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"Es sind immer die Unschuldigen, die leiden" - Frauen erzählen vom Überleben

Seit den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Dezember 2020 prägen einmal mehr massive Gewaltausbrüche die Situation in der Zentralafrikanischen Republik. Durch den seit Jahrzenten andauernden Bürgerkrieg ist inzwischen mehr als die Hälfte der im Land lebenden Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen nichtstaatlichen, bewaffneten Gruppen und der von ausländischen Truppen unterstützten Regierungsarmee, beeinträchtigt die Arbeit vieler humanitärer Organisationen stark. So ist die Verlegung von Patient*innen und medizinischem Personal schwierig und die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten begrenzt. Zudem sorgt ein Anstieg der Lebensmittelpreise dafür, dass viele Familien sich eine medizinische Versorgung kaum leisten können.

Mehr als jede*r Dritte vertrieben oder geflüchtet

Derzeit leben rund 1,3 Millionen Menschen – und damit mehr als jede*r Dritte - innerhalb der Zentralafrikanischen Republik als Vertriebene oder sind in andere Länder geflüchtet. Die sich verschärfende Gesundheitskrise trifft diese Menschen besonders hart.

Insbesondere für Frauen ist der Zugang zu Gesundheitsversorgung noch schwieriger. Bereits zuzeiten weniger akuter kriegerischer Auseinandersetzungen sind sie durch ihren sozioökonomischen Status, die Gefahr von gewalttätigen Übergriffen und einen begrenzten Zugang zu Familienplanung besonders verwundbar. Zudem hat die Zentralafrikanische Republik eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten der Welt.

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Patient*innen warten auf Behandlung
Patient*innen warten in Ndu auf eine Behandlung
©Alexis Huguet

In Bangassou, im Südosten des Landes, und in Ndu, im Norden der Demokratischen Republik Kongo, wo viele zentralafrikanische Geflüchtete leben, bieten wir daher kostenlose Gesundheitsversorgung einschließlich reproduktiver Gesundheitsversorgung an. Jeden Tag unterstützen unsere Teams Frauen vor und nach der Geburt, sorgen für hygienische Bedingungen bei Entbindungen, behandeln Komplikationen, bieten Zugang zu Verhütungsmitteln und kümmern sich um Opfer sexualisierter Gewalt.  

Hier erzählen Frauen, die vor der Gewalt geflohen sind, ihre Geschichten. 

Über den Fluss: Geschichten aus Ndu, Demokratische Republik Kongo

Ich möchte nicht, dass wir wieder fliehen müssen.

Christelle aus Bangassou war gerade mit ihrem zweiten Kind schwanger, als bewaffnete Gruppen die Stadt im Südosten der Zentralafrikanischen Republik am 3. Januar 2021 angriffen und unter ihre Kontrolle brachten. "Als die Schießerei begann, sind wir sofort aus der Stadt geflohen", erzählt sie. "Wir sprangen in ein Kanu, um die kongolesische Seite [des Flusses] zu erreichen."

Wie Christelle und ihre Familie, flohen an diesem Tag fast 13.000 Menschen aus Bangassou und überquerten den Mbomou-Fluss, um im Dorf Ndu Zuflucht zu finden, wo sich bereits in den Vorjahren viele Geflüchtete niedergelassen hatten.

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Junge Frau mit einem Baby auf dem Schoß
Christelle und ihr Baby leben seit dem Angriff auf Bangassou im Dorf Ndu.
©Alexis Huguet

Trotz schlechter Bedingungen keine Rückkehr nach Bangassou 

Heute lebt Christelle mit etwa hundert anderen Schutzsuchenden in einer ehemaligen Schule.  

"Meine Schwangerschaft war schon sehr weit fortgeschritten, als wir aus der Stadt flohen. Aber ich wurde im Gesundheitszentrum betreut, und zum Glück ist bei der Entbindung alles gut gegangen", erinnert sie sich, während sie ihre Tochter Alvina im Arm hält.  

Die beiden teilen sich ein Zimmer mit etwa 20 anderen Menschen. Die Lebensbedingungen sind beengt und alles andere als angemessen.                  

Trotzdem hat Christelle nicht vor, nach Bangassou zurückzukehren. Wie viele andere Geflüchtete hat sie Angst vor der unbeständigen Sicherheitslage in ihrem Land.  

"Bevor ich zurückgehe, möchte ich sicher sein, dass wir mit Alvina in Sicherheit sind. Ich möchte nicht, dass wir wieder fliehen müssen."  

 Amatou war dort in guten Händen 

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Mehrere Frauen in einem Auto, eine Frau liegt auf einer anderen
©Alexis Huguet
Die Hebamme Odette kümmert sich um die 25-jährige Patientin Amatou kurz vor ihrer Entbindung.

Aufgrund der vielen Neuankömmlinge haben unsere Teams die Aktivitäten im örtlichen Gesundheitszentrum von Ndu ausgebaut und u.a. dringend benötigte Wasserversorgungssysteme installiert. Auch die Zahl der Konsultationen im Gesundheitszentrum ist sprunghaft angestiegen. Schnell mussten wir unsere Unterstützung aufstocken, um sowohl diejenigen zu versorgen, die an Malaria, Atemwegsinfektionen und Durchfallerkrankungen leiden, als auch die vielen schwangeren Frauen zu betreuen, die unter den Geflüchteten sind. 

So kümmerte sich unsere Hebamme Odette auch um die 25-jährige Amatou. Sie stand kurz vor der Entbindung, hatte aber Blutungen. "Sie konnte hier nicht entbinden, wir brachten sie nach Bangassou", sagt Odette.  

Amatou wurde auf einer Trage zum Fluss transportiert, wo sie in einer Piroge (einem langen, schmalen Kanu) gemeinsam mit Odette den Fluss überquerte. Hier wartete bereits einer unserer Krankenwagen, um sie in die Universitätsklinik zu bringen. 
Für Amatou war die Präsenz unserer Teams auf beiden Seiten des Flusses entscheidend. Das Krankenhaus in Bangassou ist eines der wenigen in der Gegend, welches Geburtskomplikationen behandeln kann. "Amatou war dort in guten Händen", sagt Odette.  

  

Es ist das zweite Mal, dass ich hier Zuflucht gefunden habe

Als der Angriff am 3. Januar begann, stand Ester kurz vor ihrer Entbindung von Zwillingsmädchen. Sie floh mit ihrer ältesten Tochter Princia ins Nachbarland.  

"Es ist das zweite Mal, dass ich hier Zuflucht gesucht habe. Das erste Mal war 2017", sagt sie, während sie auf die Nachsorgeuntersuchung für ihre Zwillinge im Gesundheitszentrum von Ndu wartet. "Ich dachte, ich würde hier entbinden, aber es gab Komplikationen und das Team transportierte mich nach Bangassou, weil ich einen Kaiserschnitt brauchte."

"Zum Glück verlief die Entbindung gut und Ester konnte mit ihren Töchtern hierher nach Ndu zurückkehren", sagt Laure, eine Hebamme im Gesundheitszentrum.

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Eine Frau mit einem Neugeborenen im Arm auf einem Bett sitzend, neben ihr ein älteres Mädchen
Kurz vor der Entbindung ihrer Zwillinge musste Ester mit ihrer Tochter Princia aus Bangassou nach Ndu fliehen. Wie viele andere nahmen sie den Weg über den Fluss.
©Alexis Huguet

Heute hofft Ester, dass sich die Situation in Bangassou beruhigt, damit sie mit ihren Töchtern sicher nach Hause zurückkehren kann.

Zuflucht im Krankenhaus: Geschichten aus Bangassou

Niemand fühlt sich sicher genug, um zu gehen

Beatrice und ihre Familie flüchteten, wie beinahe 800 weitere Bewohner*innen von Bangassou, während der Angriffe in die Universitätsklinik der Stadt. "Es herrschte totale Panik. Tausende Menschen versuchten, den Fluss in Kanus zu überqueren, um in den Kongo zu gelangen", erinnert sie sich. "Viele drohten zu ertrinken. Wir sind dann lieber hierhergekommen."

Täglich wuchs die Zahl der schutzsuchenden Menschen in dem Krankenhaus, welches wir seit 2014 unterstützen. Bis zu 2.000 Menschen beherbergte das Gelände zwischenzeitlich. Unsere Teams gewährleisteten medizinische Versorgung, Unterkunft und Wasser.

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Frau mit Kleinkind auf dem Schoß auf einer Matratze am Boden
Béatrice, 43 Jahre alt, sitzt mit einem ihrer Enkelkinder in einem leeren Gebäude des Krankenhauses von Bangassou.
©Alexis Huguet

Beatrice und ihre Familie finden hier nicht zum ersten Mal Zuflucht. 

"Wir kamen her, als 2017 die Gewalt ausbrach. Man fühlt sich hier sicher und weiß, dass man behandelt werden kann, wenn etwas passiert. Eines meiner Kinder wurde krank, aber es wurde schnell versorgt", erzählt Beatrice. Die Mutter von sechs Kindern lebt jetzt auf dem Krankenhausgelände. Ihr Mann ging zurück, um ihr Haus zu beschützen. 

"Wir haben Gerüchte über einen neuen Angriff gehört. Keiner hier fühlt sich sicher genug, um zurückzugehen. Ich mache mir vor allem Sorgen um meine Kinder. Wegen der Unsicherheit sind die Preise gestiegen und es ist zu einem echten Problem geworden, etwas zu essen für sie zu finden. Sie gehen nicht mehr zur Schule. Politik sollte nicht mit Waffen gemacht werden. Denn es sind immer die Unschuldigen, die darunter leiden."  

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Béatrice bereitet Kräuter zu, die im Busch gesammelt wurden.
Béatrice bereitet Kräuter zu, die sie gesammelt hat und mit einer Soße vermischt. Durch die wachsende Unsicherheit vor Ort sind die Lebensmittelpreise stark gestiegen und die Versorgung mit Nahrung ist schwierig geworden.
©Alexis Huguet

Meine Enkelkinder verdienen ein besseres Leben

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Notunterkunft auf dem Gelände des Bangassou-Krankenhauses
©Alexis Huguet
Philomène teilt sich diese Notunterkunft mit ihren Verwandten und anderen Familien, die vor der Gewalt geflohen sind.

"Als wir die Schüsse hörten, hatten wir schreckliche Angst", sagt die 50-jährige Philomène, die ebenfalls am 3. Januar mit ihrer Familie in die Universitätsklinik floh. "Wir sind direkt ins Krankenhaus gegangen, weil wir wussten, dass wir dort in Sicherheit sind."  

Philomène lebt seit einigen Wochen mit ihren Kindern und Enkelkindern hier. Für sie ist diese Krise eine zusätzliche Tragödie in ihrem Leben.  

"Ich bin Witwe und habe bereits sechs meiner acht Kinder durch Krankheit und Gewalt verloren", sagt sie. "Die meisten meiner Enkelkinder hier sind Waisen. Und nun müssen wir hier leben. "  

Trotz der schlechten Lebensbedingungen ist Philomène noch nicht bereit, das Krankenhausgelände zu verlassen. "Wir brauchen Sicherheit. Nur in Frieden können wir ein normales Leben beginnen. Meine Enkelkinder haben ein besseres Leben verdient." 

Frauengesundheit

Frauen* haben andere gesundheitliche Risiken als Männer. Doch ihre spezifischen Bedürfnisse finden im Gesundheitssystem und in der Forschung nach wie vor keine ausreichende Beachtung.