Nothilfe für Geflüchtete auf dem Mittelmeer

"Warum wir es tun? Weil wir es tun müssen." Unsere Krankenpflegerin Aoife Ní Mhurchú über unseren Seenotrettungseinsatz im Mittelmeer. Gemeinsam mit unserem Partner SOS Mediterranee betreiben wir hier das Rettungsschiff Ocean Viking.

 

Jedes Jahr versuchen Menschen auf der Flucht vor Gewalt, Unsicherheit und Verfolgung in ihren Heimatländern zu fliehen. Mit mehr als 70 Millionen Menschen sind derzeit so viele Menschen auf der Flucht wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Nur ein sehr kleiner Bruchteil von ihnen flieht nach Europa. Die europäische Politik führt zu einer dramatischen Verschärfung der Lage dieser Menschen, da immer mehr Grenzen geschlossen werden und z.B. die Seenotrettung durch private Hilfsorganisationen sehr häufig kriminalisiert und behindert wird. Dabei handelt es sich bei dem Weg zum und über das Mittelmeer um die derzeit tödlichste Migrationsroute der Welt. Ärzte ohne Grenzen leistet auf dem gemeinsam mit der Organisation SOS Mediterranee betriebenen Schiff Ocean Viking lebensrettende Hilfe für in Seenot geratene Menschen auf dem Mittelmeer. 

Seit 2014 starben mehr als 18.000 Menschen auf dem Mittelmeer. Dieses Jahr kamen laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) bereits mindestens 1.077 Menschen auf dem Mittelmeer ums Leben, davon allein 692 auf dem zentralen Mittelmeer (Stand 18. Oktober 2019). Die Teams von Ärzte ohne Grenzen haben seit 2015 mehr als 78.000 Menschen auf dem Mittelmeer retten können.* Im vergangenen Jahr konnte das Vorgängerschiff der Ocean Viking, die Aquarius, aufgrund fadenscheiniger Anschuldigungen zwei Monate lang nicht auslaufen. Schließlich sahen sich SOS Mediterranee und Ärzte ohne Grenzen gezwungen den Einsatz dieses Schiffs im Dezember 2018 zu beenden. Die Ocean Viking startete im Sommer 2019 ihren Einsatz auf dem Mittelmeer.

 

Zahl der Ankünfte geht zurück, Todesrate steigt

Im zentralen Mittelmeer ist die Zahl der Geflüchteten, Asylsuchenden und Migranten, die aus Libyen fliehen, auf See gerettet und nach Europa in Sicherheit gebracht wurden, deutlich gesunken. Immer mehr Menschen werden von der EU-finanzierten libyschen Küstenwache in internationalen Gewässern abgefangen und nach Libyen zurückgezwungen, wo sie in menschenunwürdigen Internierungslagern eingesperrt werden. Gleichzeitig ist der Anteil der Menschen, die auf dem Mittelmeer ertrinken, dramatisch angestiegen. Während im Jahr 2017 im Durchschnitt jeder 38. der über das zentrale Mittelmeer Fliehenden gestorben ist, war es im Juni 2018 jeder siebte.** Der Juni 2018 war der erste Monat, in dem private Seenotrettungsschiffe von den EU-Staaten massiv in ihrer lebensrettenden Hilfe behindert wurden. Von Januar bis Mai 2019 ist jeder achte Flüchtling auf der zentralen Mittelmeerroute nach Italien und Malta ertrunken.***

Gerettete müssen medizinisch versorgt werden

Während unserer Seenotrettungs-Einsätze versorgen unsere Teams zahlreiche Menschen mit Verletzungen, die diese in Libyen erlitten haben. Die Patientinnen und Patienten erzählten von Gewalt und Misshandlungen, die sie in den Händen von Schleppern, bewaffneten Gruppen und Milizen erlitten hatten. Einige weisen Spuren von Folter und extremer Gewalt auf, etwa Brand-, Stich- und Schusswunden, Knochenbrüche oder verkrüppelte Hände oder Füße. Zahlreiche Frauen berichteten von Vergewaltigungen. Chronische Krankheiten wie Diabetes müssen behandelt werden. Viele leiden an schweren Hautinfektionen, die die Behandlung mit Antibiotika erfordern. Menschen, denen die Flucht gelingt, weisen häufig Verätzungen durch das toxische Benzin-Salzwassergemisch in den Booten auf. Im Winter kommen Unterkühlungen hinzu.

Behinderung und Kriminalisierung der Seenotrettungs-NGOs

Italien und Malta sperrten im Juni 2018 ihre Häfen für Rettungsschiffe privater Organisationen.  Unser damals in Betrieb befindliche Schiff Aquarius musste nach tagelangen Streitereien der EU-Staaten mit zahlreichen traumatisierten Geretteten an Bord einen langen Umweg bis nach Spanien fahren, um die Menschen sicher an Land bringen zu können. Andere Schiffe wurden ebenso blockiert oder am Auslaufen gehindert. Als Folge der Behinderung und Kriminalisierung sind kaum noch Rettungsschiffe im Mittelmeer aktiv.

Ende Juni 2018 wurde die Verantwortung zur Koordinierung von Rettungsaktionen in dem Gebiet in internationalen Gewässern, in dem die meisten Schiffbrüche stattfinden, auf die libysche Küstenwache übertragen. Bis dahin hatte die Seenotrettungsleitstelle in Rom alle Rettungseinsätze im zentralen Mittelmeer koordiniert. Diese Auslagerung folgt den Bemühungen der EU, durch eine Aufrüstung der libyschen Küstenwache die Verantwortung für die Seenotrettung und die Sicherheit der Fliehenden abzuschieben – obwohl die europäischen Regierungen genau wissen, wie katastrophal die Situation von Flüchtlingen und Migranten in Libyen ist.

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EU-unterstützte libysche Küstenwache bringt Menschen in Internierungslager zurück

Die EU-finanzierte libysche Küstenwache bringt immer mehr Menschen, die es geschafft haben, aus Libyen zu entkommen, selbst aus internationalen Gewässern ins Konfliktgebiet zurück. Die libysche Küstenwache und ihre europäischen Partner bezeichnen das Aufhalten der Menschen als „Rettungsaktionen“. Doch in Wahrheit werden Flüchtlinge und Migranten nicht an einen sicheren Ort gebracht, wie es das internationale Seerecht für die Seenotrettung vorschreibt, sondern in Internierungslager entlang der Küste.

In den offiziellen Internierungslagern in Libyen werden Tausende Flüchtlinge und Migranten willkürlich gefangen gehalten. UN-Organisationen wie das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR oder die UN-Migrationsagentur IOM haben nur einen eingeschränkten Zugang zu den Internierungslagern. In den Lagern gibt es keine formelle Registrierung der Gefangenen und die Menschen haben keine Möglichkeit, die Inhaftierung rechtlich überprüfen zu lassen. Es ist nicht nachvollziehbar, was mit ihnen geschieht. Unsere Teams beobachten immer wieder, dass Menschen über Nacht verschwinden. Niemand kann ausschließen, dass sie wieder in die schlimmsten Folterlager geraten und erneut zu Opfern von extremer Gewalt und Ausbeutung werden.

Menschenunwürdige Bedingungen in den libyschen Internierungslagern

Wir können die Zustände in einigen dieser Internierungslagern aus unserer eigenen Arbeit vor Ort bezeugen. Unsere Teams leisten – soweit ihnen der Zugang gewährt wird – medizinische Hilfe in Internierungslagern in der Hauptstadt Tripolis und im Gebiet um Misrata und Choms, die offiziell unter der Verwaltung der von der EU unterstützten libyschen Einheitsregierung stehen. Die Lager sind meist völlig überfüllte Lagerhallen, in denen es drückend heiß ist, es keine Belüftung gibt, manchmal kaum Tageslicht. Die sanitären Einrichtungen, der Zugang zu sauberem Wasser, zu Lebensmitteln und medizinischer Versorgung sind ungenügend. 

Unsere Teams behandelten Tausende Patientinnen und Patienten mit Beschwerden, die überwiegend auf die entsetzlichen Lebensbedingungen zurückzuführen waren, etwa Krätze, Atemwegsinfektionen und Austrocknung. Einige Patienten hatten auch Verätzungen von der Fahrt über das Meer oder Verletzungen von der Zeit in Libyen erlitten. Viele waren schon vor der Überfahrt Opfer von sexueller Gewalt, Menschenhandel, Folter und Misshandlungen geworden.

Ein Ende des Leids von Flüchtlingen und Migranten in Libyen ist nicht in Sicht.

Um Leben zu retten und das Leid der Flüchtenden zu lindern, fordert Ärzte ohne Grenzen:

  • eine Umkehrung der EU-Flüchtlingspolitik und das Einrichten einer Migrationspolitik, die Rechte und Gesundheit der Menschen achtet,
  • die Bereitstellung sicherer und legaler Flucht- und Migrationswege,
  • effektive Such- und Rettungsmaßnahmen, bei denen proaktiv versucht wird, Menschenleben zu retten,
  • die Geretteten dürfen auf keinen Fall nach Libyen zurückgebracht werden
  • die Geretteten müssen Zugang zu einem Asylverfahren nach internationalen Standards erhalten
  • eine humane und würdevolle Behandlung aller Menschen bei ihrer Ankunft, während des Asylverfahrens sowie im Falle einer Rückführung,
  • das Ende der Inhaftierung von Schutzbedürftigen und die Schaffung genereller Alternativen zur Migrationshaft
  • von der EU, sich für deren Freilassung inhaftierter Schutzsuchender in Libyen einzusetzen und die Unterstützung der libyschen Küstenwache sofort zu beenden, die die Menschen in diese entsetzlichen Gefängnisse zurückbringt
  • von den libyschen Behörden, die willkürliche Inhaftierung von Schutzsuchenden zu beenden.

Weiterführende Informationen:
- Pressemitteilung: Weshalb die Aquarius ihre Rettungseinsätze im Mittelmeer beenden musste, können Sie in unserer Pressemitteilung nachlesen.
- Pressemitteilung: Gefangene aus Internierungslagern in Libyen müssen in Sicherheit gebracht werden (mit ausführlicher Schilderung der Situation in den Internierungslagern)

Quellen:
* Saving Lives at Sea - Interactive map, charts and data about MSF's search and rescue activities in the Mediterranean
** UNHCR fordert mehr Engagement in der Seenotrettung auf dem Mittelmeer, Dezember 2018
*** Infomigrants (The infosite is a collaboration by three major European media sources: France Médias Monde, Deutsche Welle, and the Italian press agency ANSA)

August 2019