Hilfe aufbauen, Vertrauen gewinnen: Im Einsatz gegen das Ebolafieber
Als ich zu meinem Einsatz nach Beni im Nordosten der DR Kongo aufbreche, ist vieles noch unklar: das Ausmaß des Ebolafieber-Ausbruchs, die Strukturen in der Provinz Nord-Kivu und die Sicherheitslage in der Stadt. Als Projektkoordinatorin kenne ich solche Situationen. In Krisen baue ich mit meinem Team schnell medizinische Hilfe auf, auch unter schwierigen Bedingungen.
Schnell wird klar: Wir müssen nicht nur medizinische Strukturen schaffen. Wir müssen auch Vertrauen gewinnen. Viele Menschen in Beni haben frühere Ebolafieber-Ausbrüche erlebt und keine guten Erinnerungen daran.
„Man weiß nie genau, was einen erwartet.“
Als ich in Beni ankomme, haben sich nachweislich bereits 7 Menschen mit Ebolafieber infiziert. 5 von ihnen sind schon gestorben. Das zeigt: Viele Menschen suchen erst spät medizinische Hilfe. Außerdem müssen bei meiner Ankunft erst noch Testlabore errichtet werden. Dadurch steigt das Risiko weiterer Ansteckungen. Deshalb ist eine der zentralen Fragen, die wir uns stellen: Wie weit ist das Ebolavirus bereits innerhalb der Bevölkerung in Beni verbreitet?
Beni ist ein wichtiges Handelszentrum in Nord-Kivu. Es wird mit Holz, Kaffee und Kakao gehandelt. Viele Vertriebene sind wegen Gewalt und Unsicherheit in die Stadt gekommen. Wohnraum ist knapp und teuer. Lagerflächen finden wir nur schwer. Die Stadt hat ein großes Krankenhaus und einen regionalen Flughafen. Unser Material transportieren wir über den Landweg, auch wenn Frontlinien und Checkpoints in der von bewaffneten Gruppen umkämpften Region Transporte immer wieder verzögern.
Aktuelle Entwicklungen in der DR Kongo
- 4.566 Bestätigte Infektionen
- 918 Überlebende
- 2.128 Bestätigte Todesfälle
- 46,6% Sterblichkeitsrate
Kontaktverfolgung ist sensible Detektivarbeit
Eine der ersten Aufgaben ist es, die Kontaktnachverfolgung zu unterstützen. Bei bestätigten Ebola-Fällen wird rekonstruiert, mit wem die erkrankte Person seit Symptombeginn Kontakt hatte. Diese Menschen müssen informiert, beobachtet und bei Symptomen schnell medizinisch versorgt werden.
Die Gespräche müssen sehr behutsam geführt werden. Angehörige von Verstorbenen trauern, Menschen fürchten Stigmatisierung oder misstrauen den Behörden. Rund um Ebolafieber existieren viele Gerüchte und Falschinformationen. Einige Kontaktnachverfolger*innen wurden bereits angegriffen.
Wir unterstützen die Kontaktverfolgung praktisch, in dem wir zum Beispiel Motorräder, Treibstoff und Laptops bereitstellen.
Das Trauma früherer Ebolafieber-Ausbrüche
Der letzte große Ebolafieber-Ausbruch hat tiefe Wunden hinterlassen. Viele Menschen haben Angehörige verloren. Behandlungszentren wirkten damals oft abgeschottet. Menschen gingen lebend hinein und kamen tot wieder heraus. Familien konnten kaum nachvollziehen, was passiert war. Dieses Gefühl von Intransparenz verstärkte Misstrauen und Gerüchte.
Humanitäre Organisationen kamen damals mit Geld, Fahrzeugen und Personal. Aus Sicht vieler Menschen interessierten sie sich fast nur für Ebolafieber. Andere akute Probleme, wie die omnipräsente Gewalt, Vertreibungen und fehlende grundlegende medizinische Versorgung rückten in den Hintergrund.
Vertrauen durch Nähe zur Bevölkerung aufbauen
In Beni beobachten wir viel Misstrauen, aber auch gut organisierte gesellschaftliche Strukturen. Jugend-, Frauen- und Motorradfahrergruppen, Kirchen und Stadtteilnetzwerke. Mit ihnen gehen wir früh in den Austausch. Dabei geht es uns nicht nur um die Weitergabe von Informationen, sondern vor allem ums Zuhören: Welche Sorgen gibt es? Was lief früher falsch? Welche Hilfe wird akzeptiert?
Aus diesen Gesprächen entstehen konkrete Änderungen in unserem Vorgehen:
- kleinere Beobachtungsräume in bestehenden Gesundheitszentren
- direkter Zugang für Angehörige
- der Verzicht auf orangefarbene Zäune
Eine wichtige Anpassung ist der Aufbau kleiner Räume in bestehenden Gesundheitszentren zur Beobachtung von Patient*innen mit Verdacht auf Ebolafieber. Sie sollen möglichst im eigenen Stadtviertel versorgt werden. Familie und Freund*innen können sie so mit Abstand besuchen, mit ihnen sprechen und Essen übergeben. Diese Transparenz ist entscheidend, damit die Menschen nicht das Gefühl haben, ihre Angehörigen würden „verschwinden“.
Schwer erkrankte Patient*innen können in diesen dezentralen Gesundheitseinrichtungen allerdings nicht umfassend behandelt werden. Wenn zum Beispiel Sauerstoff oder intensivere medizinische Betreuung nötig wird, werden sie in ein größeres Behandlungszentrum überwiesen.
Ein scheinbar kleines, aber sehr wichtiges Detail ist die Gestaltung der Einrichtungen. Die Bevölkerung bat uns ausdrücklich darum, keine orangefarbenen Zäune zu verwenden. Diese erinnern sie an frühere Ebola-Behandlungszentren, in denen zahlreiche Menschen gestorben sind. Wir reagieren darauf, indem wir möglichst lokale Materialien nutzen, etwa Holzzäune oder anders gestaltete Abgrenzungen. Innen müssen bestimmte Materialien aus hygienischen Gründen weiterhin verwendet werden, aber nach außen soll die Einrichtung weniger bedrohlich wirken.
Diese Beispiele, haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, Infektionsschutzmaßnahmen mit sozialer Akzeptanz zusammenzubringen.
Sicherheitslage schränkt Arbeit ein
Bereits an meinem ersten Tag gibt es vor unserer Unterkunft eine Demonstration gegen die lokale Regierung nach Massakern an der Zivilbevölkerung. Schüsse fallen. Mehrere Stunden bleiben wir in unseren Zimmern.
Beni und die Umgebung erleben regelmäßig Gewalt gegen Zivilpersonen, Demonstrationen und bewaffnete Zwischenfälle. Täglich bewerte ich neu, ob Teams bestimmte Orte sicher erreichen können. Neben der medizinischen und organisatorischen Arbeit spielt das Sicherheitsmanagement eine große Rolle in meinem Arbeitsalltag.
Ein Brandanschlag auf ein Gesundheitszentrum, in dem wir ein Beobachtungszentrum aufbauen, unterbricht unsere Arbeit. Erst nachdem klarer wird, dass es sich offenbar nicht um einen gezielten Angriff einer Gruppe gegen Ärzte ohne Grenzen handelt, kehrt unser Team zurück.
Trotz Misstrauen und Sicherheitsproblemen erlebe ich auch ermutigende Momente. Noch am Tag des Brandes suchen lokale Vertreter*innen gemeinsam mit uns nach Lösungen. Für mich ist das ein starkes Zeichen, dass Teile der Gemeinschaft unsere Arbeit unterstützen.
Hilfe bleibt fragil, wenn Zeitdruck und Engpässe zusammenkommen
Ich bin überrascht, wie oft grundlegende Dinge fehlen. Es gibt zum Beispiel ein Labor mit Testkapazitäten und Reagenzien, aber nicht genug Treibstoff, damit zuverlässig der Strom da ist und sie funktionieren können.
Selbst wenn Strukturen vorhanden sind, können kleine logistische Lücken große Auswirkungen haben. Wenn unsere Teams und die des Gesundheitsministeriums nicht zu den Menschen fahren, Daten zur Kontaktnachverfolgung nicht eingegeben oder Proben nicht transportieren können, wird es sehr schwer, den Ebolafieber-Ausbruch schnell zu verstehen und einzudämmen.
Trotz der schwierigen Bedingungen ist das erste dezentrale Beobachtungszentrum nach etwa 10 Tagen aufgebaut. Ein zweites braucht ungefähr zwei Wochen. Auch das Team wächst in kurzer Zeit stark.
Da es für das Budingbuyo-Virus, dass für den aktuellen Ebolafieber-Ausbruch verantwortlich ist, keine spezifische Behandlung und Impfungen gibt, konzentriert sich medizinische Hilfe vor allem auf unterstützende Behandlung: Schmerzen lindern, Fieber senken, Flüssigkeitsverlust ausgleichen und den Körper so stabilisieren.
Wenn infizierte oder erkrankte Menschen früh medizinische Hilfe suchen, steigen ihre Überlebenschancen. Viele Menschen fragen jedoch: Warum sollen wir kommen, wenn es keine spezifische Therapie gibt? Genau deshalb versuchen wir ihnen zu erklären, dass eine frühzeitige Versorgung der Symptome die Überlebenschancen erhöht und Vertrauen in unsere Arbeit und Expertise aufzubauen.
Mit einer Spende von 85 Euro...
finanzieren Sie z.B. ein komplettes Set der Schutzausrüstung für Mitarbeitende in einem Behandlungszentrum für Ebolafieber.
Medizinische Hilfe kann nur wirken, wenn Menschen ihr vertrauen.
Unsere Arbeit in der DR Kongo zeigt mir, wie schnell Ärzte ohne Grenzen handeln kann. Innerhalb weniger Wochen entstehen in vielen betroffenen Orten dezentrale Behandlungsmöglichkeiten, wir bieten Schulungen für medizinisches Personal an und leisten zusätzlich kostenlose Versorgung bei anderen verbreiteten Erkrankungen.
Doch mein Einsatz zeigt auch, wie fragil eine Ebolafieber-Antwort bleibt, wenn Fälle spät erkannt werden, Sicherheitsrisiken den Zugang einschränken und selbst grundlegende Ressourcen wie Treibstoff fehlen.
Der Ebolafieber-Ausbruch in der DR Kongo ist noch nicht beendet. Die Zahlen steigen. Die Herausforderungen bleiben.
Welche Herausforderungen liegen vor uns?
So können Sie helfen
Wir bieten Ihnen vielseitige Möglichkeiten, unsere humanitäre medizinische Arbeit zu unterstützen.