Nothilfe für Flüchtlinge auf dem Mittelmeer und in Europa

Jedes Jahr versuchen hunderttausende Menschen auf der Flucht vor Gewalt, Unsicherheit und Verfolgung in ihren Heimatländern nach Europa zu gelangen. Auf der gefährlichen Reise über Nordafrika und das Mittelmeer verlieren dabei unzählige ihr Leben. Die europäische Politik führte zu einer dramatischen Verschärfung der so genannten Flüchtlingskrise. Noch nie hatte Ärzte ohne Grenzen so viele Hilfsprojekte innerhalb Europas und an den europäischen Außengrenzen wie heute. Allein in diesem Jahr haben wir auf dem Mittelmeer bei unseren Such- und Rettungsaktionen mit drei Schiffen 3.349 Menschen gerettet.

Die EU und die europäischen Regierungen haben bislang weder an den innereuropäischen Grenzen noch an den europäischen Außengrenzen angemessen auf die humanitären und medizinischen Bedürfnisse von Flüchtlingen und Migranten reagiert. Stattdessen wurden mit der Schließung der europäischen Landgrenzen die Flüchtenden in die Hände von Schleppern und in undichte, überfüllte Boote auf dem Mittelmeer und der Ägäis gezwungen. Ärzte ohne Grenzen ist daher auf dem zentralen Mittelmeer auf den Booten Bourbon Argos, Dignity I und Aquarius unterwegs.
 
Bei unseren Rettungsaktionen leisten wir medizinische Erstversorgung. Die häufigsten Beschwerden sind Dehydrierung, Verbrennungen durch Treibstoff, Unterkühlung und Hautkrankheiten. Am 8. und 9. Juni haben wir beispielsweise innerhalb von 36 Stunden rund 1.300 Menschen aus Seenot gerettet. Bei mehr als einem Drittel der Geretteten handelte es sich um Frauen und Kinder: „Die Frauen sind verletzlicher. Viele von ihnen reisen alleine oder mit ihren Kindern. Sie erzählen uns, was sie während ihrer Reise und in Libyen erlitten haben: Missbrauch, sexuelle Gewalt, Inhaftierung, Zwangsarbeit. Europa sollte ihnen und ihren Kindern speziellen Schutz gewähren“, sagt unsere medizinische Leiterin an Bord der Dignity I.

Auch an der Seegrenze zwischen der Türkei und Griechenland sind wir - gemeinsam mit Greenpeace – mit Schlauchbooten im Einsatz. Trotz der kurzen Distanz zwischen der türkischen Küste und den griechischen Inseln, ist der Fluchtweg über die Ägäis gefährlich. Seit Anfang dieses Jahres sind mehr als 440 Menschen bei der Überfahrt ums Leben gekommen oder werden vermisst (Stand: 6. Mai 2016). Die Grenzschließungen und der Mangel an Koordination zwischen den verschiedenen europäischen Staaten haben gefährliche Bedingungen für Tausende von Flüchtenden geschaffen.

Nach dem Schließen der Balkanrouten konnten die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen einen Dominoeffekt beobachten: Jedes Mal, wenn eine Grenze schloss, strandeten Tausende im Niemandsland, mit wenig oder ohne jede humanitäre Hilfe. Die Aufnahmekapazitäten und der Zugang zum Asylverfahren sind jedoch in diesem Hauptankunftsland für viele Flüchtlinge vielerorts völlig unzureichend.

Um Leben zu retten und das Leid der Flüchtenden zu lindern, fordert Ärzte ohne Grenzen:
•    sichere und legale Fluchtwege und die Möglichkeit Asylanträge an den EU-Außengrenzen zu stellen,
•    effektive Such- und Rettungsmaßnahmen, bei denen proaktiv und so nah an den Startpunkten wie möglich nach Booten in Seenot gesucht wird,
•    Investitionen in Aufnahmekapazitäten nach EU-Standards statt in Abschreckungsmaßnahmen und
•    das Ende von Gewalttaten und Missbrauch durch staatliche Behörden.

In dem Bericht „Obstacle Course to Europe – A Policy-Made Humanitarian Crisis at EU Borders“ hat Ärzte ohne Grenzen im Januar die Folgen der europäischen Abschottungspolitik für Menschen auf der Flucht beschrieben.

10. Juni 2016

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