Syrien

"Das war der bisher schwerste und herausforderndste Einsatz für mich" - Bericht einer Hebamme

Das Operations-Team in der Klinik von Ärzte ohne Grenzen, in der Patricia Günther gearbeitet hat.

Die Hebamme Patricia Günther war bereits sechs Mal mit Ärzte ohne Grenzen im Einsatz. Zuletzt war sie in Aleppo in Syrien - für sie ein besonderer Einsatz:

Syrien befindet sich seit mittlerweile zwei Jahren in einem furchtbaren Bürgerkrieg. Als mich ein Kollege von Ärzte ohne Grenzen fragte, ob ich mir vorstellen könnte, dem Team vor Ort zu helfen, war ich zunächst zurückhaltend. Der Wille zu helfen und das Vertrauen in die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen gaben am Ende aber doch den Ausschlag, zu gehen.

"Wir hörten die Flugzeuge über uns"

Es war mein sechster Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen - und der bislang schwerste und herausforderndste. Immer wieder hörten wir die Flugzeuge über uns. Und kurze Zeit später die Bombeneinschläge. Noch nie zuvor habe ich in einem Projekteinsatz so viele Verletzte gesehen. Unsere Klinik, die wir in einer ehemaligen Schule eingerichtet hatten, war die meiste Zeit vollkommen überfüllt. Die Schwangerenstation, in der ich als Hebamme arbeitete, war fast immer so voll, dass wir die Frauen dicht an dicht auf Matratzen am Boden legen mussten.

Es gab sehr viele Fehl- und Frühgeburten, bei denen unsere Hilfe oft über Leben und Tod entschied. Der Stress durch den Bürgerkrieg spielte gewiss eine große Rolle dabei, weshalb diese Komplikationen vermehrt auftraten.

"Ein sehr schöner Moment für mich und das Team"

Ich erinnere mich noch an eine Frau, die einen Geburtsstillstand hatte. Ihr Kind hatte sich nicht richtig gedreht - eine so genannte Gesichtslage. Wir mussten einen Kaiserschnitt durchführen, um ihr und dem Baby das Leben zu retten. Zum Glück ging alles gut, und Mutter und Baby erholten sich sehr gut von der Geburt. Nach drei Tagen konnten wir sie gesund entlassen. Ein sehr schöner Moment für mich und das gesamte Team.

Doch Glück und Trauer liegen derzeit sehr eng beieinander in Syrien. Bei einer anderen Patientin mussten wir nach einer Fehlgeburt einen kleinen chirurgischen Eingriff durchführen, um die Blutung zu stoppen. Als sie aus der Narkose erwachte, schrie und weinte sie unaufhörlich. Ich fragte unseren Übersetzer, weshalb sie weinte. Die Schwester der Patientin saß im Nebenraum und antwortete uns: Ihr Mann ist erst vor kurzem im Krieg gestorben und nun hat sie auch noch das Baby verloren.

Der Konflikt bedeutet großes Leid für die Menschen in Syrien. Und doch gab es auch sehr schöne Momente. Die warmherzige Art und Freundlichkeit der Syrer werde ich nicht vergessen. Es ist wichtig, dass Ärzte ohne Grenzen vor Ort ist und hilft. Auch wenn ich jetzt wieder in Deutschland bin, verfolge ich die Nachrichten aus Syrien nun mit einem anderen Auge.

Ärzte ohne Grenzen nimmt für die Hilfe für Syrien aus Gründen der Unabhängigkeit keinerlei Regierungsgelder an und braucht die Unterstützung von privaten Spendern.