Somalia

"Die Sicherheit unserer Mitarbeiter hat weiterhin oberste Priorität" - Hilfe für ein Land, in dem Sicherheit eine Herausforderung ist

Ende Januar 2008 musste Ärzte ohne Grenzen die internationalen Projektmitarbeiter aus Somalia evakuieren, nachdem drei Kollegen während eines Angriffs brutal ermordet worden waren. Erst im Dezember 2007 waren eine spanische Ärztin und eine argentinische Krankenschwester der Organisation über mehrere Tage entführt. Sie wurden schließlich freigelassen und sind wohlauf. Gleichzeitig bleibt die humanitäre Lage der Bevölkerung in Somalia angesichts des Konflikts dramatisch. Joe Belliveau, Programmleiter für Somalia, spricht über die Möglichkeiten, unter den gegebenen Bedingungen Hilfe zu leisten.

Wie ist die humanitäre Lage der Bevölkerung in Somalia?

In Somalia gibt es seit mehr als 16 Jahren keine zentrale Regierung. Es existiert weder ein Rechtssystem noch eine Polizei, Waffen und Gewalt sind weit verbreitet. Im Dezember 2006 wurde die Union Islamischer Gerichte (UIC) von der Koalition aus Übergangsregierung (TFG) und äthiopischen Truppen, sowie von Warlords und Milizen verschiedener Clans geschlagen. Hunderttausende Menschen flohen aus Mogadischu. Die alltägliche Brutalität, die auch zu den Vertreibungen führt, ist enorm, und behindert den Zugang der Menschen zur Gesundheitsversorgung.

Die Not der Zivilbevölkerung ist überwältigend: mehr als 70 Prozent haben weder Zugang zur Gesundheitsversorgung noch sauberes Trinkwasser. Schätzungsweise zwei Millionen Menschen wurden seit Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 1990 vertrieben oder ermordet. Somalia hat kein öffentliches Gesundheitssystem, und die Lage hat sich in den vergangenen Jahren nicht verbessert.

Als Konsequenz der brutalen Morde an Kollegen im Januar 2008 musste Ärzte ohne Grenzen die internationalen Projektmitarbeiter abziehen. Wie laufen die Projekte zurzeit?

Somalia ist ein unsicherer Kontext für Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. In den vergangenen Jahren wurden mehrere nationale und internationale Kollegen verschiedener Organisationen vorsätzlich ermordet.

Ärzte ohne Grenzen musste im Februar 2008 ein Projekt in Bosasso schließen, wo Ende des Vorjahrs zwei Mitarbeiterinnen entführt worden waren. Im April 2008 wurde das Projekt in Kismayo beendet, nachdem bei einem Angriff am 28. Januar 2008 drei Kollegen brutal ermordet worden waren. Wir haben die schwierige Entscheidung der Projektschließung getroffen, weil unsere Mitarbeiter gezielt angegriffen worden waren. An einem Ort, an dem so etwas der Fall ist, können wir nicht weiterarbeiten.

Die verbleibenden zwölf Projekte von Ärzte ohne Grenzen in Somalia laufen weiter. Allerdings wurden sie unmittelbar nach dem Angriff als Vorsichtsmaßnahme ausgesetzt. Während dieser Zeit führten unsere engagierten somalischen Mitarbeiter die Aktivitäten weiter.

Wie entscheidet Ärzte ohne Grenzen über die Weiterführung von Projekten mit internationalen Mitarbeitern in einer solch schwierigen Sicherheitslage?

Ärzte ohne Grenzen braucht Zeit, um die gegenwärtige Sicherheitslage zu verstehen und zu prüfen. In den vergangenen Wochen sind kleine internationale Teams in einige Gebiete Somalias zurückgekehrt, um die Sicherheit zu evaluieren und zu entscheiden, ob die Rückkehr internationaler Projektmitarbeiter möglich ist. An einigen ausgewählten Orten in Somalia, an denen die Sicherheitslage als akzeptabel eingeschätzt wird, hat sich Ärzte ohne Grenzen entschlossen, angesichts der akuten humanitären Bedürfnisse begrenzt internationale Mitarbeiter einzusetzen. An weiteren Orten werden Erkundungen durchgeführt.

Wie sehen Sie die Zukunft von Ärzte ohne Grenzen in Somalia?

Wir fühlen uns in Somalia trotz der schwierigen Sicherheitslage verpflichtet, Hilfe zu leisten. Die humanitären Bedürfnisse sind immens und es sind nur sehr wenige internationale Nichtregierungsorganisationen präsent. Mit unseren zwölf verschiedenen Projekten in elf Regionen des Landes ist Ärzte ohne Grenzen zurzeit der größte Gesundheitsdienstleister. Im Lauf des Jahres 2007 haben unsere Teams mehr als 2.500 chirurgische Eingriffe vorgenommen, 23.000 Patienten an Krankenhäuser überwiesen und 520.000 Konsultationen durchgeführt. Doch die Herausforderungen bei der Arbeit in einer so unsicheren Umgebung sind offensichtlich. Die Sicherheit unserer internationalen und somalischen Projektmitarbeiter hat weiterhin oberste Priorität. Sollte es zu Gewalt oder entsprechenden Androhungen gegenüber Mitarbeitern oder Patienten kommen, wird Ärzte ohne Grenzen erneut internationale Projektmitarbeiter zurückziehen. Unter solchen Umständen werden unsere engagierten somalischen Mitarbeiter die Aktivitäten gegebenenfalls weiterführen, weil sie wegen ihrer nationalen Zugehörigkeit einem geringeren Risiko ausgesetzt sind, Opfer von Gewalt zu werden. Gleichzeitig bürden wir unseren nationalen Kollegen damit sehr viel auf und gehen Herausforderungen ein, was unsere humanitäre Unabhängigkeit betrifft. Mit diesen "ferngesteuerten" Programmen stoßen wir allerdings an Grenzen. Doch wir arbeiten kontinuierlich an Strategien, wie wir in höchst unsicheren Kontexten wie Somalia besser arbeiten können.