Elfenbeinküste

Die Ärztin Marita Anwander behandelt Frauen in der Elfenbeinküste - Hüttenbergerin hilft in Afrika

Marita Anwander

Hüttenberg. In Afrika gibt es viel Armut und Elend. Oft ist die medizinische Versorgung der Menschen unzureichend. Dies gilt auch für die Elfenbeinküste. Das Land ist vom Bürgerkrieg gezeichnet, viele Krankenhäuser sind zerstört. Marita Anwander aus Hüttenberg, Ärztin für Gynäkologie, hat mit der Organisation Ärzte ohne Grenzen dort geholfen. Sie war vier Monate in der im Westen gelegenen Stadt Man und hat Frauen behandelt, die wegen schlechter medizinischer Betreuung während der Geburt schwere Verletzungen erlitten haben und nun von der Gesellschaft ausgeschlossen sind.

Marita Anwander half Frauen, die eine geburtshilfliche Fistel haben. Diese Fistel tritt auf, wenn während der Geburt Risse zwischen Vagina, Blase und Rektum entstehen, so dass Urin und Exkremente unkontrolliert abfließen. Diese Verletzungen führen dazu, dass betroffene Frauen aufgrund ihres schlechten Geruchs und dem Ausflusses, von der Gesellschaft verstoßen werden.

"Die geburtshilfliche Fistel kennt man bei uns kaum. Doch bis Anfang des 20. Jahrhunderts war es auch bei uns ein Problem", erklärt die 43-jährige Ärztin. Um solch eine Verletzung zu verhindern, müsste bei auftretenden Komplikationen statt einer natürlichen Geburt, ein Kaiserschnitt gemacht werden. "Doch die meisten Frauen entbinden im Busch. Da gibt es nur einen Geburtshelfer und keine Ärzte, die einen Kaiserschnitt machen könnten", fügt Anwander hinzu. Marita Anwander hat in der Klinik in Man Frauen behandelt und ihnen so ermöglicht, sich in die Gesellschaft zu integrieren.

Den Luxus und die Ausbildung, die sie genossen hat, möchte Marita Anwander weitergeben und teilen. Es ist der zweite Einsatz Anwanders bei den Ärzten ohne Grenzen. Letztes Jahr war sie auf Haiti. Dort machte sie ihre ersten Erfahrungen mit der Fistel und operierte solche Risse. In Man arbeitete sie zusammen mit einem einheimischen Arzt, der auf dem Gebiet spezialisiert ist. Auch sie hat sich darauf spezialisiert und möchte weiter Patientinnen auf der ganzen Welt helfen.

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist in Europa eine von einer Million Frauen betroffen, in armen Ländern sind es 3000 bis 6000. "Viele Frauen, teilweise erst 13 oder 14 Jahre alt, liegen zwei Tage in den Presswehen. Das Kind kann nicht heraus, weil die Frauen noch kein voll entwickeltes Becken haben. Dann entscheidet man, sie ins Krankenhaus zu bringen", erzählt Anwander.

Oft vergingen dann bis zur Ankunft im Krankenhaus drei bis fünf Tage. Meistens könne diesen Frauen im Krankenhaus geholfen werden. Doch oft liegt kein Krankenhaus in erreichbarer Nähe für die Patientinnen. "Für die Menschen ist es normal an der Geburt zu sterben, sie nehmen das so hin. Sie akzeptieren es zwar nicht, aber ohne medizinische Versorgung ist das eben so", erklärt die Gynäkologin den Umgang der Patienten mit dem Thema. "Es gibt auch viele Frauen, die versuchen selbst abzutreiben. Mit Holzstäben oder traditioneller Medizin, die sehr giftig ist", erzählt Anwander. Auch solche Fälle hat sie behandelt. Meistens könne dann nur das Leben der Mutter gerettet werden.Die direkte Hilfe für den einzelnen Patienten zählt für die Helfer am meisten"Manchmal wird man wütend, aber man kann es nicht zeigen. Dann redet man mit dem Team darüber", sagt Anwander und ergänzt: "Zwischendurch denkt man: Ich würde gerne die Welt verbessern, aber das geht nicht. Doch man kann einem einzelnen Baby oder einer einzelnen Frau helfen und das ist, was zählt".

Sie hat in den vier Monaten viel gearbeitet. Mindestens zehn Stunden am Tag bei 30 Grad Celsius und hoher Luftfeuchtigkeit. Monatlich gab es 300 Entbindungen. "In Wetzlar sind es gerade mal 60 Entbindungen", fügt sie hinzu. Am Tag gab es 30 bis 40 gynäkologische Fälle in der Ambulanz, hinzu kamen Fälle für andere Bereiche, wie Innere Medizin.

Für die Ärzte ohne Grenzen ist der Einsatz in Krisengebieten nicht ungefährlich, doch sie genießen Schutz. "Die Ärzte ohne Grenzen werden respektiert. Sie wissen, dass wir jedem helfen, egal welcher Ethnie oder Religion sie angehören und die Behandlung ist kostenlos", versichert die Ärztin.

Man komme als Arzt sehr nahe an das Geschehen in den Krisenregionen und sehe die Probleme. "Journalisten werden nicht so nah rangelassen wie wir. Deshalb ist es nicht nur unsere Aufgabe zu behandeln, sondern auch auf Missstände, wie Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen", betont Anwander.

Die Ärzte ohne Grenzen leisteten in Man nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch Aufklärung über Themen wie Hygiene, Empfängnisverhütung, HIV und sexuelle Gewalt. Außerdem werden einheimische Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte geschult, damit sie die medizinische Versorgung weiterführen können. Denn wenn die Krise beendet ist, dann verlassen die Ärzte ohne Grenzen das Land und brechen auf, um in anderen Regionen zu helfen. In der Elfenbeinküste herrscht seit März Frieden, und die Ärzte ohne Grenzen haben das Krankenhaus dem Staat übergeben. "Es ist traurig, aber wenn man zu lange bleibt, wird der Staat sich nicht selbst organisieren", erklärt Anwander.

Marita Anwander hat nicht nur geholfen und Wissen weitergegeben, sie hat auch selbst gelernt: "Ich kann Verschwendung nicht mehr tolerieren. In Man habe ich gesehen, wie viel man mit wenig Mitteln erreichen kann. Außerdem ärgere ich mich nicht mehr über unnötige Dinge." Es steht fest, nächstes Jahr wird sie wieder dabei sein. Sie weiß zwar nicht wo, aber sie freut sich darauf.

Von Pelin Aytaç