Kenia

Die Vertriebenen sorgen sich um ihre Zukunf

Nach den jüngsten Gewaltausbrüchen in Kenia suchten Tausende Vertriebene Zuflucht in der Stadt Eldoret, 250 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Nairobi. Am 2. Januar 2008 startete Ärzte ohne Grenzen dort einen Nothilfeeinsatz. Derzeit hat sich die Lage beruhigt, aber die ärmsten Vertriebenen sorgen sich um ihre Zukunft.

Mwania war schon einmal hier: Während der Unruhen im Jahr 1992 kam er genau an diesen Ort, zur Polizeistation Langas in Eldoret, um sich in Sicherheit zu bringen. Als er nach den gewalttätigen Ausschreitungen vor 17 Jahren in sein Dorf zurückkehrte, war sein Haus intakt geblieben. Aber: "Dieses Mal gibt es nichts mehr, wohin ich zurückkehren könnte. Mein Haus und all meine Habseligkeiten wurden verbrannt" sagt er. Die Zukunft ist unsicher für den Großvater und seine zehn Familienmitglieder, die er bei sich hat. Einstweilen werden sie in dem Lager bleiben, das sich um die Polizeistation herum gebildet hat. Was danach sein wird, wissen sie nicht.

Die Gewalt, die auf die Wahlen am 27. Dezember 2007 folgte, war ein Schock für viele Kenianer. Das Land ist noch tief erschüttert von den Unruhen, den Brandschatzungen und Plünderungen. Tausende Menschen wurden vertrieben und mehr als 600 kamen zu Tode. Auch wenn sich die Lage zu beruhigen scheint, ist sie noch immer unberechenbar.

Einige Lager sind nach wie vor sehr voll, andere bereits wieder leer

In den vergangenen Tagen beobachteten die Teams von Ärzte ohne Grenzen in Eldoret, Kenias fünftgrößter Stadt, wie rasch sich die Lage ändern kann: Einige Vertriebenenlager, in denen sich noch vor ein paar Tagen Hunderte Familien zusammengedrängt hatten, sind nun leer, da viele beschlossen haben, nach Hause zurückzukehren. Andere Lager sind nach wie vor sehr voll. Auch die Lebensbedingungen in den Lagern sind sehr unterschiedlich: Einige Bewohner haben ihr Zuhause schon verlassen, nachdem sie Drohungen erhielten und vieles mitnehmen können. In ihren Unterkünften gibt es Fahrräder, Kleider, Decken, Nahrungsmittel, Körbe und mehr. Andere sind geflohen, als ihre Häuser bereits brannten. Sie haben nichts mehr.

Diejenigen, die jetzt noch da sind, gehören zu den Verwundbarsten

Eines aber haben die Tausenden Menschen, die noch in den Notunterkünften und Lagern leben, gemeinsam: Sie planen nicht, diese in nächster Zeit wieder zu verlassen. "Die Vertriebenen, die jetzt noch in Eldoret sind, gehören zu den Verwundbarsten", sagt Pierluigi Testa, der die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen in der Stadt koordiniert. "Viele von ihnen haben zu große Angst oder sind zu mittellos, um heimzukehren, aber die Mehrheit von ihnen kann nicht zurück, weil sie kein Zuhause mehr haben."

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit dem 2. Januar 2008 in Eldoret. Derzeit besteht das internationale Team aus acht Helfern, die die Lager und Unterkünfte der Menschen besuchen und den Vertriebenen Hilfe leisten. Am 3. Januar hat Ärzte ohne Grenzen zwei Flugzeuge für den Transport von Hilfsgütern gechartert. Seither haben die Teams 6.000 Decken und 2.250 Notfallpakete mit Decken, Plastikplanen, Kanistern und Kochausrüstung an rund 20.000 Menschen verteilt. Logistiker von Ärzte ohne Grenzen haben Duschen und Latrinen gebaut und sauberes Trinkwasser bereit gestellt.

Die Menschen leiden an Infektionskrankheiten und psychischen Beschwerden

Die Gesundheitszentren in der Nähe mancher Lager nehmen langsam wieder ihren normalen Betrieb auf. Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen stellen ihnen Medikamente und medizinisches Material zur Verfügung. In anderen Vertriebenenlagern führen Ärzte und Krankenschwestern der Organisation Untersuchungen und Behandlungen von Kranken durch.

Jeder der Vertriebenen hat gelitten, und jeder hat Angst. "Neulich hat eines der Häuser in der Nähe zufällig gebrannt" sagt eine der Vertriebenen im Langas Camp. "Und alle sind weggelaufen." Albina Aluda, eine kenianische Krankenschwester, die für Ärzte ohne Grenzen arbeitet, beobachtet bei ihren Untersuchungen häufig psychische Beschwerden: "Viele Menschen kommen zu uns und klagen über Kopf- oder andere Schmerzen. Wir nennen das das 'Hapa Hapa'-Syndrom. Die Patienten zeigen auf verschiedene Stellen ihres Körpers und sagen, sie hätten Schmerzen 'hier' und 'da', aber ihre Schmerzen sind eher seelischer Natur und nicht körperlich bedingt."

Ärzte ohne Grenzen plant, die Aktivitäten langsam zu übergeben

Mittlerweile sind auch einige andere, langfristiger arbeitende Hilfsorganisationen in und um Eldoret im Einsatz. Wenn sich die Lage weiter stabilisiert, wird Ärzte ohne Grenzen seine Aktivitäten langsam abgeben. Gesundheitszentren und Krankenhäuser, die nach Ausbruch der Gewalt wegen Personalmangels geschlossen wurden oder nur noch eingeschränkt in Betrieb waren, funktionieren wieder und können die medizinische Versorgung der Menschen sicherstellen. Ärzte ohne Grenzen wird die Lage in Eldoret zwar weiter beobachten, die eigenen Aktivitäten aber auf andere entlegenere Gebiete konzentrieren, wie zum Beispiel auf die Gegend um Molo, wo mehr Hilfe nötig ist.