Nothilfe für Geflüchtete auf dem Mittelmeer

Mit einem eigenen gecharterten Schiff, der Geo Barents, setzen wir unseren Seenotrettungseinsatz im Mittelmeer fort.

Aktuell: Im Mai 2021 haben wir bekannt gegeben, dass wir unseren Einsatz zur Seenotrettung im Mittelmeer fortsetzen – diesmal mit einem eigenen gecharterten Schiff: der Geo Barents. Ziel des Einsatzes ist es, die Leben von Geflüchteten und Migrant*innen zu retten, die sich auf die gefährliche Überfahrt von Libyen nach Europa machen und dabei in Lebensgefahr geraten, und sie medizinisch zu versorgen. Die Geo Barents wurde entsprechend den Erfordernissen von Such- und Rettungseinsätzen umgebaut. Das Schiff hat eine Länge von 76,95 Metern. Es hat zwei Decks für Überlebende, eines für Männer und eines für Frauen und Kinder. An Bord befindet sich eine Klinik, ein Zimmer für gynäkologische Untersuchungen und ein Beobachtungsraum für alle medizinischen Aktivitäten. Es gibt zwei schnelle Festrumpfschlauchboote (RHIBS), mit denen Rettungseinsätze durchgeführt werden können. Mehr Informationen in unserer aktuellen Pressemitteilung.
Stand: 14.05.2021

Jedes Jahr versuchen Menschen auf der Flucht vor Gewalt, Unsicherheit und Verfolgung in ihren Heimatländern zu fliehen. Mit mehr als 79,5 Millionen sind derzeit so viele Menschen auf der Flucht wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Nur ein sehr kleiner Bruchteil von ihnen flieht nach Europa. Die europäische Politik führt zu einer dramatischen Verschärfung der Lage dieser Menschen, da immer mehr Grenzen geschlossen werden und z.B. die Seenotrettung durch private Hilfsorganisationen sehr häufig kriminalisiert und behindert wird.  

Die tödlichste Fluchtroute der Welt*

Seit 2014 sind mindestens 30.000 Flüchtende bei ihrem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, gestorben. Doch die EU-Regierungen nehmen ihre völkerrechtliche Verantwortung nicht wahr und legen ihren Fokus auf den Schutz der Grenzen. Rettungen von in Seenot geratenen Menschen werden fast ausschließlich von privaten Hilfsorganisationen geleistet. Wir sind seit 2015 auf dem Mittelmeer aktiv, denn medizinische Hilfe wird hier dringend gebraucht.

Medizinische Versorgung von Schiffsbrüchigen

Menschen, die sich in Seenot befinden, müssen gerettet werden. Nach diesem Grundsatz retten und versorgen wir Flüchtende, die sich auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer begeben. Unser Fokus liegt auf der medizinischen Versorgung der geretteten Menschen. Viele leiden unter Verletzungen von ihrer Gefangenschaft in Libyen. andere haben Verätzungen von dem gefährlichen Misch aus Salzwasser und Benzin, das sich in den seeuntauglichen Booten sammelt, oder leiden an Unterkühlung.

Die Zahl der Menschen, die in den ersten sechs Monaten von 2020 versuchten, über das Meer aus Libyen zu fliehen, hat sich im Vergleich zum Vorjahr vervierfacht. Gleichzeitig werden immer mehr Geflüchtete von der EU-finanzierten libyschen Küstenwache in internationalen Gewässern abgefangen und nach Libyen zurück gezwungen, wo sie in menschenunwürdigen Internierungslagern eingesperrt werden. Dies alles, während die Arbeit privater Rettungsschiffe aufgrund fadenscheiniger technischer Belange systematisch blockiert wird. Wie die Einschränkung der Seenotrettung sich auf die Zahl der Ertrinkenden auswirkt, zeigen folgende Zahlen: Von Januar bis Mai 2019 ist jeder achte Flüchtling auf der zentralen Mittelmeerroute nach Italien und Malta ertrunken.**

Behinderung und Kriminalisierung der Seenotrettungs-NGOs

Italien und Malta sperrten im Juni 2018 ihre Häfen für Rettungsschiffe privater Organisationen.  Unser damals in Betrieb befindliche Schiff Aquarius musste nach tagelangen Streitereien der EU-Staaten mit zahlreichen traumatisierten Geretteten an Bord einen langen Umweg bis nach Spanien fahren, um die Menschen sicher an Land bringen zu können. Andere Schiffe wurden ebenso blockiert oder am Auslaufen gehindert. Seither gehen die Behinderung und Kriminalisierung privater Rettungsschiffe im Mittelmeer weiter. Dies hat zur Folge, dass solche Schiffe kaum noch unterwegs sind, bzw. dass zeitweise gar keine mehr auf See sind.

Ende Juni 2018 wurde die Verantwortung zur Koordinierung von Rettungsaktionen in dem Gebiet in internationalen Gewässern, in dem die meisten Schiffbrüche stattfinden, auf die libysche Küstenwache übertragen. Bis dahin hatte die Seenotrettungsleitstelle in Rom alle Rettungseinsätze im zentralen Mittelmeer koordiniert. Diese Auslagerung folgt den Bemühungen der EU, durch eine Aufrüstung der libyschen Küstenwache die Verantwortung für die Seenotrettung und die Sicherheit der Fliehenden abzuschieben – obwohl die europäischen Regierungen genau wissen, wie katastrophal die Situation von Flüchtlingen und Migrant*innen in Libyen ist.

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EU-unterstützte libysche Küstenwache bringt Menschen in Internierungslager zurück

Die EU-finanzierte libysche Küstenwache bringt immer mehr Menschen, die es geschafft haben, aus Libyen zu entkommen, selbst aus internationalen Gewässern ins Konfliktgebiet zurück. Die libysche Küstenwache und ihre europäischen Partner bezeichnen das Aufhalten der Menschen als „Rettungsaktionen“. Doch in Wahrheit werden Flüchtlinge und Migrant*nnen nicht an einen sicheren Ort gebracht, wie es das internationale Seerecht für die Seenotrettung vorschreibt, sondern in Internierungslager entlang der Küste. Dabei kommt es immer wieder zu schlimmen Vorfällen. So gab es im Juli 2020 einen gewaltsamen Angriff auf mehrere Jugendliche an der libyschen Küste, bei dem drei Menschen getötet und zwei weitere schwer verletzt wurden. Die Todesopfer im Alter zwischen 15 und 18 Jahren gehörten einer Gruppe von 73 Menschen an, die auf einem Boot aus dem Bürgerkriegsland fliehen wollte. Die libysche Küstenwache hatte sie auf dem Mittelmeer abgefangen.

In den offiziellen Internierungslagern in Libyen werden Tausende Flüchtlinge und Migrant*innen willkürlich gefangen gehalten. UN-Organisationen wie das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR oder die UN-Migrationsagentur IOM haben nur einen eingeschränkten Zugang zu den Internierungslagern. In den Lagern gibt es keine formelle Registrierung der Gefangenen und die Menschen haben keine Möglichkeit, die Inhaftierung rechtlich überprüfen zu lassen. Es ist nicht nachvollziehbar, was mit ihnen geschieht. Unsere Teams beobachten immer wieder, dass Menschen über Nacht verschwinden. Niemand kann ausschließen, dass sie wieder in die schlimmsten Folterlager geraten und erneut zu Opfern von extremer Gewalt und Ausbeutung werden.

Menschenunwürdige Bedingungen in den libyschen Internierungslagern

Unsere Teams leisten – soweit ihnen der Zugang gewährt wird – medizinische Hilfe in sechs Internierungslagern, darunter auch in der Hauptstadt Tripolis. Die Lager sind meist völlig überfüllte Lagerhallen, in denen es drückend heiß ist, es keine Belüftung gibt, manchmal kaum Tageslicht. Die sanitären Einrichtungen, der Zugang zu sauberem Wasser, zu Lebensmitteln und medizinischer Versorgung sind ungenügend.

Unsere Teams behandelten in den vergangenen Jahren Tausende Patient*innen mit Beschwerden, die überwiegend auf die entsetzlichen Lebensbedingungen zurückzuführen waren, etwa Krätze, Atemwegsinfektionen und Austrocknung. Einige Patient*innen hatten auch Verätzungen von der Fahrt über das Meer oder Verletzungen von der Zeit in Libyen erlitten. Viele waren schon vor der Überfahrt Opfer von sexueller Gewalt, Menschenhandel, Folter und Misshandlungen geworden.

Ein Ende des Leids von Flüchtlingen und Migrant*innen in Libyen ist nicht in Sicht.

Um Leben zu retten und das Leid der Flüchtenden zu lindern, fordert Ärzte ohne Grenzen:

  • eine Umkehrung der EU-Flüchtlingspolitik und das Einrichten einer Migrationspolitik, die Rechte und Gesundheit der Menschen achtet,
  • die Bereitstellung sicherer und legaler Flucht- und Migrationswege,
  • effektive Such- und Rettungsmaßnahmen, bei denen proaktiv versucht wird, Menschenleben zu retten,
  • die Geretteten dürfen auf keinen Fall nach Libyen zurückgebracht werden
  • die Geretteten müssen Zugang zu einem Asylverfahren nach internationalen Standards erhalten
  • eine humane und würdevolle Behandlung aller Menschen bei ihrer Ankunft, während des Asylverfahrens sowie im Falle einer Rückführung,
  • das Ende der Inhaftierung von Schutzbedürftigen und die Schaffung genereller Alternativen zur Migrationshaft
  • von der EU, sich für deren Freilassung inhaftierter Schutzsuchender in Libyen einzusetzen und die Unterstützung der libyschen Küstenwache sofort zu beenden, die die Menschen in diese entsetzlichen Gefängnisse zurückbringt
  • von den libyschen Behörden, die willkürliche Inhaftierung von Schutzsuchenden zu beenden.

Weiterführende Informationen:

Quellen:
* https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/hilfe-weltweit/mittelmeer/
** Infomigrants (The infosite is a collaboration by three major European media sources: France Médias Monde, Deutsche Welle, and the Italian press agency ANSA)