Somalia

Die Wirklichkeit in Somalia

Dr. Unni Karunakara, Internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen, während eines Projektbesuchs in Galkayo

Kommentar von Dr. Unni Karunakara, Internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen

Die aktuelle Krise in und um Somalia wird von vielen Hilfsorganisationen und den Medien eindimensional als "Hungersnot am Horn von Afrika" oder "schlimmste Dürre seit 60 Jahren" beschrieben. Doch wer nur natürliche Ursachen für diese Krise verantwortlich macht, ignoriert die komplexen geopolitischen Hintergründe, die die Lage so katastrophal machen. Wer die "Hungersnot" in den Vordergrund rückt, erweckt die Vorstellung, dass die Lösung nur in der Bereitstellung von Geldern und in ausreichenden Nahrungsmittellieferungen ans Horn von Afrika besteht. Es ist aber zur Bewältigung der Krise leider nicht hilfreich, die von Menschenhand geschaffenen Ursachen für Hunger und Verhungern zu verdrängen.

Ich bin soeben aus Kenia und Somalia zurückgekehrt. Was die Teams von Ärzte ohne Grenzen vor Ort sehen, ist extrem besorgniserregend. In Mogadischu habe ich eine junge Frau aus dem südlichen Teil der somalischen Region Lower Shebelle getroffen, die nun in einem der vielen provisorischen Lager der Stadt lebt. Sie hat mit ihrem Mann und ihren sieben Kindern ihr Zuhause zurückgelassen, da die Ernte schlecht war und Nahrungsmittel und Wasser für die Familie nicht erschwinglich sind. Irgendwo am Weg musste die Frau ihren Mann und drei ihrer Kinder zurücklassen, da sie zu schwach waren, den fünftägigen Marsch zu Ende zu machen. So traurig ihre Geschichte ist, sie ist repräsentativ für die Tausender anderer Familien in Süd- und Zentralsomalia, die unter den verheerenden Auswirkungen des jahrelangen Konflikts leiden.

Die Bevölkerung sitzt zwischen verschiedenen Kräften fest

Mangelernährung ist in vielen Teilen des Horns von Afrika chronisch. Langfristige internationale Anstrengungen sind notwendig, damit nahrhafte Lebensmittel die Menschen erreichen. Auch wenn wir immer noch keinen Gesamtüberblick über die Situation haben, wissen wir von den vielen Somaliern, die in schwachem Zustand die Hauptstadt Mogadischu und die Lager in Kenia und Äthiopien erreichen, dass die Lage dramatisch ist.

Die Ernteausfälle haben eine bereits vorhandene Katastrophe nur verschärft. Somalia ist der Schauplatz eines brutalen Kriegs zwischen der somalischen Übergangsregierung, die den westlichen Regierungen nahe steht und von den Truppen der Afrikanischen Union unterstützt wird, und bewaffneten oppositionellen Gruppen, vor allem der Al-Shabaab. Mangels eines funktionierenden politischen Systems hält dieser Krieg verbunden mit tödlichen Fehden zwischen somalischen Clans unabhängige internationale Hilfe von vielen Menschen fern. Die Bevölkerung sitzt zwischen verschiedenen Kräften fest, die ihr entweder aus politischen Gründen oder um den Gegner zu schwächen, humanitäre Hilfe vorenthalten. In weiten Gebieten des Landes gibt es praktisch keinen Zugang zu einer Gesundheitsversorgung.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit zwei Jahrzehnten in Somalia

Vor diesem Hintergrund ist es für eine medizinische Hilfsorganisation wie Ärzte ohne Grenzen schwierig, die Hilfe auszuweiten und mehr Menschen in Not zu erreichen. Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit zwei Jahrzehnten in Somalia und betreibt an neun Orten auf beiden Seiten der Front Hilfsprogramme - sowohl in den Gebieten, die unter Kontrolle der Übergangsregierung stehen und als auch jenen, die von Al-Shabaab kontrolliert werden. Wir tun alles in unserer Macht Stehende, um unsere Hilfsaktivitäten zu verstärken und den wachsenden Bedarf zu decken. Unsere Teams betreuen bereits mehr als 8.000 schwer mangelernährte Kinder in Ernährungsprogrammen. Viele Kinder leiden nicht nur unter Mangelernährung: Die vier Kinder der eingangs erwähnten jungen Frau, die ich getroffen habe, litten nicht nur an Mangelernährung, sondern auch noch an Masern. Sie leben mit ihrer Mutter und Tausenden anderen Vertriebenen in überfüllten Lagern unter ungesunden Bedingungen. Andere aus diesen Lagern leiden an Haut- und Augeninfektionen, wässrigem Durchfall und Atemwegerkrankungen. Manche Flüchtlinge sind sogar zu schwach, sich etwas zu Essen zu organisieren oder sich auf die Suche nach medizinischer Versorgung zu machen.

In den Flüchtlingslagern in Kenia und Äthiopien konnte Ärzte ohne Grenzen Zehntausenden Menschen eine medizinische und ernährungstherapeutische Versorgung bieten. Die Aufstockung der Projekte innerhalb Somalias aber ist langwierig und schwierig. Unsere Teams sind ständig gezwungen, bei der Ausweitung unserer Aktivitäten schwere Entscheidungen zu treffen. Ohne die Fähigkeit, unabhängige Evaluierungen durchzuführen und in jenen Gebieten zu helfen, die wir für die am stärksten betroffenen halten, werden wir nicht in der Lage sein, die schlimmsten Folgen dieser Krise zu verhindern.

Humanitäre Hilfe wird entweder als Chance oder Bedrohung gesehen

Humanitäre Hilfe wird mittlerweile von allen Seiten des Konflikts entweder als Chance oder Bedrohung gesehen. In Gegenden, die als Epizentrum dieser Krise gelten, hat die Al-Shabab, die westlichen Interessen gegenüber skeptisch ist, ein Einreiseverbot für ausländische Mitarbeiter, ein Einfuhrverbot für Medikamente und Material aus der Luft sowie ein Verbot von Impfkampagnen angeordnet. Auch die vorläufige Aufhebung der US-Restriktionen bezüglich Hilfsleistungen in Gebieten, die von der Al-Shabaab kontrolliert werden, wird den Zugang zur Bevölkerung kaum verbessern. An anderen Orten werden aufgrund endlos scheinender Verhandlungen simple Arbeitsschritte wie die Anstellung einer Krankenschwester oder das Mieten eines Autos zu langwierigen Projekten, die wertvolle Zeit in Anspruch nehmen, wenn schnelles Handeln gefragt ist.

Die Bedingungen für Hilfsleistungen sind derzeit in Somalia so hart wie sie nur sein können. Unsere Mitarbeiter sind ständig in Gefahr: Sie können erschossen oder entführt werden, während sie lebensrettende medizinische Hilfe leisten. Trotz unserer ständigen Verhandlungen mit allen Parteien des Konflikts um den Zugang zur Bevölkerung müssen wir damit leben, dass wir vielleicht nie in der Lage sein werden, jene Menschen und Orte zu erreichen, die am dringendsten Hilfe benötigen, oder dass wir einen Teil unserer Unabhängigkeit aufs Spiel setzen müssen, wenn wir sie erreichen.

Kriegsparteien müssen die Barrieren abbauen

Inmitten dieses feindlichen Klimas werden Slogans wie "Hungersnot am Horn von Afrika" eingesetzt, um hohe Summen an Geld für Hilfsgüter aufzustellen, die in die Region entsandt werden. Aber ich mache mir Sorgen um das letzte Stück des Weges: Wie die Hilfe und die Hilfsgüter von den Häfen Mogadischus zu den Menschen kommen, die sie so dringend brauchen. Wenn nicht alle Kriegsparteien die Barrieren abbauen, die zwischen den Organisationen, die Leben retten können, und den Menschen stehen, die sich für ihr Überleben auf sie verlassen, werden wohl weitere Tausende Menschen einen eigentlich vermeidbaren Tod sterben.

Dieser Artikel ist bereits in "The Guardian" erschienen.