Griechenland

Ärzte ohne Grenzen kritisiert Zwangsmaßnahmen bei der Umsiedlung von Geflüchteten in Moria

Zu unserer Notfallklinik, in der wir die Verletzten nach der Brandkatastroophe behandeln, wurde unseren Mitarbeiter*innen am Donnerstagvormittag der Zugang verwehrt.

Athen, 17. September 2020. Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen kritisiert die Anwendung von Zwangsmaßnahmen bei der Umsiedlung von Geflüchteten auf der griechischen Insel Lesbos. Am Donnerstagvormittag hat die Polizei nahe Moria einen groß angelegten Einsatz mit dem Ziel gestartet, Geflüchtete in einem kürzlich errichteten Zeltlager unterzubringen. Zeitweise wurde durch den Einsatz auch die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen blockiert. Mitarbeitende einer neuen Klinik wurden etwa mehrere Stunden lang daran gehindert, die medizinische Einrichtung zu betreten.

„Wir rufen die griechischen Behörden auf, jedweden Einsatz in einer friedlichen Art und Weise durchzuführen. Um einer Pandemie wirkungsvoll zu begegnen, muss es Vertrauen in die politischen Maßnahmen geben. Dieses erreicht man nicht durch Zwang. Es ist darüber hinaus inakzeptabel, wenn unsere Mitarbeitenden daran gehindert werden, ihrer Arbeit nachzugehen“, sagt Marie von Manteuffel, Expertin für Flüchtlingspolitik bei Ärzte ohne Grenzen. Die Organisation ist der einzige medizinische Akteur in der näheren Umgebung.

Es ist bislang unklar, ob es für die Menschen, sobald sie in dem neuen Lager sind, möglich sein wird, dieses auch wieder zu verlassen. Die griechischen Behörden verweisen auf die angebliche Notwendigkeit, die Geflüchteten „vor einer Ansteckung mit Covid-19 durch die lokale Bevölkerung zu schützen“, um zu begründen, warum sie im Lager bleiben müssen.

Ärzte ohne Grenzen fordert, beim Umgang mit Geflüchteten an den europäischen Außengrenzen künftig die humanitären Mindeststandards einzuhalten. „Die Europäische Union muss endlich ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden und beweisen, dass sich ihre Politik an der Menschenrechts-Charta orientiert. Alle beteiligten Akteure sollten sich hinterfragen, ob ein ‚zweites Moria‘ wirklich die beste Lösung für den Umgang mit Menschen ist, die über tausende Kilometer geflohen sind, um Krieg und Gewalt zu entkommen und ein Leben in Sicherheit zu führen“, sagt Marie von Manteuffel.

Eine Woche nach dem verheerenden Großbrand im Lager Moria bedürfen Tausende Menschen einer medizinischen Behandlung. In der vergangenen Woche führte Ärzte ohne Grenzen mehr als 500 Untersuchungen und Behandlungen in einer neu errichteten improvisierten Klinik durch. Die Mitarbeitenden kümmerten sich dabei unter anderem um Patientinnen und Patienten mit chronischen Erkrankungen, Mehrfacherkrankungen, gynäkologischen Problemen und Hauterkrankungen.