Peru

"Diese Menschen haben alles verloren, außer die Möglichkeit, anderen zu helfen" - Interview mit Luis Encinas, Koordinator des Erdbebeneinsatzes von Ärzte ohne Grenzen

Nach dem Erdbeben an der peruanischen Küste vom 15. August hat Ärzte ohne Grenzen begonnen, die Betroffenen medizinisch zu versorgen. Per Flugzeug schaffte die Organisation vier Tage nach dem Beben zwölf Tonnen Hilfsgüter in die Region. Ärzte ohne Grenzen-Mitarbeiter Luis Encinas koordiniert die Nothilfeprojekte. Er ist seit einigen Tagen vor Ort und berichtet von seinen ersten Eindrücken.

Was war der erste Eindruck nach deiner Ankunft im Erdbebengebiet?

Als ich in Pisco ankam, hatte ich zuerst das Gefühl, dass die Stadt einen Bombenangriff erlebt hat. Menschen irrten in den Straßen umher. Sie waren verwirrt und vom Verlust gezeichnet. Es gab keinerlei Versorgung für die Menschen. In den am schlimmsten betroffenen Gegenden, wie den Städten Pisco, Chincha und Ica, sind zwischen 50 und 90 Prozent der Gebäude zerstört. Vier Krankenhäuser sind zu Trümmern zerfallen und zwei weitere sind stark beschädigt. Bislang sind 400 Nachbeben aufgezeichnet worden. Einige von ihnen haben eine Stärke von 5,5 auf der Richterskala erreicht.

Mit welchen Schwierigkeiten werden die ankommenden Hilfsorganisationen konfrontiert?

Die Verkehrswege sind schwer beschädigt. Zum Beispiel sind einige Teile des Pan-American Highways buchstäblich zusammengebrochen. Als wir von Lima nach Pisco fuhren, haben wir im Vergleich zu vorher dreimal so lange gebraucht. Obwohl sich das Chaos langsam legt, ist die Hilfe noch nicht in den entlegenen Gebieten angekommen.

Was sind die größten Gefahren, denen die Bevölkerung jetzt ins Auge sieht?

Wie bei vielen Katastrophen dieser Art sind die Kinder am verletzlichsten. Infektionen der Atemwege können sie schwer beeinträchtigen. Eine Untersuchung in Montesierpe, einer Gemeinde in der Nähe von Humay, hat ergeben, dass bei mehr als 15 Prozent der Kinder mit Atemwegsinfektionen ernsthafte Komplikationen auftraten. Zudem gibt es ein Risiko für Verletzungen, Hautkrankheiten und Augeninfektionen. Andere Probleme haben mit der seelischen Gesundheit der Menschen zu tun: Eine unmittelbare Behandlung kann oft ernsthafte und langfristige Schäden verhindern.

Du hast schon in mehreren Nothilfeprojekten gearbeitet. Ist dir hier etwas ganz besonders aufgefallen?

Der starke und tief verwurzelte Zusammenhalt der Bevölkerung hat mich persönlich am meisten berührt. Ich habe Menschen gesehen, die älter als 70 Jahre alt waren und im Freien schlafen mussten. Und trotzdem hielten sie nachts in Schichten Wache, um sich gegenseitig zu schützen. Diese Menschen haben nichts. Sie haben alles verloren, außer die Möglichkeit, anderen zu helfen. Wie sich die betroffenen Menschen inmitten der größten Verwüstung zusammenfinden, ist wirklich beeindruckend.

Aus wie vielen Mitarbeitern besteht das Team, das du koordinierst?

Bislang besteht das Team aus zwölf internationalen und zwölf einheimischen Helfern. Unter ihnen sind Ärzte, Psychologen, Krankenschwestern, Logistiker, Experten für Wasser- und Sanitärausrüstungen und Fahrer. Wir schätzen, dass unser Einsatz zwei Monate dauern wird.