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Revolution bei der Behandlung resistenter Tuberkulose - Veränderung einer schmerzvollen Therapie

 „Am zehnten Tag meiner Behandlung merkte ich, dass mit meinen Ohren etwas nicht stimmte", berichtet Maria, eine unserer Patient*innen in Belarus. "Die Medikamente beeinträchtigten meinen Hörnerv. Außerdem waren die Injektionen sehr schmerzhaft und hinterließen Klumpen und Beulen an meinem Körper. Selbst das Hinsetzen war schmerzhaft." Jedes Jahr erkranken rund 500.000 Menschen wie Maria weltweit an resistenten Formen der Tuberkulose(1). Bis vor kurzem mussten sie eine jahrelange mit schweren Nebenwirkungen verbunden Behandlung durchlaufen. Nun stellte sich eine veränderte Therapie in einer von uns realisierten Studie als erfolgreich heraus. Für betroffene Patient*innen – nicht nur in Belarus – bedeutet das eine wirklich einschneidende Veränderung.

Trotz der Fortschritte in den vergangenen 20 Jahren gehört Belarus immer noch zu den 30 Ländern mit den meisten Tuberkulose-Erkrankungen weltweit. Etwa ein Drittel der Patient*innen dort leidet an resistenten Formen der Tuberkulose (TB). Die Standardbehandlung, der sich Patient*innen wie Maria früher unterziehen mussten, dauert bis zu 20 Monate und ist mit schmerzhaften Injektionen und einer Fülle möglicher Nebenwirkungen verbunden, die von Schmerzen und Depressionen bis hin zu irreversiblem Hörverlust reichen.

2017 startete Ärzte ohne Grenzen dann eine klinische Studie mit dem Namen TB-PRACTECAL, um innovative Ansätze für die Behandlung resistenter Tuberkuloseformen zu testen. In drei Ländern - Belarus, Südafrika und Usbekistan – behandelten wir die Patient*innen mit einem neuen Behandlungsschema, bei dem die Medikamente ausschließlich oral eingenommen wurden, so dass keine schmerzhaften Injektionen mehr nötig waren. Zudem verkürzte sich die Zeit der Therapie auf sechs Monate.

2022 markiert ein neues Kapitel in der Behandlung von TB

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Tuberkulose Medikamente Minsk
Die Ärztin Natalia arbeitet im Republikanischen Wissenschaftlichen und Praktischen Zentrum für Pulmonologie und Tuberkulose in Minsk. Im Medikamentenlager stellt sie die Medikament für die Behandlung resistenter Tuberkulose zusammen.
©MSF/Alexandra Sadokova

Die in diesem Jahr veröffentlichten Ergebnisse von TB-PRACTECAL beweisen, dass das neue, rein orale sechsmonatige Behandlungsschema (bestehend aus den Antibiotika Bedaquiline, Pretomanid, Linezolid  und Moxifloxacin, die zusammen als BPaLM bekannt sind) - bei der Behandlung von resistenten Tuberkuloseformen sicherer und wirksamer war als die üblichen Methoden.  

Damit wurde ein neues Kapitel in der Geschichte der weltweiten TB-Behandlung aufgeschlagen. Kurz darauf veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Mitteilung zu den Richtlinien für die Behandlung von resistenter TB, in der sie den Einsatz des BPaLM-Schemas anstelle der älteren Schemata empfiehlt.  

“Wir sind nicht die Krankheit”

Eine Patientin, die an unserer klinischen Studie teilnahm, war Volha aus Minsk. Volha hat drei Kinder und erhielt kurz nach der Geburt ihrer Zwillinge die schockierende Diagnose, dass sie an extrem resistenter TB (XDR-TB) erkrankt war. Um ihre beiden neugeborenen Babys nicht dem Risiko einer Infektion auszusetzen, blieb sie während ihrer Behandlung im Republikanischen Wissenschaftlichen und Praktischen Zentrum für Pulmonologie und Tuberkulose in Minsk, während ihre Kinder bei der Familie lebten.  

Trotz dieser schwierigen Situation gelang es ihr, die Behandlung mit einer positiven Einstellung zu beginnen. Ihre optimistische Haltung und die Unterstützung durch ihre Familie beschreibt sie als wichtige Faktoren für ihre Genesung. Sie sagt über ihre Behandlung:

Alles wurde mit Liebe zu den Patient*innen gemacht. Während meiner Zeit im Krankenhaus hatte ich ein Mantra im Kopf: 'Wir sind keine Patient*innen, wir sind nicht krank, wir werden gesund. Jeden Tag bewegen wir uns auf die Genesung zu.' Das habe ich auch zu den anderen Patient*innen gesagt.

Volha hat sich inzwischen vollständig erholt und ist wieder zu Hause bei ihren drei Kindern.  

Der nächste Schritt: Behandlung abseits der Hauptstadt Minsk

In Belarus wurde im Anschluss an die klinische Studie TB-PRACTECAL eine neue Studie mit dem Namen SMARRTT(2) angestoßen. Bereits jetzt gibt es 300 Teilnehmer*innen. In der Praxis soll begleitet werden, wie das neue verkürzte Behandlungsschema, das im Rahmen der TB-PRACTECAL-Studie ausschließlich in Minsk verwendet worden war, auf Patient*innen in andere Städte in ganz Belarus ausgedehnt wird.  

Apotheker*innen aus verschiedenen Regionen kommen zu uns und holen die Medikamente ab, mit denen dann Patient*innen in ihren Heimatstädten behandelt werden können.
- Dr. Natalia Yatskevich, leitende Prüfärztin der SMARRTT-Studie und Ärztin im nationalen TB-Programm

Hoffnung, dass die Krankheit das Leben nun weniger bestimmt

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Tablettendosierung resistente Tuberkulose
Maria ist eine 34-jährige Patientin der SMARRTT-Studie. Hier sehen wir ihre monatliche Medikamentendosierung - sie muss täglich mehrere Tabletten gegen die resistente Tuberkulose einnehmen.
©MSF/Alexandra Sadokova

Maria hatte sich zwei Jahre lang der früher üblichen Standard-Behandlung unterzogen, konnte damit aber nicht von ihrer resistenten TB geheilt werden. Nun soll sie die neue, verkürzte Behandlung in Belarus erhalten. "Für mich drehte sich in den vergangenen zwei Jahren alles um TB", sagt sie. "Ein solches Leben ist unmöglich. Wir betroffenen Menschen können [während der Behandlung] nichts tun, weil man sich schrecklich fühlt. Hätte ich gleich mit einer kurzen Behandlung beginnen können, wäre mein Leben anders verlaufen."

Stigmatisierung von Tuberkulose-Erkrankten ist problematisch

Ein weiteres Thema, das vielen TB-Patient*innen zusätzlich zu schaffen macht, ist die Stigmatisierung. In Ländern, in denen TB weit verbreitet ist, ist das immer noch ein großes Problem. Belarus ist da keine Ausnahme. Viele Tuberkulose-Patient*innen werden von der Gesellschaft und sogar von Angehörigen nicht akzeptiert. Die ehemalige TB-Patientin Volha ist der Meinung, dass die geringe Sichtbarkeit von Menschen mit TB dazu führe, dass sie von der Gesellschaft leicht ignoriert würden. Die Verbesserung eines gesellschaftlichen Bewusstseins für die Krankheit und die Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber TB-Patient*innen brauchen Zeit und erfordern langfristige Anstrengungen. 

 

(1) Tuberkulose ist eine Infektionskrankheit, die durch Mykobakterien verursacht und durch Tröpfcheninfektion übertragen wird. Einige Bakterien haben gegen Tuberkulose-Medikamente Resistenzen entwickelt. Der Begriff resistente Tuberkulose schließt alle Formen resistenter Tuberkulose ein, also zum Beispiel auch multiresistente oder extrem resistente Tuberkulose. 

(2) SMARRTT steht für ein sechsmonatiges rein orales Therapieschemata für resistente Tuberkuloseformen, bei denen das Medikament Rifampicin nicht wirkt.