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Unser aktueller Seenotrettungseinsatz auf der Geo Barents

Jedes Jahr versuchen Menschen vor Gewalt, Unsicherheit und Verfolgung in ihren Heimatländern zu fliehen. Mit mehr als 79,5 Millionen sind derzeit so viele Menschen auf der Flucht wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg.   

Seit Mai 2021 setzen wir unsere Hilfe auf dem Mittelmeer fort – mit einem eigenen gecharterten Schiff: der Geo Barents. Ziel des Einsatzes ist es, die Leben von Geflüchteten und Migrant*innen zu retten, die sich auf die gefährliche Überfahrt von Libyen nach Europa machen, und diese medizinisch zu versorgen.

Aktuell befinden sich 296 Menschen an Bord der Geo Barents, die von den Teams des Schiffs aus Seenot gerettet wurden. Unter ihnen sind viele Frauen und Kinder.

Während der vorherigen Einsätze wurden 792 Menschen von den Rettungsteams geborgen und in Italien an Land gebracht.

Am 2. Juli war die Geo Barents im Hafen von Augusta mit der Begründung technischer Mängel festgesetzt worden. Nach 24 Tagen wurde sie wieder freigegeben. Wir fordern weiterhin die wiederholten, langwierigen und gezielten Blockaden von zivilen Rettungsschiffen zu unterlassen.

Teilweise befanden sich die fliehenden Menschen schon seit Tagen in manövrierunfähigen und überfüllten Booten innerhalb der maltesischen Seenotrettungszone. Trotz abgesetzter Notrufsignale kamen weder die maltesische Küstenwache noch die in der Nähe navigierenden Handelsschiffe den offensichtlich in Seenot geratenen Booten zur Hilfe. Die meisten ihrer Verletzungen sind auf Unterkühlung, Erschöpfung und Verätzungen durch die gefährliche Mischung aus Salzwasser und Benzin in den Booten zurückzuführen. 

Nur ein sehr kleiner Bruchteil der Menschen, die fliehen, macht sich auf den Weg nach Europa. Dieses Jahr versuchten bisher mehr als 10.000 Menschen, Europa über das Mittelmeer zu erreichen.

Seit 2015 waren wir auf dem Mittelmeer auf verschiedenen Schiffen im Einsatz: Während 682 Such- und Rettungseinsätzen haben wir mehr als 81.000 Menschen medizinisch versorgt. Die Überquerung des Mittelmeers ist die tödlichste Migrationsroute der Welt.

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Mitarbeiter*innen von Ärzte ohne Grenzen trainieren vor ihrem EInsatz auf dem Mittelmeer eine Seenotrettungsaktion
Unsere Rettungsteams trainieren verschiedene Rettungsmanöver: Seeübungen sind extrem wichtig, um gut auf tatsächliche Rettungen vorbereitet zu sein.
©Avra Fialas/MSF

Fragen & Antworten

Warum kehrt Ärzte ohne Grenzen mit einem Rettungseinsatz auf das Meer zurück?

Im Jahr 2021 verloren bisher 630 Personen* ihr Leben im zentralen Mittelmeer. Die tatsächliche Zahl der Todesopfer dürfte jedoch viel höher sein. Die Zahl der Menschen, die in den ersten fünf Monaten des Jahres vor allem von der libyschen und tunesischen Küste aus auf dem Seeweg zu fliehen versuchten, hat sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdreifacht, ebenso die Zahl der Toten und Vermissten.   

Ärzte ohne Grenzen nimmt die lebensrettenden Such- und Rettungsaktionen im zentralen Mittelmeer wieder auf, um weiterhin Leben an der tödlichsten Seegrenze der Welt zu retten und auf den menschlichen Tribut der rücksichtslosen europäischen Politik hinzuweisen.   

Dafür zu sorgen, dass niemand auf See stirbt, ist eine staatliche Aufgabe. Da sich die Staaten jedoch aus der Verantwortung für eine proaktive Such- und Rettungsaktion im zentralen Mittelmeer zurückgezogen haben, müssen die NGOs eine entscheidende Lücke füllen. Während es im zentralen Mittelmeer kaum oder gar keine engagierte Suche und Rettung gibt, ist das Risiko für die Menschen, bei dem Versuch der Überfahrt zu sterben, stark gestiegen.   

*Für aktuelle Daten zum IOM-Projekt für vermisste Migrant*innen: https://missingmigrants.iom.int/region/mediterranean  

Warum hat Ärzte ohne Grenzen beschlossen, ein eigenes Schiff zu chartern?  

Diesmal chartert Ärzte ohne Grenzen ein eigenes Schiff, die Geo Barents, um unabhängig operieren zu können, Menschen in Gefahr zu retten und medizinisch zu versorgen. Dies ist jedoch nicht das erste Mal: Seit Beginn der SAR-Aktivitäten im Jahr 2015 betrieb Ärzte ohne Grenzen eigene Schiffe und ging auch Partnerschaften mit anderen Organisationen ein.  

Im aktuellen Einsatz will Ärzte ohne Grenzen die operative und kommunikative Freiheit maximieren: das zu tun und zu sagen, was wir denken, dass es getan und gesagt werden muss, ohne mit einer anderen Partei verhandeln zu müssen.  

Wem gehört das Schiff, wie heißt es und um welche Art Schiff handelt es sich? 

Das Schiff ist Eigentum der norwegischen Firma Uksnøy. Der Chartervertrag hat eine anfängliche Laufzeit von 9 Monaten und kann verlängert werden.   
Das Schiff wurde auf den Namen Geo Barents getauft, nachdem es ursprünglich für seismische Forschungsaktivitäten gebaut wurde. Die Geo Barents ist ein Forschungs-/Vermessungsschiff, das im Jahr 2007 (vor 14 Jahren) gebaut wurde und folglich so modifiziert wurde, dass es jetzt als Rettungsschiff eingesetzt werden kann.   
Die Geo Barents wurde entsprechend den Anforderungen von Such- und Rettungseinsätzen umgebaut und hat eine Länge von 76,95 Metern. Es hat zwei Decks für Überlebende, eines für Männer und eines für Frauen und Kinder. An Bord befindet sich außerdem eine Klinik, ein Zimmer für gynäkologische Untersuchungen und ein Beobachtungsraum für alle medizinischen Aktivitäten. Es gibt zudem zwei schnelle Festrumpfschlauchboote (RHIBS), mit denen Rettungseinsätze durchgeführt werden können. Unsere Teams stehen nun wieder bereit, um erste medizinische Hilfe zu leisten und Hilfsgüter zu verteilen.

Ist Norwegen für einen sicheren Hafen verantwortlich?

Da die Geo Barents ein norwegisches Schiff ist, das im norwegischen internationalen Schiffsregister (NIS) registriert ist, fährt sie folglich unter norwegischer Flagge.  

Nach internationalem Seerecht ist eine Rettung erst dann abgeschlossen, wenn die geretteten Personen an einem sicheren Ort an Land gebracht werden. Die Verantwortung für die Zuweisung eines sicheren Ortes liegt bei der koordinierenden Such- und Rettungsbehörde sowie den unmittelbaren Nachbarstaaten, nicht beim Flaggenstaat. Im Jahr 2017 wurde ein großer Teil des zentralen Mittelmeers in die Verantwortung der libyschen Gemeinsamen Rettungsleitstelle (JRCC) gegeben. Da Libyen jedoch nicht die Kriterien erfüllt, um als sicherer Ort für die Ausschiffung von auf See geretteten Personen benannt zu werden, sind SAR-Schiffe verpflichtet, beim nächstgelegenen Koordinationszentrum (MRCC) einen sicheren Ort anzufragen.  

Wie die jüngsten Pannen im zentralen Mittelmeer gezeigt haben, waren die europäischen Staaten zeitweise nicht bereit, einen sicheren Ort anzubieten. Dies führte dazu, dass schutzbedürftige Menschen wochenlang auf dem Meer gestrandet sind, während europäische Regierungen über ihr Leben verhandelten. In solch einer Situation bittet Ärzte ohne Grenzen unseren Flaggenstaat zu intervenieren und dabei zu helfen, eine rasche Ausschiffung am nächstgelegenen sicheren Ort auszuhandeln.  

Ist die humanitäre Krise im zentralen Mittelmeer so verheerend? 

Wir beobachten eine sich ständig verschlimmernde humanitäre Katastrophe, mit einem jüngsten Anstieg der Todesopfer: Seit Anfang des Jahres haben mindestens 630 Menschen ihr Leben im zentralen Mittelmeer verloren.  

Ein kürzlich gemeldeter großer Schiffbruch in einer langen Reihe ähnlicher Ereignisse ereignete sich am 22. April: 130 Menschen starben, nachdem ihr Schlauchboot in einem Sturm Schiffbruch erlitt. Die italienischen, libyschen und maltesischen Behörden unterließen es, dem Schiff Hilfe zu leisten, obwohl sie von der Situation wussten.   

Männer, Frauen und Kinder trieben auf offener See und wurden dem Verdursten oder Ertrinken überlassen. Es gibt Berichte von EU-Frontex-Grenzschutzflugzeugen, die Koordinaten der Boote mit der libyschen Küstenwache teilen, damit die Menschen abgefangen und nach Libyen zurückgebracht werden können. Anderen Schiffen, die in der Lage sind, Hilfe zu leisten (einschließlich SAR-NGO-Schiffe) werden diese Informationen nicht systematisch weitergegeben.  

Diejenigen, die nicht auf See sterben, laufen also Gefahr, von der EU-unterstützten libyschen Küstenwache vor der libyschen Küste abgefangen und unter entsetzlichen Bedingungen gewaltsam nach Libyen zurückgebracht zu werden. Die meisten dieser Personen enden zwangsweise und auf unbestimmte Zeit in gefährlichen Internierungslagern, in denen es zu körperlicher Misshandlung, sexualisierter Gewalt und Ausbeutung kommt und in denen es nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung gibt. Hinzu kommt der Entzug von Nahrung und Wasser sowie Überbelegung und wenig Gelegenheit zur Aufrechterhaltung des Mindestabstands im Kontext einer globalen Pandemie.  

Welche Verantwortung haben europäische Mitgliedsstaaten in dieser Krise?

Europäische Staaten und libysche Seebehörden haben wiederholt versagt, Menschen zu retten, die versuchen das Mittelmeer zu überqueren und dabei in Not geraten. Die Präsenz von Ärzte ohne Grenzen im zentralen Mittelmeer ist das direkte Ergebnis des fortschreitenden und beschämenden Rückzugs der europäischen Such- und Rettungskapazitäten.   

Die Küstenstaaten Italien und Malta missachten ihre Verpflichtung zur Hilfeleistung für Boote in Seenot. Männer, Frauen und Kinder treiben stunden- oder sogar tagelang auf dem Meer und laufen dort Gefahr, zu verdursten oder zu ertrinken. Gleichzeitig kreisen EU-Grenzschutzflugzeuge über ihnen. Diese informieren aber keine nahegelegenen Schiffe, die den schutzlosen Menschen helfen könnten.   

Europäischen Staaten stellten die Suche und Rettung ein. Stattdessen gab es zwei neue Schwerpunkte der europäischen Reaktion auf die Krise im Mittelmeer: die Aufstockung der Kapazitäten der libyschen Küstenwache und die Unterstützung effektiver Zwangsrückführungen nach Libyen, wo Inhaftierung und Missbrauch die Norm sind.  

Ärzte ohne Grenzen fordert Italien, Malta und alle europäischen Mitgliedsstaaten auf, eine staatlich geführte, engagierte und proaktive Such- und Rettungskapazität im zentralen Mittelmeer sicherzustellen. Außerdem muss für eine schnelle und angemessene Reaktion auf alle Notrufe sowie eine vorhersehbare Überführung von Überlebenden an einen sicheren Ort gesorgt werden.    

Was sind Versäumnisse der lybischen Küstenwache & die Mitschuld der EU Staaten?

Die von der EU finanzierte libysche Küstenwache hat bei vielen Gelegenheiten bewiesen, dass ihre mangelnden Kapazitäten bei der Durchführung und Koordinierung von SAR-Einsätzen Leben gefährden und zu Todesfällen führen. Trotz ihrer erwiesenen Untätigkeit verstärken Italien und die EU die Zusammenarbeit mit der LCG weiter.  

Da Libyen kein sicherer Ort für auf See Gerettete ist, sollten die Menschen auf Booten in Not nicht abgefangen und zwangsweise nach Libyen zurückgebracht werden. Die europäischen Staaten und Institutionen müssen ihre politische und materielle Unterstützung für die libysche Küstenwache und das System der Zwangsrückführungen nach Libyen beenden. Die EU-Mitgliedsstaaten müssen außerdem dringend alle Vorwürfe zu Pushbacks* oder anderen unrechtmäßigen Rückführungen untersuchen.  

* PushBacks nennt man staatliche Maßnahmen, durch die Geflüchtete und Migrant*innen unmittelbar nach Grenzübertritt zurückgeschoben werden. Da ihnen hierbei die völkerrechtlich verbriefte Möglichkeit genommen wird, einen Asylantrag zu stellen oder deren Rechtmäßigkeit gerichtlich überprüfen zu lassen, verstoßen Push-Backs gegen internationales Recht, wie z.B. gegen das Verbot der Kollektivausweisung der Europäischen Menschenrechtskonvention.

Warum bringen Sie die Menschen nicht zurück nach Libyen? 

Libyen kann nach internationalem und maritimem Recht nicht als sicherer Ort für aus dem Meer gerettete Menschen angesehen werden.   

Wie Ärzte ohne Grenzen seit Jahren in Libyen beobachten konnte, sind Migrant*innen und Geflüchtete weiterhin Misshandlungen, Ausbeutung und willkürlicher Gewalt ausgesetzt. Ärzte ohne Grenzen hat zahlreiche gewaltbedingte Verletzungen behandelt: darunter Frakturen, Traumata durch stumpfe Gegenstände, Schürfwunden, Augenverletzungen, Schusswunden und Gliederschwäche. Viele dieser Verletzungen sind erst kürzlich entstanden, was darauf hindeutet, dass sie in den Haftanstalten zugefügt wurden.  

Die meisten der zurückgeschickten Personen landen zwangsweise und auf unbestimmte Zeit in diesen gefährlichen Internierungslagern, die durch Verweigerung des Zugangs zu medizinischer Versorgung geprägt sind. Hinzu kommt der Entzug von Nahrung und Wasser sowie Überbelegung und wenig Gelegenheit zur Aufrechterhaltung des Mindestabstands im Kontext einer globalen Pandemie.  

Im Jahr 2021 wurden bisher fast 10.000* Menschen von der EU-unterstützten libyschen Küstenwache (LCG) aufgegriffen und zwangsweise nach Libyen zurückgeschickt.  

Wie viele Menschen wurden bisher versorgt und wie viele sind gestorben?

Der Weg über das Mittelmeer ist die derzeit tödlichste Migrationsroute der Welt. So starben seit 2014 mehr als 30.000 Menschen auf dem Mittelmeer, in diesem Jahr bereits mindestens 500 Menschen. Unsere Teams haben seit 2015 mehr als 81.000 Menschen medizinisch versorgen können.  

Warum fliehen die Menschen über das Mittelmeer? 

Ärzte ohne Grenzen unterstützt seit dem Jahr 2002 Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa geflohen sind. Unsere Mitarbeiter*innen sehen schon seit langem die Folgen von Konflikten, Hunger und Krankheiten in Afrika, Asien und dem Mittleren Osten. Die von uns geretteten Menschen beschreiben immer wieder, dass sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben, als ihr Leben zu riskieren, um nach Europa zu gelangen. Sie fliehen vor Gewalt, Krieg, Verfolgung und Armut in ihren Herkunftsländern. Viele von ihnen haben zudem auf ihrem Weg nach Europa extreme Gewalt und Ausbeutung, etwa in Libyen, erlebt. Fast alle berichten von gewaltsamen Übergriffen wie Schlägen, sexueller Gewalt und Mord. Nach der traumatischen Flucht und den Erlebnissen in Libyen gibt es für die meisten keinen Weg mehr zurück.  

Das fast vollständige Fehlen sicherer und legaler Wege, Asyl zu beantragen oder nach Europa zu migrieren, zwingt Tausende Menschen, ihr Leben an Bord unsicherer Boote zu riskieren.  

Warum sterben immer noch Menschen im Mittelmeer? 

Die Tatsache, dass so viele Menschen beim Versuch sterben, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen, ist das Resultat starker „Push-Faktoren“, beispielsweise gewalttätige Konflikte wie in Somalia. Auch die Gewalt und die Misshandlungen, die Flüchtende während ihres Aufenthalts in Libyen erleben, führen dazu, dass die Menschen das Land verlassen und die gefährliche Überfahrt wagen. Zum anderen ist die gefährliche Flucht über das Meer auch eine direkte Folge der immer restriktiver werdenden EU-Asyl- und -Migrationspolitik.  

Die Schließung der europäischen Grenzen und das fast vollständige Fehlen sicherer und legaler Wege, Asyl zu beantragen oder nach Europa zu migrieren, zwingt Tausende Menschen, ihr Leben an Bord ungeeigneter Boote zu riskieren. Verstärkter Grenzschutz, erhöhter Militäreinsatz, Bekämpfung von Schleppernetzwerken – die von der EU angestrengten Maßnahmen haben letztendlich dazu geführt, dass noch mehr Menschen im Mittelmeer ertrunken sind. Weiterhin konzentriert man sich auf die Bekämpfung der Auswirkungen und nicht auf die Ursachen. Die Schlepper beispielsweise haben nun einfach ihre Vorgehensweise an die europäischen Maßnahmen angepasst, sodass die Überfahrt noch gefährlicher geworden ist.  

Ärzte ohne Grenzen ist davon überzeugt, dass Menschen ohne sichere Alternativen weiterhin bereit sein werden, sich auf gefährliche Routen zu begeben und ihr Leben zu riskieren. Sie auf See zu retten ist keine Lösung, sondern nur eine Notfallmaßnahme, um Menschen vor dem Tod zu bewahren.  

Ermutigen Rettungsaktionen nicht dazu, sich auf den Weg über das Meer zu machen?

Es sind nicht die Rettungsschiffe, die Menschen als angeblicher „Pull-Faktor“ zur Flucht über das Meer treiben. Es sind vielmehr die „Push-Faktoren“ wie Konflikte, extreme Armut und Ungleichheit, die Millionen Menschen dazu bringen, anderswo Schutz zu suchen. Über das Mittelmeer fliehen die Menschen seit mehr als einem Jahrzehnt. Inzwischen sind es der militärische Konflikt sowie Gewalt und willkürliche Inhaftierung, mit denen Migrant*innen, Geflüchtete und Asylsuchende in Libyen konfrontiert werden, die sie verzweifelt die gefährliche Mittelmeerüberquerung versuchen lassen. Viele der Menschen, die wir in den vergangenen Jahren gerettet haben, haben unseren Mitarbeiter*innen gesagt: Lieber sterbe ich auf dem Meer, als in Libyen zu bleiben.  

Selbst wenn keine Rettungsschiffe im Einsatz sind, riskieren Menschen ihr Leben und versuchen, das zentrale Mittelmeer in unsicheren Schlauch- oder Holzbooten zu überqueren. Im ersten Halbjahr 2020 haben viermal so viele Menschen versucht, über das Mittelmeer aus Libyen zu fliehen wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres – obwohl fast keine Such- und Rettungsschiffe im Einsatz waren. Der Großteil der Menschen, die an der Küste Nordafrikas von Land gegangen sind, hat es nicht nach Europa geschafft.  

Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen kommen übrigens zu dem Schluss, dass es keinen „Pull-Faktor“ durch Rettungsschiffe im Zentralen Mittelmeer gibt:  

Machen solche Rettungsaktionen nicht die Arbeit von Schlepper*innen einfacher?

Für verzweifelte Menschen bleiben Schlepper*innen trotz aller Kosten und Gefahren die einzig verbliebene Option. Schleusen ist ein Geschäft, das die Not der Menschen ausnutzt. Es ist nur ein Symptom des Problems, aber nicht die Ursache. Solange es keine legalen Fluchtwege gibt, wird es auch weiter Schlepperaktivitäten geben, unabhängig von Such- und Rettungsaktionen. Vielmehr profitiert das Geschäft der Schlepper von einer restriktiven Migrationspolitik der EU, die keine legalen Wege nach Europa zulässt.  

Wäre das Geld nicht in den Herkunftsländern der Flüchtenden besser eingesetzt?

Ärzte ohne Grenzen arbeitet derzeit in rund 70 Ländern weltweit. Darunter sind auch viele Länder, aus denen die Menschen stammen, die über das Mittelmeer fliehen. Genauso sind Länder darunter, in denen die Menschen erste Zuflucht finden, über die sie weiterreisen oder in denen ihre Reise nach Europa endet. Die Einsätze von Ärzte ohne Grenzen in diesen Ländern werden fortgeführt. Die Menschen, die über das Mittelmeer fliehen, brauchen ebenso medizinische Hilfe.  

Wäre es nicht besser, strenge Grenzkontrollen einzuführen?

Grenzschließungen und das Fehlen von legalen Optionen haben dazu geführt, dass immer mehr schutzsuchende Menschen sich immer größeren Gefahren aussetzen. Dazu gehört, dass sie die Flucht über das Meer versuchen – in unsicheren Booten und unter inakzeptablen Bedingungen. Der einzige Weg, um das zu verhindern, ist das Schaffen von sicheren und legalen Alternativen wie beispielsweise Umsiedlung im Rahmen des UNHCR (Resettlement), humanitäre Visa, Familienzusammenführung, Arbeitserlaubnisse für Saisonarbeiter oder Visa für Studierende.  

Warum kommen auch viele Menschen aus Ländern, in denen kein Krieg herrscht? 

Die Gründe dafür, warum Menschen ihr Land verlassen, sind sehr komplex. Allerdings riskiert niemand sein Leben und manchmal auch das Leben seiner Kinder, wenn er für sich eine Bleibeperspektive sieht. Viele der Menschen auf den Booten können nicht schwimmen und besitzen keine Rettungswesten, und sind so in akuter Lebensgefahr.  

Mit welchen Rettungsschiffen war Ärzte ohne Grenzen bisher im Einsatz?

2015 war Ärzte ohne Grenzen auf den drei Rettungsschiffen Dignity I, Bourbon Argos und Phoenix (in Zusammenarbeit mit MOAS) auf dem Mittelmeer im Einsatz, 2016 mit Dignity I, Bourbon Argos und Aquarius (in Zusammenarbeit mit SOS Mediterranee). 2017 wurde neben der Aquarius das Boot Prudence von März bis Oktober 2017 eingesetzt. Den Einsatz mit der Aquarius mussten wir gezwungenermaßen im Dezember 2018 beenden. Dem waren fadenscheinige Anschuldigungen und eine Blockadehaltung verschiedener europäischer Regierungen gegenüber privater Seenotrettung vorausgegangen. Ab Juli 2019 bis Anfang 2020 war Ärzte ohne Grenzen zusammen mit SOS Mediterranee auf der Ocean Viking im Einsatz. Im April 2020 endete die Zusammenarbeit. Zwischen August 2020 und März 2021 waren wir auf der Sea Watch 4 im Einsatz, getragen von United4Rescue.

Was bedeutet die Forderung nach sicheren und legalen Wegen nach Europa?

Wir setzen uns dafür ein, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, menschlich behandelt zu werden – unabhängig von der Frage, weshalb er oder sie seine Heimat verlassen hat. Laut internationalem Flüchtlingsrecht hat jeder Mensch das Recht, sein Heimatland zu verlassen, um Schutz zu suchen und Asyl zu beantragen. Die Staatengemeinschaft hat sich mit den entsprechenden Gesetzen darauf geeinigt, dass Menschen nicht kriminalisiert werden, wenn sie in einem anderen Land Schutz suchen. Asylsuchende müssen daher die Möglichkeit bekommen, legal Grenzen überqueren zu können, ohne dabei ihr Leben aufs Spiel zu setzen wie bei der Überquerung des Mittelmeers.  

Es gibt verschiedene Formen von sicheren und legalen Wegen nach Europa, beispielsweise Resettlement (Umsiedlung im Rahmen des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen - UNHCR), humanitäre Visa, Familienzusammenführung, Arbeitserlaubnisse für Saisonarbeiter oder Visa für Studierende. Den Staats- und Regierungschefs der EU wurden vom UNHCR und anderen Migrations- und Asylexperten umfassende Vorschläge unterbreitet. Die EU muss dringend anfangen, eine humane Migrations- und Asylpolitik zu erarbeiten und umzusetzen.  

Warum gibt es diese Einmischung in ein Aufgabengebiet der europäischen Politik?

Ärzte ohne Grenzen ist eine humanitäre Hilfsorganisation und handelt nach den Prinzipien der medizinischen Ethik. Daher können wir die Situation auf dem Mittelmeer nicht ignorieren. Wir fühlen uns den Menschen in Not verpflichtet, die im Mittelmeer zu ertrinken drohen. Deren Ertrinken zu verhindern ist in erster Linie eine Aufgabe der Politik. Weil dies nicht geschieht, fordern wir die EU dazu auf, eine humane Flüchtlings- und Asylpolitik umzusetzen, ihre Politik der Ausgrenzung und Kriminalisierung zu beenden und Seenotrettung zu betreiben. Doch ganz unabhängig von der politischen Meinung, die Menschen zu diesem Thema haben können, sind es zwingende humanitäre Gründe, die gebieten, Leben auf dem Mittelmeer zu retten.