Libyen

"Die Lage in Sirte ist sehr ernst" - Erfahrungsbericht von Dr. Gabriele Rossi, Nothilfekoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen, zur Arbeit der Organisation im Ibn Sina-Krankenhaus in Sirte

Die Lage in der umkämpften libyschen Stadt Sirte ist sehr ernst. In der Nacht nach diesem Interview sind sechs Patienten im Krankenhaus gestorben, weil sie nicht operiert werden konnten. Im Norden der Stadt sind Tausende Zivilisten vollständig von den Kämpfen eingeschlossen.

"Wir können jetzt im Ibn Sina-Krankenhaus arbeiten, dem wichtigsten Krankenhaus in Sirte. Wir sind hier bereits seit drei Tagen. Wir hören ständig Schüsse - heute waren es mehr als gestern. Der Lärm der schweren Artillerie begleitet uns. Die Kämpfe werden im Norden der Stadt ausgetragen. In der Umgebung des Krankenhauses sehen wir viele Kämpfer mit Munition, gepanzerten Pick-ups und sogar Panzern in Richtung Front ziehen.

In den Gebieten von Sirte, die wir erkundet haben, gibt es keine Zivilisten mehr: Alle Häuser sind zerstört und stehen leer. Vor dem Konflikt lebten 100.000 Menschen in Sirte. In den vergangenen drei oder vier Wochen aber sind 75 bis 80 Prozent der Menschen geflohen, die meisten von ihnen in Richtung Misrata. Schätzungsweise 10.000 Menschen sind noch hier. Sie halten sich im nördlichen Teil der Stadt auf und sind vollständig von den Kämpfen eingeschlossen. Und es gibt weder Wasser noch Strom.

Im Krankenhaus haben wir Strom, dank eines Generators - aber bis heute gab es kein Wasser. Die Situation in der Klinik ist extrem schwierig. Wir haben etwa 50 Patienten, alle haben Wunden, Knochenbrüche oder Verbrennungen. Alle müssen operiert werden. Die meisten der Patienten sind junge Männer, aber es sind auch einige Frauen und Kinder darunter, die bei den Kämpfen verletzt wurden.

In den vergangenen Tagen konnten die Patienten nicht angemessen medizinisch versorgt werden, da nicht genügend Ärzte zur Verfügung standen. Zudem gab es Probleme bei der Wasserversorgung. Ohne Wasser können jedoch keine chirurgischen Eingriffe durchgeführt werden. Die Lage ist sehr ernst: Die Wunden mancher Patienten sind bereits infiziert und in sehr schlechtem Zustand. Sie müssen dringend chirurgisch versorgt werden.

Ärzte ohne Grenzen hat 50.000 Liter Wasser bereit gestellt. Auch andere Akteure beteiligten sich an der Wasserversorgung, so dass wir jetzt fließendes Wasser im Krankenhaus haben.

Das Ibn Sina-Krankenhaus befindet sich in einem sehr schlechten Zustand. Die heftigen Kämpfe haben hier deutliche Spuren hinterlassen. Alle Patienten sind im Erdgeschoss untergebracht, während im ersten Stock und im Keller etwa 50 Menschen Zuflucht vor den Kämpfen gesucht haben. Sie warten nun darauf, die Klinik wieder verlassen zu können.

Das Krankenhaus ist kein sicherer Ort. Gestern und heute waren viele bewaffnete Kämpfer hier, die alle Patienten kontrolliert haben. Wir wissen nicht, nach wem sie gesucht haben. Es ist sehr wichtig, dass das medizinische Personal in Krankenhäusern und Krankenwagen ungehindert und sicher medizinische Hilfe leisten kann. Für unser Team ist es derzeit zu unsicher, über Nacht im Krankenhaus zu bleiben. Deshalb fahren wir jeden Abend zwei Stunden lang zurück nach Misrata. Die Mitarbeiter hier im Krankenhaus haben Unglaubliches geleistet - ich würde sagen, sie waren wirklich heldenhaft: In den vergangenen Wochen haben hier fünf libysche Ärzte sowie 25 bis 30 Pflegekräfte gearbeitet, viele von ihnen kommen aus Indien und Bangladesch. Sie haben während der heftigen Krise durchgearbeitet und waren der Gewalt direkt ausgesetzt. Sie haben unter Beschuss und unter Bombardierungen gearbeitet. Außerdem wurden sie von Gaddafi-Treuen bedroht, die sie aufforderten, ihre Soldaten zu behandeln. Jetzt sind sie erschöpft und brauchen dringend Unterstützung.

Glücklicherweise hat sich die Personalsituation mittlerweile mit acht weiteren Ärzten aus Tripolis, unter ihnen Chirurgen und Anästhesisten, sowie vier weiteren Pflegekräften verbessert. Die Lage normalisiert sich nun also. Das Team von Ärzte ohne Grenzen besteht aus drei Ärzten, zwei Krankenpflegern und einem Psychologen. Zwei weitere Pflegekräfte und Psychologen sind gerade zu uns gestoßen.

Sehr wichtig ist auch die psychosoziale Hilfe. Mindestens 15 der 50 Patienten, deren Verletzungen mit Traumata zusammenhängen, zeigen posttraumatische Belastungsstörungen und brauchen dringend psychologische Hilfe. Sie leiden an Albträumen, Flashbacks und Depressionen. Einige können nur noch weinen und nicht einmal mehr sprechen. Ein Patient ist suizidgefährdet. Alle Patienten, vor allem die Frauen und Kinder, haben großen Bedarf an Unterstützung - sie versuchen, die Last ihrer Erlebnisse zu verkraften.

Als wir hier ankamen, fehlten Medikamente. Als erstes lieferten wir Schmerzmittel, Antibiotika für all die Wundinfektionen sowie Medikamente für chronische Erkrankungen. Die Apotheke ist in einem chaotischen Zustand, aber zumindest ist sie jetzt gut ausgestattet.

Alle hier arbeiten engagiert daran, das Krankenhaus funktionsfähig zu machen. In Sirte sitzen wahrscheinlich rund 10.000 Menschen noch immer aufgrund der Kämpfe fest, darunter Verwundete, die das Haus nicht verlassen können. Falls die Lage sich in den nächsten Tagen beruhigt, könnten mehr Menschen das Krankenhaus erreichen, das dann deutlich mehr Patienten aufnehmen müsste. Daher ist es so wichtig sicherzustellen, dass vom Personal über die Medikamente bis hin zur Strom- und Wasserversorgung alles für diesen Fall bereit steht."

Ärzte ohne Grenzen ist seit dem 25. Februar in Libyen tätig. Teams der Organisation arbeiten zurzeit in Bani Walid, Misrata, Sirte, Tripolis, Jafran und Sintan. Um die Unabhängigkeit der medizinischen Hilfe zu gewährleisten, werden die Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen in Libyen ausschließlich über private Spenden finanziert. Die Organisation akzeptiert dafür keinerlei Zuwendungen von Regierungen, Geberorganisationen oder Gruppierungen jeglicher militärischer oder politischer Zugehörigkeit.