Zentralafrikanische Republik

Den Vergessenen helfen

Neun Monate war der Trierer Arzt Sebastian Serwe für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz.

Sie steigen da ein, wo Entwicklungshelfer oft schon aufgegeben haben: "Ärzte ohne Grenzen" helfen in den Krisengebieten der Welt. Der junge Trierer Arzt Sebastian Serwe war seit Januar in der Zentralafrikanischen Republik tätig und machte spannende Erfahrungen - auch für sich selbst.

Von unserem Redakteur Dieter Lintz

Trier. Neun Monate in der 5.000-Seelen-Gemeinde Bougila, weitab von all dem, was hierzulande als Zivilisation gilt. In einem Land, das im Demokratie-Index der Uno auf dem vorletzten Platz liegt, hinter sich nur Nordkorea. Mit einer Bevölkerung, deren Mehrheit weniger als einen Dollar pro Tag verdient. In einem permanenten Bürgerkrieg, bei dem man Regierungstruppen, Rebellen und Banditen kaum auseinanderhalten kann.

Und trotzdem redet Sebastian Serwe nicht von einem Horror-Trip. Im Gegenteil. Er erzählt, wie viel er gelernt hat. Dass es Spaß gemacht hat, zu helfen. Dass ihm auch ohne 30 Fernsehkanäle und Allzeit-bereit-Handy nicht viel gefehlt hat. Ja sogar, dass er sich sicher fühlte, auch wenn es den dringenden Rat gab, das Gelände des früheren Missionskrankenhauses nicht zu verlassen.

Ein bisschen Missionars-Mentalität braucht man wohl auch, wenn man zu den 3000 Freiwilligen gehört, die "Ärzte ohne Grenzen" jedes Jahr weltweit als Mediziner, Krankenpfleger oder Hebammen in 70 Länder entsendet. Oder zumindest die Bereitschaft, sich auf Ungewohntes einzulassen.

So wie Sebastian Serwe, der nach seinem Abitur am Trierer FWG in Homburg Medizin studierte, in der Schweiz und Spanien Berufserfahrung sammelte, in Luxemburg seinen Facharzt machte, auf den Philippinen sein Debüt als ärztlicher Entwicklungshelfer hatte und in England eine Qualifikation als Tropenmediziner erwarb.

Von Ende Januar bis Oktober dieses Jahres arbeitete er in Bougila, unterbrochen nur von einem kurzen Urlaub. Neun Monate Kampf gegen eine Kinderlähmungs-Epidemie, Kaiserschnitte, Aids-Behandlungen, Hilfe gegen Infektionen und Malaria - den "Haupt-Killer", wie Serwe sagt.

Es sind oft nicht die lebensbedrohenden Krankheiten, die den Menschen das Leben zur Hölle machen. Fast im Akkord operiert man Fisteln, die durch Problem-Schwangerschaften entstanden sind und die Betroffenen stigmatisieren. Die Geburtenrate ist außerordentlich hoch, die Säuglingssterblichkeit aber auch. Inzwischen kommen Menschen weit über Bougila hinaus, weil sich herumgesprochen hat, dass die "Ärzte ohne Grenzen" kostenlos helfen. Das schafft Probleme, schließlich will man nicht das staatliche Krankenhaus in der Provinzhauptstadt kaputt machen, das für seine Leistungen Geld nehmen muss.

Die Kooperation mit den Offiziellen vor Ort sei "enorm wichtig", betont Serwe. Es gehe nur mit ihnen gemeinsam. Auch mit den - oft jugendlichen - "Rebellen"-Banden versucht man, auszukommen. "Die wissen, wer wir sind, und die gehen nicht gegen uns vor", sagt der Arzt. Freilich sei es auch schon vorgekommen, dass ein Mitarbeiter erschossen wurde - "mehr oder weniger aus Versehen".

Der 31-Jährige erzählt das mit der gleichen ruhigen Bedachtsamkeit, mit der er die auf den ersten Blick merkwürdige Frage aufwirft, ob die Menschen in Bougila trotz allem nicht zufriedener seien als die reichen Europäer. Der Vergleich drängt sich auf, wenn man gerade dabei ist, in Luxemburg eine Hausarzt-Praxis aufzubauen: "Wir haben alles und jammern trotzdem".

Sich in Deutschland niederzulassen verspürt er wenig Neigung, obwohl er nach wie vor in Trier wohnt. Im kleinen Luxemburg gebe es "mehr Medizin und weniger Bürokratie" als im deutschen Gesundheitswesen. Noch einmal als Arzt in ein Entwicklungsland zu gehen kann er sich vorstellen - aber nicht für so lange Zeit. Neun Monate, sagt er, "da läuft einem jede Freundin weg".