Sri Lanka

Die Kämpfe sind zu Ende - das Leid der Menschen geht weiter

Jedes Gesundheitssystem hätte Schwierigkeiten, die Bedürfnisse von mehr als 260.000 Vertriebenen zu erfüllen. So ist es auch im Norden Sri Lankas, wo Hunderttausende in Vertriebenenlagern leben. Die Menschen müssen oft mehrere Tage warten, bis sie von einem Arzt behandelt werden und nachts entscheidet nicht-medizinisches Personal, wer von den Patienten in ein Krankenhaus überweisen wird und wer nicht. So ist das Leid der Menschen mit dem Ende der Kämpfe noch nicht vorüber.

Ati* lebt mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern seit drei Monaten in dem Lager Menik Farm. Ihr fünfjähriger Sohn hatte vor zwei Wochen Fieber bekommen. Sie hat ihn zu der Klinik im Lager getragen und eine Stunde auf einen Arzt gewartet. Wie viele andere an diesem Tag musste sie mit ihrem kranken Kind nach Hause gehen, ohne einen Arzt gesehen zu haben. Am nächsten Tag hat sie 13 Stunden in der Klinik gewartet, ohne einen Arzt zu treffen. Am dritten Tag hat sie es endlich geschafft, und ein Arzt hat ihr Antibiotika gegeben.

300 Patienten am Tag

Auch wenn die Hilfe in den Lagern allmählich zunimmt, das Gesundheitsministerium in allen Lagern Kliniken hat und die Mitarbeiter tun, was sie können, bleiben die Bedürfnisse enorm und die Einrichtungen überlastet. Einige Ärzte behandeln 200 bis 300 Patienten am Tag. Es bleibt wenig Zeit für Tests oder eine längerfristige Nachbehandlung. Auch nur die dringendsten Fälle werden in die Krankenhäuser außerhalb der Lager überwiesen. Maruthani*, eine 24-jährige Frau, ist Ende Mai im Lager Menik Farm angekommen. Sie ist furchtbar entstellt, nachdem sie von einem Bombensplitter an Lippen, Wangen und Kinn getroffen wurde. Ihr Mund steht offen, ihre Zunge ist schwer verletzt und sie kann kaum trinken und nicht mehr sprechen. Sie benötigt eine plastische Operation, die in dem Lager aber nicht möglich ist. Als sich ihre Wunden entzündet haben, ist sie unter Schmerzen in die Klinik im Lager gegangen. Dort konnte ihr aber nicht geholfen werden. Da sie nicht als Notfall eingestuft wurde, haben die Mitarbeiter sie auch nicht in ein Krankenhaus außerhalb des Lagers überwiesen. Sie liegt im Sand vor ihrem Zelt und wartet, dass die Tage vorbeiziehen.

Die Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums überweisen einige Patienten in das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen außerhalb des Lagers Menik Farm. Das Problem sind die Nächte. "In vielen Lagern sind die Patienten auf die Entscheidung der Soldaten angewiesen, ob sie in ein Krankenhaus außerhalb des Lagers gehen dürfen oder nicht", sagt Karline Kleijer, Nothilfekoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen. "Das funktioniert bei denen, die offensichtlich krank sind oder blutende Wunden haben. Handelt es sich aber um ein dehydrierendes Kind mit Fieber, erkennen die Soldaten nur selten, dass das Kind dringend Hilfe benötigt."

Frühstück in der Nacht

Der Mangel an sauberem Wasser und Nahrung in den Lagern ist besorgniserregend. Die Menschen sind auf Gemeinschaftsküchen und Nahrungsmittelrationen von der Regierung und Hilfsorganisationen angewiesen. "In neueren Lagern wird das Essen oft nicht vor dem späten Abend angeliefert, so dass es die erste Mahlzeit um zehn Uhr nachts gibt", sagt ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen. Die Organisation verteilt jeden Tag in elf Lagern energiereichen Brei an 23.000 Kinder unter fünf Jahren, schwangere und stillende Frauen und ältere Menschen.

Hunderte Verletzte sind außerhalb der Lager noch immer in stationärer Behandlung. Ärzte ohne Grenzen versorgt in Zusammenarbeit mit Mitarbeitern des Gesundheitsministeriums im Krankenhaus in Pompaimadhu derzeit 180 Patienten mit Rückenmarksverletzungen und infizierten Wunden und Frakturen. Der Chirurg von Ärzte ohne Grenzen führt durchschnittlich 16 bis 20 Operationen in der Woche durch. Außerdem wird Physiotherapie angeboten.

Traumatisiert

Viele Patienten sind von den Erlebnissen während des Konflikts traumatisiert. "Eine junge Frau, die in das Krankenhaus in Pompamaidhu eingeliefert wurde, hatte ihren Ehemann, ihre Eltern, ihre Schwester, ihren Schwager und deren Kinder verloren", erzählt ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen. "Sie ist die einzige Überlebende der Familie und schwanger. Sie fühlt sich sehr einsam und steht noch immer unter Schock. Es ist erst zweieinhalb Monate her, seit sie alles und jeden verloren hat. Sie macht sich große Sorgen, wie sie als alleinstehende Mutter durchkommen soll. Solange sie in Pompaimadhu ist, bekommt sie Unterstützung. Wenn sie aber wieder in das Lager entlassen wird, wird sie keine Hilfe mehr bekommen."

Die Menschen versuchen, mit den Erlebnissen umzugehen. Im Lager gibt es sehr wenig Arbeit, die Menschen dürfen die Lager aber auch nicht verlassen. Sie haben Schwierigkeiten, ihre Familien wiederzufinden und für die Zukunft zu planen. Es gibt kaum etwas zu tun, außer von einer Verteilung zur nächsten zu gehen. Nicht zu wissen, wie lange sie in den Lagern bleiben müssen, erschwert das Leben zusätzlich. Die Menschen haben ein großes Bedürfnis nach psychologischer Hilfe, die derzeit in den Lager nicht angeboten wird.

Startbereit

Ärzte ohne Grenzen hat die Kapazitäten, die Aktivitäten auszuweiten und die Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums in den Lagern mit psychologischer Hilfe, Basisgesundheitsversorgung und Physiotherapie für die Vertriebenen zu unterstützen. Ärzte ohne Grenzen setzt die Verhandlungen mit den Behörden in Colombo fort.