Kolumbien

Die unsichtbaren Wunden der Gewalt

Einer unserer Mitarbeiter bereitet ein Boot vor, mit denen das Ärzte ohne Grenzen Team in die entlegenden Gegenden der Region Cauca reist, um die Anwohner mit psychologischer Hilfe zu versorgen. Die Dörfer sind nur übers Wasser erreichbar.

Seit mehr als 50 Jahren leidet die Zivilbevölkerung in Kolumbien unter der tagtäglichen Gewalt des bewaffneten Konflikts. Erst vor zwei Monaten war es in der Region Cauca im Südwesten des Landes zu einem gewaltsamen Zusammenstoß zwischen Regierungstruppen und der Rebellenorganisation FARC gekommen. Dabei starben zehn Soldaten. Ende Mai kam es dann zu einer weiteren Militäroffensive und schweren Kämpfen in der Region Alto Río Guapi. Zahlreiche Familien mussten aus ihren Dörfern fliehen. Ein mobiles Team von Ärzte ohne Grenzen unterstützt die betroffene Bevölkerung mit psychosozialen Aktivitäten. Die klinische Psychologin Juliana Puerta ist verantwortlich für dieses Hilfsprogramm – sie erzählt, was diese Unterstützung bewirken kann und wie wichtig sie für die Menschen ist.

Rafael ist in seinen Vierzigern – ein ruheloser, aber beherrschter Mann. Er hat den Konflikt selbst erlebt, von dem er sagt, dass er ihn „zum Glück nie berührt hat“. Damit will er ausdrücken, dass er zwar keine „sichtbaren Wunden“ erlitten hat. Doch Rafael hat die bewaffneten Kämpfe aus erster Hand miterlebt und musste Freunde begraben, die der Gewalt zum Opfer fielen – „unschuldige Zivilisten.“

„Die Kinder weinten viel, sie wollten nicht mehr essen“

Rafael lebte mit seiner Frau, fünf Kindern und einem Enkelsohn auf seinem Stück Land. Ihr Dorf liegt in der Region Alto Río Guapi. Das Gebiet besteht aus zehn Dörfern, in denen insgesamt 638 Familien leben. Drei unserer psychologischen Teams sind in der Region ständig präsent, um bei Vorfällen in ländlichen Gebieten aktiv zu werden. Denn in den dortigen Gesundheitszentren ist kaum psychologische Hilfe verfügbar.

Die kolumbianischen Streitkräfte starteten am 21. Mai 2015 eine Militäroffensive gegen die FARC-Gruppen. „All die Flugzeuge, Helikopter, Bomben und Explosionen – die Menschen hier kannten so etwas bislang nicht. Es herrschte sehr große Nervosität und Anspannung, es gab Leute, die damit nicht umgehen konnten. Die Kinder weinten viel, sie wollten nicht mehr essen. Meine Tochter war eine von denen, die besonders schwer betroffen waren … Ich sagte ihnen, dass ihnen nichts geschehen würde, solange sie bei uns – bei Mama und Papa – sind“, erzählt Rafael weiter. Am dritten Kampftag beschlossen alle rund 160 Dorfbewohner, ihr Zuhause zu verlassen. „Niemand blieb. Das Einzige, was man mitnehmen konnte, waren Kleider. Bereits in der Vergangenheit hatten wir wegen der Kämpfe Gründe gehabt zu gehen – doch wir blieben und hielten es aus. Dieses Mal war es einfach zu heftig, also flohen wir.“

110 Familien fliehen aus dem Kampfgebiet

Auch die Menschen aus den benachbarten Dörfern entschlossen sich zur Flucht: insgesamt 468 Personen. Auf der Suche nach humanitärer Hilfe und einer Unterkunft bei Verwandten erreichten sie mit Kanus das städtische Gebiet der Gemeinde Guapi. „Die Hilfsgelder reichen nicht aus. Wir haben nicht einmal Töpfe, einen Herd oder Kübel, um Wasser zu holen. Das Essen, das wir bekommen, reicht für große Familien nicht aus“, erzählt Rafael mit feuchten Augen.

„Jetzt geht es der Gemeinschaft besser. Wir haben uns verbündet und arbeiten alle zusammen, um sicherzustellen, dass die Hilfsgüter gerecht aufgeteilt werden. Doch allen, die erst jetzt kommen – von anderen Dörfern, die sie aus verschiedenen Gründen nicht früher verlassen konnten – geht es nicht gut. Ich sagte ihnen, sie sollten zu Ärzte ohne Grenzen gehen, um psychologische Unterstützung zu bekommen. Das ist wichtig, damit sie nicht in ihren schlechten Gedanken eingesperrt sind und auch wieder positive Dinge sehen können.“

Psychologische Hilfe für Betroffene

Seit das psychologische Team von Ärzte ohne Grenzen im städtischen Gebiet von Guapi angekommen ist, arbeitet es mit staatlichen Akteuren und anderen Nicht-Regierungsorganisationen zusammen, um den psychosozialen Bedarf der Menschen zu decken. Unser Team hat 24 Menschen ausgebildet, damit diese psychische Warnsignale erkennen und rasch Unterstützung leisten können. Sie bieten nun psychosoziale und Basisgesundheitshilfe für Betroffene an. Außerdem führt Ärzte ohne Grenzen  Gruppensitzungen für 140 Einwohner betroffener Gemeinden durch. Ziel der Sitzungen ist es, Betroffene zu identifizieren, die individuelle oder familiäre klinische Hilfe benötigen, und ihnen zu vermitteln, dass ihre Reaktionen normal sind. Auch werden die Bewältigungsstrategien von Einzelpersonen, Familien und Gemeinschaften gestärkt, um mit der Situation besser umgehen zu können.

Im Rahmen klinischer Beratungsgespräche versorgte unser Team bisher 23 Kinder und 31 Erwachsene, die für solche Fälle typische Reaktionen entwickelt hatten: 55 Prozent litten unter posttraumatischen Symptomen, 43 Prozentunter Angstzuständen und 2 Prozentunter Symptomen, die im Zusammenhang mit Depressionen stehen.

Wichtigkeit psychosozialer Hilfe muss anerkannt werden

Doch auch wenn diese Reaktionen nach gewaltsamen Erlebnissen normal sind, ist es essentiell, dass die Wichtigkeit rascher psychologischer Hilfe für diese Menschen anerkannt wird. Nur so kann emotionaler Stress gelindert und die Entwicklung von Problemen wie einer posttraumatischen Belastungsstörung vermieden werden, unter denen Betroffene sehr schwer leiden und die oft chronisch wird.

Das Hilfsprogramm von Ärzte ohne Grenzen in Kolumbien setzt sich daher aktiv dafür ein, dass psychosoziale Hilfe von den Gesundheitsbehörden als Priorität behandelt wird – vor allem in Gebieten, die durch den gewaltsamen Konflikt betroffen sind.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1985 in Kolumbien in den Gebieten Cauca und Nariño tätig. In Cauca bieten Teams der Organisation individuelle und gruppentherapeutische Sitzungen in Krankenhäusern und Gemeinden an. Unsere Fachkräfte bilden auch Führungskräfte, Gesundheitsaufklärungsteams, Hebammen und Lehrpersonen aus, damit diese im Fall gewaltsamer Vorfälle psychologische Erste Hilfe leisten können. Im Jahr 2014 leisteten die Teams von Ärzte ohne Grenzen insgesamt 1.247 psychologische Beratungsgespräche in der Gebirgsregion Cauca.