Äthiopien

Alarmierend viele Kinder in Vertriebenenlagern im Süden schwer mangelernährt

Ein Vater und seine drei Kinder warten auf medizinische Beratung. Sie sind in einer Kirche in Gedeo untergebracht, die vorübergehend Binnenvertriebene aufnimmt.

Berlin/Addis Abeba, 18. April 2019. Teams von Ärzte ohne Grenzen haben im Gebiet Gedeo im Süden Äthiopiens alarmierend viele lebensgefährlich mangelernährte Kinder untersucht. Ein Ernährungs-Screening in acht Vertriebenenlagern zeigte, dass die Mangelernährungsrate deutlich über der Notfallschwelle liegt. Ärzte ohne Grenzen hat mit Soforthilfe begonnen und fordert weitere Hilfsorganisationen auf, die Hilfe auszubauen. 

„Die wenigen Ernährungszentren in der Region waren völlig überfordert und konnten die erforderliche spezialisierte Behandlung von Kindern mit medizinischen Komplikationen nicht leisten“, sagt Markus Böning, Nothilfekoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Gedeo. „Wir mussten dringend mehr Behandlungsplätze für schwer mangelernährter Kinder schaffen.“

Teams von Ärzte ohne Grenzen unterstützen nun die örtlichen Gesundheitsbehörden. Bisher haben sie in zwei Stabilisierungszentren mehr als 200 Kinder unter fünf Jahren wegen schwerer akuter Mangelernährung sowie mehr als 55 Kinder mit zusätzlichen medizinischen Problemen behandelt. Die Teams registrierten auch eine hohe Zahl an mangelernährten Schwangeren. 

In der Verwaltungsregion der südlichen Nationen, Nationalitäten und Völker (SNNPR), zu der Gedeo gehört, leben Zehntausende Vertriebene. Die Gesundheitsbehörden haben in den vergangenen Wochen mehrere tausend Patienten mit schweren Durchfallerkrankungen registriert. „Die Lager sind überfüllt. Es herrschen äußerst schlechte Lebensbedingungen. Es droht der Ausbruch von Epidemien. Die Vertriebenen sind gesundheitlich sehr gefährdet, nachdem sie mehrmals hintereinander weiterziehen mussten“, beschreibt Böning. In den kommenden Tagen werden die Teams von Ärzte ohne Grenzen die Versorgung mit Trinkwasser und Sanitäranlagen in den Vertriebenenlagern und provisorischen Camps verbessern. 

Ärzte ohne Grenzen hatte bereits im vergangenen Jahr in Gedeo einen Nothilfeeinsatz gestartet, nachdem viele Menschen wegen ethnisch motivierter Gewalt geflohen waren. Auf dem Höhepunkt der Krise im Juli 2018 sprachen die Behörden von fast einer Million Vertriebenen. Im Dezember hatten sich die Gesundheitsindikatoren jedoch verbessert, viele Menschen hatten die Lager verlassen. Vor drei Monaten hatte Ärzte ohne Grenzen den Nothilfeeinsatz deshalb beendet. 

Doch seitdem hat sich die Situation dramatisch verschlechtert. Berichte über erneute Unsicherheit, Gewaltandrohungen und mangelnde Unterstützung führten dazu, dass die Menschen nach Gedeo zurückkehrten. „Die Vertriebenen, die nicht nach Hause zurückgekehrt sind, haben bei der lokalen Bevölkerung Unterschlupf gesucht. Doch dort haben sie keinen Zugang zu humanitärer Hilfe und die Vorräte der Menschen sind aufgebraucht. Deshalb gehen viele von ihnen nun zu den neuen Vertriebenenlagern, um Hilfe zu erhalten“, sagt der Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Äthiopien, Mohamed Morchid. „Es ist entscheidend, jetzt auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene Hilfe zu mobilisieren und die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln, Wasser, Unterkünften und medizinischer Versorgung auszuweiten.“