Krankheiten überweisen die Malaria-Helfer an das  nächste Gesundheitszentrum. Hier werden auch Kleinkinder gegen Masern geimpft und Vorsorgeuntersuchungen für schwangere Frauen durchgeführt.

Denn auch schwangere Frauen sind durch Malaria besonders gefährdet. Bei ihnen bleiben die typischen Krankheitssymptome häufig aus. Doch eine unbemerkte, nicht behandelte Malaria kann zu Fehlgeburten führen oder das Kind schwer schädigen. Deswegen werden während der Vorsorgeuntersuchung alle Frauen auf Malaria getestet.

Ist das Ergebnis positiv, werden sie regulär behandelt. Bei einem negativen Ergebnis werden mehrfach Medikamente zur Vorbeugung gegen eine Malaria gegeben. Kinder unter fünf Jahren und Frauen mit Fieber werden als besondere Risikogruppen kostenlos behandelt.

Auch andere Patienten erhalten bei fiebrigen Erkrankungen in den elf Gesundheitszentren, die Ärzte ohne Grenzen in der Region unterstützt, die Medikamente kostenlos und müssen nur niedrige Preise für die Behandlung bezahlen. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt in Armut und kann sich die regulären Behandlungskosten im Gesundheitssystem nicht leisten.

Wichtig im Kampf gegen die Malaria ist auch die Gesundheitsaufklärung. Madinata Maiga und 15 weitere Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen fahren deshalb durch die Region Kangaba und reden mit den Menschen über Malaria.

Heute besucht Madinata Maiga eine Schule in Kangaba. Die Schüler beteiligen sich lebhaft an der Diskussion darüber, wie sie und ihre Familien sich vor Mückenstichen schützen können.

„Wir verteilen Moskitonetze, die mit Insektenschutzmittel imprägniert sind. Die Menschen schlafen darunter und werden nachts nicht gestochen. Doch die Mücken schwirren auch in den frühen Abendstunden durch die Dörfer“, sagt sie.

Das ist ein Problem, denn das Leben auf den Dörfern findet fast ausschließlich draußen statt. Die Kinder spielen abends auf den Feldern, und die Familien sitzen bis spät in die Nacht vor ihren Hütten zusammen.

Weltweit sterben noch immer rund eine Million Menschen jährlich an Malaria – obwohl es heute günstige und effiziente Methoden zur Vorbeugung, Diagnose und Behandlung gibt. Ärzte ohne Grenzen fordert andere Akteure auf, in Länder, in denen Malaria endemisch ist, verstärkt Moskitonetze, Schnelltests und die artemisininbasierte Kombinationstherapie einzusetzen.

Für die Region Kangaba ist der Erfolg sichtbar: Hier sterben deutlich weniger Kinder an Malaria, seit Ärzte ohne Grenzen diese einfachen und wirksamen Behandlungsmethoden eingeführt hat. Zwei Tage nach der Diagnose von Kanda und Kadijatou geht Fatoumata Traoré durch das Dorf, um nach ihren Patienten zu sehen.

Kadijatou lacht wieder. „Ich spiele gerne mit meinen Freunden, und ich zeichne gerne. Aber ich singe nicht gerne. Und ich bin nicht gerne krank“, sagt sie.

Und auch Kanda ist wieder gesund. Stolz führt er sein Lieblingsspielzeug vor, einen alten Motorradreifen. Die Malariatabletten schmecken bitter, findet er. Aber er weiß genau: Wenn er sie nimmt, kann er schnell wieder spielen. „Wenn ich groß bin, will ich ein richtiges Motorrad!“, lacht er und rennt davon.