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Südsudan: Wir rannten um unser Leben

Hunderttausende sind auf der Flucht. Felder sind überschwemmt. Die Fluten haben Gesundheitseinrichtungen, Schulen und Häuser zerstört. Während viele ostafrikanische Länder momentan mit den schlimmsten Dürren der letzten 40 Jahre zu kämpfen haben, ist die Lage im Südsudan eine ganz andere: Zwei Drittel des Landes stehen unter Wasser. Die diesjährigen Überschwemmungen reihen sich ein in eine besorgniserregende Entwicklung. Dies ist bereits das vierte Jahr in Folge, in dem das Land von beispiellosen Überflutungen betroffen ist.

Ein kleines Floß treibt den Nil hinab. Es ist behelfsmäßig gebaut aus Plastikplanen und Grashalmen. Darauf eine achtköpfige Familie. Alles, was sie noch haben, sind ein paar wenige Kleidungsstücke und Kochgefäße. Ihre Heimat wurde von den Fluten mitgerissen, ihr Haus zerstört. So wie ihnen geht es Hunderttausenden im Südsudan. Den Bewohner*innen zahlreicher Dörfer bleibt nichts anderes übrig, als so schnell wie möglich die Flucht anzutreten. In provisorisch gebauten Booten versuchen sie, den verheerenden Fluten zu entkommen – bevor es zu spät ist. 

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Die Überschwemmungen im Südsudan richteten nun schon zum vierten Mal in Folge großflächige Zerstörung an
Zahlreiche Menschen befinden sich auf der Flucht vor den Überschwemmungen und kommen in Vertriebenenlager in anderen Teilen des Landes unter.


Häuser stürzen in den Fluten ein

Nyanyieth Bang lebt in Ulang, einem Bezirk, der besonders stark von den Überflutungen betroffen ist. Er erzählt uns:

Das Wasser kam am Morgen. Alle gingen los, um den Deich mit Schlamm aufzuschütten. Wir haben die ganze Nacht daran gearbeitet, aber am nächsten Morgen hatten wir keine Kontrolle mehr. Wir rannten um unser Leben. Die Überschwemmungen haben alle vertrieben. Alle Dörfer wurden überflutet, und auch das Vieh ertrank. Unser Haus stürzte in den Fluten ein. Es war eine große Katastrophe für uns.

- Nyanyieth Bang, Betroffener von den Überschwemmungen in Ulang

Saisonale Überschwemmungen des Nils und seiner Nebenflüsse sind im Südsudan erst einmal nichts Ungewöhnliches. In den vergangenen vier Jahren kam es jedoch zu einer sehr besorgniserregenden Entwicklung. Die Regenzeit beginnt früher und dauert länger an. Zudem ist die Intensität der Regenfälle deutlich stärker als in der Vergangenheit. Das führt dazu, dass die Böden so aufgeweicht sind, dass das Wasser selbst in den Trockenzeiten nicht vollständig zurückgehen kann. Im Zuge der erneut einsetzenden Regenzeit beschleunigt das wiederum Überschwemmungen.

Alle Deiche brachen

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Nicht einmal Deiche konnten die Fluten aufhalten
Die Deiche, die die Bewohner*innen dieses Dorfes zur Vorbereitung auf die Regenzeit gebaut hatten, brachen in Folge der starken Fluten zusammen. Ganze Dörfer wurden überschwemmt.
©Peter Caton

Deiche und Mauern aus Erde sollen die Dörfer im Südsudan normalerweise vor einsetzenden Fluten schützen. Die Dorfbewohner*innen treffen vor der Regenzeit gemeinsam die entsprechenden Vorbereitungen. Doch in diesem Jahr reichte all das nicht aus. Die Wasserfluten nahmen überhand. Die Deiche brachen und die Überschwemmungen rissen ganze Dörfer mit sich. Infolgedessen kam es zu großflächigen Zerstörungen. Schulen, Häuser und Gesundheitseinrichtungen - nichts haben die Fluten verschont. 

Hunderttausende Südsudanes*innen befinden sich auf der Flucht. Millionen Tiere wurden getötet und Tausende Hektar Ernte zerstört. Tut Chuol aus dem Bezirk Fangak berichtet uns: „Vor den Überschwemmungen haben wir Ackerbau betrieben und Vieh gehalten, aber jetzt sind alle Kühe bei den Überschwemmungen gestorben, und das Land, das wir früher bewirtschaftet haben, gibt es nicht mehr. Jetzt gibt es keine Nahrung mehr, wir essen nur noch Seerosen. Wenn keine Lösung gefunden wird, werden wir sterben.” 

Eine beispiellose humanitäre Katastrophe bahnt sich an

Die Auswirkungen der Überschwemmungen sind verheerend. Insbesondere die Ernährungssituation im Land besorgt unsere Teams. Durch die großflächigen Ernte- und Viehverluste sind Nahrungsmittel sehr knapp. Mehr als 75 Prozent der südsudanesischen Bevölkerung sind derzeit auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, so schätzt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen die Situation ein. Schon im letzten Jahr haben unsere Mitarbeiter*innen einen besorgniserregenden Anstieg an Fällen von Mangelernährung verzeichnet. Diese Lage könnte sich nun weiter zuspitzen.

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Viele Menschen im Südsudan fliehen in kleinen Booten vor den Fluten
Viele Menschen im Südsudan fliehen in kleinen Booten vor den starken Fluten. Auch dieser Mann nutzt ein Boot, um seine Besitztümer und ein paar Ziegen zu transportieren. Die starken Überschwemmungen im Südsudan sorgten dafür, dass vielen Menschen ihre gesamte Lebensgrundlage wegbrach. Unsere Teams zeigen sich insbesondere angesichts der Nahrungsmittelkrankheit und des Risikos sich ausbreitender Krankheiten besorgt.
©Peter Caton

Zahlreiche Menschen leben nun, nachdem sie ihr Zuhause verloren haben, in Vertriebenenlagern. Dort ist der Zugang zu sicherem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen nicht sichergestellt. Das stehende Wasser, das nach wie vor nicht abfließt, bietet außerdem einen idealen Brutplatz für Insekten: Infolgedessen kommt es zu Ausbrüchen von durch Mücken übertragbare Krankheiten wie Malaria. Durch verunreinigtes Wasser breiten sich außerdem auch andere Infektionen aus, wie beispielsweise Hepatitis E, das insbesondere durch verunreinigtes Trinkwasser übertragen wird. Unsere Mitarbeiter*innen vor Ort berichten von großen Schwierigkeiten, die betroffene Bevölkerung zu erreichen und die entsprechende medizinische Versorgung zur Verfügung zu stellen. So erzählt unsere Einsatzleiterin im Südsudan, Aline Serin:

Die Überschwemmungen erschweren unsere Arbeit und wir haben Mühe, die Menschen zu erreichen. Viele Straßen des Landes sind durch die Überschwemmungen unpassierbar geworden. An einigen unserer Einsatzorte konnten unsere Flugzeuge nicht landen, da die Ladebahnen überflutet waren.

- Aline Serin, unsere Einsatzleiterin im Südsudan

Wir fordern internationale Hilfe für den Südsudan 

Trotz der dramatischen humanitären Situation wird den Menschen im Südsudan kaum geholfen. Die internationale Hilfe wurde gekürzt und die Bevölkerung vor Ort hat durch die mehrfachen Überschwemmungen mit immer heftigeren Folgen zu kämpfen. Wir fordern deshalb, dass humanitäre Organisationen, UN-Organisationen und Regierungen das Ausmaß der Krise anerkennen und den überwältigenden Bedarf der Bevölkerung an Nahrungsmitteln, Unterkünften, medizinischer Versorgung und anderen lebensnotwendigen Gütern auffangen.

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