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Schlangen, Guerilleros und ein Mikroskopista

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Steve Hide

Ich bin derzeit Landeskoordinator in Kolumbien für Ärzte ohne Grenzen. Ich war bereits in Simbabwe, Angola, Nigeria und El Salvador im Einsatz. In den letzten Jahren habe ich auch für eine Reihe anderer NGOs in Kolumbien und Venezuela gearbeitet und lebe mit meiner Familie in Bogotá.

Steve Hide koordiniert den Einsatz in Kolumbien und berichtet von Spannungsfeldern, Heilerinnen und wie Fußball Zukunftsperspektiven öffnet.

Im Hinterland der kolumbianischen Pazifikküste kostet das lokale Gegenmittel für einen Giftschlangenbiss so viel wie ein Sarg. 

“Du kannst es Dir aussuchen: Heilung oder Sarg. So oder so, Du bezahlst." 

Francine* ist eine ältere Curandera, eine traditionelle Heilerin, sie erzählt mir all dies während wir auf ihrer Veranda sitzen. Ihr Haus liegt an einem braunen Fluss im Grenzgebiet zu Ecuador, der eine Tagesreise in einem motorisierten Kanu flussabwärts in den grauen Pazifik mündet. 

An vielen Stellen ist das Flussufer mit kleinen Sträuchern bedeckt – Setzlinge für die Kokaplantagen, die sich in das umliegende Flachland ausbreiten. Kokabauern spazieren mit Säcken voller Setzlinge und schwingenden Macheten am Flussufer entlang.  

Francine zählt die Schlangen auf, von denen die Feldarbeiter*innen in dieser Gegend häufig gebissen werden: die Verrugosa, Südamerikas größte Giftschlange; die Talla equis, eine kleinere aber genauso gefährliche Natter; und die Papagayo, die sich oft in Bäumen versteckt.

Altes Wissen

Die natürlichen Heilrezepte werden in Francines Familie schon seit Generationen geheim gehalten und weitergegeben. Die Menschen vertrauen ihrem Wissen. 

In diesem abgelegenen Winkel von Kolumbien gibt es nur wenige Alternativen, die nächste Gesundheitsstation ist mit einem motorisierten Kanu in 6 Stunden zu erreichen. Das Benzin ist knapp und teuer und selbst wenn man bei jemandem mitfahren darf, lassen bewaffnete Truppen oft nicht zu, dass man das Gebiet verlässt. 

Die Afro-Kolumbianischen Gemeinden im Küstentiefland des Nariño-Abschnitts sind Dreifach belastet: Jahre institutioneller Verwahrlosung, scheinbar endloser Dschungel mit sich schlängelnden Flüssen und das Risiko von bewaffneten Männern hinter jeder Biegung. 

Zu Auto, zu Wasser und zu Land

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Ein Team von Ärzte ohne Grenzen unterwegs auf dem Fluss
Viele der Gemeinden im Gebiet des Nariño Flusses erreicht man nur auf einem Weg: zu Boot.
©Steve Hide/MSF

Ich habe zwei Tage gebraucht, um hierher zu kommen: ein Tag in einem Auto über holprige, schlammige Straßen, dann zwei Kanutouren, gefolgt von einem Fußmarsch durch den Dschungel. 

Die zweite Kanutour war besonders anstrengend: Der Bootsführer rammte einen untergetauchten Baumstamm und wurde ins Wasser geschleudert. Als ich es endlich geschafft hatte, den Motor auszustellen, waren wir schon ein gutes Stück weiter flussabwärts. Also startete ich den Motor neu, drehte das Boot um und fuhr zurück zum Fahrer, der sich an einem Baumstamm festhielt. 

Dieser kleine Unfall brachte uns enger zusammen und bescherte uns in den kommenden Tagen im Dorf noch einige lustige Situationen. 

“Bist Du in den Fluss gefallen?”, rufe ich ihm entgegen, wenn er an mir vorbeikommt. “Bist Du heute das Kanu gefahren?”, ruft er zurück.

Jeder brüllt hier, auch wenn man nur zwei Schritte auseinander steht.  

Waffen und Koka

Ich bin Teil eines Teams, das abgelegene Dörfer entlang des Flusses medizinisch versorgt. Die Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen arbeiten hier in einer improvisierten Klinik, die in einer verlassenen Schule aufgebaut wurde. 

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Ein leerstehendes Schulgebäude wird zu einem Gesundheitszentrum von Ärzte ohne Grenzen umfunktioniert
Flexible medizinische Grundversorgung: Ein verlassenes Schulgebäude wird zum temporären Gesundheitszentrum umfunktioniert.
©Steve Hide/MSF

Am nächsten Tag tauchen neue Gesichter im Dorf auf: eine Gruppe gefährlich aussehender Typen, die auf Plastikstühlen auf einem leeren Grundstück sitzen. Ich lade mich selbst ein, setze mich dazu und rede über Gesundheit. 

Später am Abend sehe ich die gleiche Gruppe auf den gleichen Stühlen, aber jetzt sind sie mit Maschinengewehren ausgerüstet. Eindeutig eine bewaffnete Truppe. Nach dem Abendessen, auf dem Weg zum Waschen im Fluss, kommen wir an ihnen vorbei. Die Kämpfer pfeifen ein fröhliches “buenas noches”. So weit so gut. 

Diese bewaffneten Männer scheinen im Dorf zu Hause zu sein. Aber es ist schwer einzuschätzen, wie die Einheimischen zu ihnen stehen. Dass sie da sind, hängt mit den Kokaplantagen zusammen, die in regelmäßigen Abständen von staatlichen Truppen, die plötzlich mit dem Helikopter ankommen, gewaltsam ausgerottet werden. Die bewaffneten Jungs sind auch dazu da, das Gebiet gegen andere bewaffnete, nicht-staatliche Gruppen zu verteidigen, die eindringen wollen. 

Noch weit weg von Frieden

Der 2016 viel gelobte Friedenschluss zwischen der Regierung und der FARC hat sich hier kaum bemerkbar gemacht. Die zerstrittenen Gruppen an der pazifischen Küstenregion kämpfen nun um das, was die Guerillas zurückgelassen haben. 

Immer wieder werden Menschen in Massakern getötet oder von der Gewalt vertrieben. Und auch andere, weniger auffällige Ereignisse, wie Gefangennahmen, kleinere Kämpfe und einzelne Tötungen finden regelmäßig unter dem Deckmantel des Konflikts statt. 

Samuel*, der unser Team durch die Gegend führt, hat ein gutes Gespür für die lokale Geografie und den Kontext. Trotzdem komme ich in der Buchstabensuppe der bewaffneten Gruppen oft durcheinander: GUP, FOS, ELN, AGC, E30FB, Front 30, nicht zu vergessen Los Cuyes und Los Contadores. 

Wie schafft es Ärzte ohne Grenzen durch dieses Labyrinth an Hindernissen zu kommen, um gefährdete Gemeinden mit medizinischer Versorgung zu unterstützen? Ein Vorteil ist, dass wir schon seit 30 Jahren hier arbeiten und den kolumbianischen Konflikt stetig miterleben. 

“Die älteren Kämpfer*innen erinnern sich an uns aus vergangenen Tagen und das hilft”, sagt Samuel. 
Er weiß, dass neue Gruppen mit jungen Kämpfer*innen ein höheres Risiko für die medizinischen Teams bedeuten, weil Vertrauen und Respekt erst noch aufgebaut werden müssen. 

Eine trügerische Idylle

In einem Dorf flussabwärts treffen wir Wilson*, er ist Mikroskopista . Er ist der Letze von einem damals großen Netzwerk an Einheimischen, die ausgebildet wurden, um mit einem Mikroskop Malariaparasiten in Blutproben zu identifizieren.  

Vor Jahren hatte jedes Dorf einen Mikroskopista, ein gutes Mikroskop und einfache Laborutensilien sowie eine Schachtel mit Malariapillen. Damit konnten die Gemeinden die Krankheit selbst diagnostizieren und die lebensrettende Behandlung beginnen. 

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Ein friedlicher Moment: Erwachsene gehen ihren Aufgaben nach, während Kinder im Wasser spielen.
Entlang des Flusses liegen viele Dörfer, die nur über Kanus zu erreichen sind und deswegen auch auf medizinische Unterstützung angewiesen sind.
©Steve Hide/MSF

Ich beobachte wie eine Gruppe von Kindern – nicht älter als 8 Jahre alt – ein Kanu kapert und mit kleinen Holzstücken als Paddel den Fluss hinauffährt. Die Szenerie wirkt idyllisch, aber ich weiß, dass das nur von kurzer Dauer ist. Von den Jugendlichen wird erwartet, dass sie Koka auf den Plantagen pflücken, die mehrere Bootsstunden von ihrem Dorf entfernt liegen. Die heranwachsenden Mädchen sollen mit 15 Familien gründen. Das ist auch das Alter, in dem bewaffnete Truppen kommen und nach Freiwilligen suchen. 

Spielen für die Zukunft

Aktuell rekrutieren die Gangs Kinder nicht mit Gewalt, erklärt mir der Schullehrer des Dorfes. Aber besonders für Jugendliche mit wenigen Alternativen ist der Beitritt in eine dieser Gruppen interessant.  

Die erfolgreichste Strategie im Kampf gegen Gangzugehörigkeit ist Fußball.
Deswegen trainiert er in seiner Freizeit vier Teams – zwei Jungen- und zwei Mädchenmannschaften – und er hat eine Liga mit anderen Dörfern organisiert. “Die Kinder lieben es zu spielen und sich herauszufordern. Das bindet sie an die Schule und hält sie von anderen Einflüssen ab,” sagt er.  

 

*Die Namen wurden verändert, um Identitäten zu schützen.