Gazastreifen: Kernaktivitäten im Nasser-Krankenhaus wieder aufgenommen (Interview)
Ab dem 13. April 2026 nehmen unsere Teams im Gazastreifen die Kernaktivitäten im Nasser-Krankenhaus wieder auf, nachdem wir einige Aktivitäten am 20. Januar aus Sicherheitsgründen ausgesetzt hatten.
Michel Lacharité, Leiter der Nothilfe-Einsätze von Ärzte ohne Grenzen, dazu im Interview:
Herr Lacharité, warum hatte Ärzte ohne Grenzen zuletzt einige Aktivitäten im Nasser-Krankenhaus ausgesetzt?
Wir hatten ursprünglich am 20. Januar 2026 die schwierige Entscheidung getroffen, alle nicht lebensnotwendigen medizinischen Aktivitäten auszusetzen, nachdem unsere Mitarbeitenden eine Reihe von Vorfällen beobachtet hatten. Dazu gehörten die Anwesenheit maskierter bewaffneter Männer sowie anderer Personen, die Patient*innen einschüchterten und willkürlich verhafteten, sowie ein Vorfall, bei dem der Verdacht auf Waffenbewegungen bestand. All dies ist völlig inakzeptabel und wurde von uns bei den zuständigen Behörden zur Sprache gebracht.
Warum nimmt Ärzte ohne Grenzen seine Kernaktivitäten im Nasser-Krankenhaus wieder auf?
Wir haben die Entscheidung getroffen, unserer Kernaktivitäten im Nasser-Krankenhaus wieder aufzunehmen. Wir haben die Lage neu bewertet und zum einen eine große Dringlichkeit der medizinischen Bedürfnisse und zum anderen eine markante Verbesserung der Lage festgestellt.
Die konkreten Maßnahmen der zuständigen Behörden haben die Mindestvoraussetzungen geschaffen, die erforderlich sind, damit unsere Teams sicher und im Einklang mit unseren Arbeitsgrundsätzen arbeiten können, wie zum Beispiel Maßnahmen zur Beschränkung des Zutritts von Waffen und bewaffneten Personen.
Das Nasser-Krankenhaus ist eine lebenswichtige Rettungsleine für die Menschen in Gaza und eines der letzten noch teilweise funktionierenden Krankenhäuser des Gesundheitsministeriums im Gazastreifen. Es muss als zivile medizinische Einrichtung im Einklang mit dem humanitären Völkerrecht respektiert und geschützt werden.
Welche Aktivitäten hat Ärzte ohne Grenzen wieder aufgenommen?
Ärzte ohne Grenzen hat während dieses Zeitraums wichtige Aktivitäten im Nasser-Krankenhaus aufrechterhalten. Dazu gehörten die stationären und chirurgischen Abteilungen für Patient*innen mit orthopädischen, traumatologischen oder Verbrennungsverletzungen, da das Leben der Patient*innen in diesen Abteilungen vollständig von der Versorgung durch MSF abhing. Nachdem wir nun Zusicherungen durch die zuständigen Behörden erhalten haben, konnten wir die ambulante Sprechstunde, die Physiotherapie, die Ergotherapie, das 3D-Verbrennungsscreening und die Aktivitäten im Bereich der psychischen Gesundheit wieder aufnehmen.
Ärzte ohne Grenzen betreut derzeit 94 Betten in der chirurgischen Station, darunter 23 Betten für stationäre Verbrennungspatient*innen.
Wie können Sie sicherstellen, dass das Krankenhaus ein neutraler Ort bleibt, der frei von militärischen Aktivitäten ist?
Wir arbeiten in einem Umfeld, in dem funktionierende medizinische Einrichtungen äußerst rar sind, der Bedarf akut und konzentriert ist und Patient*innen sowie Mitarbeitende in einem Zustand extremer Not ankommen. In diesem Umfeld ist ein gewisses Maß an Zugangsregulierung unvermeidbar – nicht, um zu kontrollieren, wer versorgt wird, sondern um die Bedingungen aufrechtzuerhalten, unter denen Versorgung sicher und ohne Diskriminierung geleistet werden kann.
Wir nehmen zur Kenntnis, dass Polizei- und Sicherheitspersonal in und um die Einrichtung herum anwesend ist, wie es auch in anderen Kontexten vorkommen kann. Dies bedeutet weder eine Billigung bewaffneter Präsenz in medizinischen Räumen, noch ändert es unser Bekenntnis zu dem Grundsatz, dass das Krankenhaus ein geschützter, neutraler und für alle zugänglicher Ort bleiben muss.
Ärzte ohne Grenzen leitet das Nasser-Krankenhaus nicht und ist nicht in allen Stationen präsent. Wir beobachten und bewerten jedoch kontinuierlich bestehende Risiken und stehen im Dialog mit dem Gesundheitsministerium. Damit wollen wir sicherstellen, dass die Bedingungen weiterhin mit der Bereitstellung unparteiischer medizinischer Versorgung vereinbar sind und die Sicherheit von Personal und Patient*innen gewährleistet ist - so wie wir es in allen Ländern tun, in denen wir tätig sind. Unsere Präsenz hängt davon ab, dass das Krankenhaus als zivile medizinische Einrichtung funktioniert. Das Gesundheitsministerium hat sich verpflichtet, Bedingungen aufrechtzuerhalten, die es uns ermöglichen, Patient*innen weiterhin sicher zu behandeln.
Unsere Appelle dürfen nicht instrumentalisiert werden. Wir haben gesehen, wie Israel das Gesundheitssystem in Gaza mit der Begründung zerstört hat, dass diese Einrichtungen als Kommandozentralen oder für militärische Zwecke genutzt würden – was wir nie beobachtet haben. Das Nasser-Krankenhaus muss vor israelischen Angriffen verschont bleiben und darf weder von der Hamas noch von anderen bewaffneten Gruppen für militärische Zwecke genutzt werden. Das Leben unzähliger Palästinenser*innen hängt davon ab.