Ort der Hoffnung

Hilfe für Noma-Überlebende in Nigeria

 

Noma ist eine Krankheit, von der die meisten Menschen noch nie gehört haben. Dabei hat eine Infektion extreme Folgen: Unbehandelt überlebt nur einer von zehn Erkrankten und ist für immer gezeichnet. In Nigeria helfen wir den Betroffenen zurück ins Leben.

Wie Gesichtsrekonstruktionen ein Leben in Würde ermöglichen

Das Noma-Kinderkrankenhaus in Sokoto gleicht einer ruhigen grünen Oase. Auf dem Gelände spielen Kinder im Schatten großer Bäume, unterhalten sich Erwachsene. Für sie alle bedeutet dieses Krankenhaus die Hoffnung auf ein neues Leben in Würde. Einen Ort, an dem sich Menschen akzeptiert und willkommen fühlen, die sonst von der Gesellschaft ausgeschlossen sind.

© Claire Jeantet, Fabrice Caterini/INEDIZ

Menschen wie Bilya. Der heute 20-Jährige hat als Kind eine schmerzhafte Krankheit überlebt - Noma. Innerhalb kürzester Zeit zerstörte die schwere bakterielle Infektion seine Nase und die obere Lippe. Niemand in seiner Heimatstadt wusste, was mit ihm geschah, denn Noma ist kaum erforscht und selbst in den betroffenen Regionen meist unbekannt.

Die Krankheit beginnt als Entzündung im Mund und breitet sich vom Zahnfleisch auf das Wangengewebe und Kieferknochen aus. Die meisten Betroffenen sterben innerhalb von zwei Wochen, wenn sie nicht behandelt werden. Bei den Überlebenden bleiben schwere Knochen- und Gewebeschäden zurück, die nur durch umfangreiche chirurgische Eingriffe rekonstruiert werden können.

© Chloé Fournier/INEDIZ
Krankheit der Armen

Die Krankheit war früher weltweit verbreitet. Heute tritt Noma vor allem in entlegenen Gebieten in der afrikanischen Sahel-Zone auf. Wie viele Fälle es genau sind, ist nicht bekannt. 1994 schätzte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass rund 140.000 Personen jedes Jahr erkranken – vor allem Kinder zwischen zwei und fünf Jahren. „Die Erkrankung steht in engem Zusammenhang mit extremer Armut. Sie betrifft Familien, die unter schlechten hygienischen Bedingungen leben und deren Kinder mangelernährt sind“, erklärt Samuel Joseph, der für uns als Krankenpfleger arbeitet. „Auch Vorerkrankungen wie Masern oder Malaria können einen Einfluss haben.“

Noma ist eine Krankheit, die, wenn sie rechtzeitig erkannt wird, relativ leicht mit Antibiotika und einer umfassenden Wundversorgung behandelt werden kann, ohne dass sichtbare Folgen zurückbleiben. Doch in den betroffenen Regionen wissen viele Menschen nicht, auf welche Symptome sie achten müssen oder wie sie der Krankheit vorbeugen können. Zudem sind die nächsten Kliniken meist viele Kilometer entfernt.

Ein wichtiger Teil unserer Arbeit in Sokoto sind daher Besuche in den umliegenden Gemeinden, bei denen wir die Menschen über die Krankheit, vorbeugende Maßnahmen und Behandlungsmöglichkeiten informieren. „Bei den Besuchen halten wir auch Ausschau nach aktiven Noma-Fällen sowie Personen, die Noma überlebt haben und für eine Operation in Frage kommen“, erklärt Samuel Joseph.

Zwischen Hoffen und Bangen

Im Krankenhaus angekommen, werden viele Betroffene mehrmals operiert und verbringen mehrere Monate in der Einrichtung. Sie erhalten Gesundheitsversorgung, therapeutische Ernährung und eine spezielle Physiotherapie, denn viele Menschen, die eine Noma-Infektion überlebt haben, können zum Beispiel ihren Mund nicht mehr richtig öffnen, haben Probleme bei der Nahrungsaufnahme und beim Sprechen.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist eine umfassende psychosoziale Betreuung, um die Angst der Patientinnen und Patienten vor den Operationen zu lindern und ihre soziale Isolation zu durchbrechen.

© Claire Jeantet, Fabrice Caterini/INEDIZ

Das Krankenhaus ist darüber hinaus der Ort, an dem die Betroffenen funktional sowie kosmetisch Lebensqualität zurückbekommen. Vier Mal im Jahr bringen wir ein Team von Spezialistinnen und Spezialisten in das Projekt, das die rekonstruktiven Operationen vornimmt. 2018 wurden in dem Projekt 146 Operationen an 132 Patientinnen und Patienten vorgenommen.

„Meine Mutter begann zu weinen, da ich meine Nase wiederhatte“

Bei den Operationen werden die zerstörten Gesichtspartien wiederaufgebaut, mit teilweise beeindruckenden Resultaten. So war es auch bei Bilya. Nach seiner ersten OP kehrte er für einen Besuch in seine Heimatstadt zurück und wurde zunächst nicht wiedererkannt. „Meine Mutter begann zu weinen, da ich meine Nase wiederhatte“, erzählt Bilya von diesem emotionalen Moment. Nun möchte Bilya bald heiraten und hat nach seinem Aufenthalt in Sokoto begonnen, selbst Aufklärungsarbeit zu betreiben. So will er dazu beitragen, dass die Symptome der Krankheit rechtzeitig erkannt werden und die Betroffenen wissen, wo sie Hilfe suchen können.

Weitere Informationen zu Noma und unserem Projekt in Sokoto/Nigeria finden Sie hier.

Unsere Hilfe in Nigeria

Ärzte ohne Grenzen war zum ersten Mal 1996 in Nigeria aktiv. Zurzeit konzentrieren wir unsere Hilfe auf die Unterstützung der Menschen, die im Nordosten des Landes von dem Konflikt zwischen bewaffneten Oppositionsgruppen und den nationalen Streitkräften betroffen sind. Vor allem im Bundesstaat Borno leisten wir medizinische Hilfe für Vertriebene und bieten sowohl ambulante als auch stationäre Versorgung an. Unsere Teams betreuen auch mobile Kliniken an schwer erreichbaren Orten in der Region. Seit 2014 behandeln wir in Sokoto im Nordwesten Nigerias Noma-Patientinnen und Patienten. In diesem Zusammenhang fordern wir, dass Noma in die Liste der vernachlässigten Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation WHO aufgenommen wird. Dann stünde mehr Geld für Forschung, Aufklärung und Behandlung zur Verfügung.