Sudan

Hoffnungsschimmer im Tawila-Krankenhaus - Ärzte ohne Grenzen eröffnet renoviertes Krankenhaus im Norden von Darfur

Tawila-Krankenhaus, Nord-Darfur. Hier konnte Ärzte ohne Grenzen die medizinische Hilfe nun wieder aufnehmen.

Seit 2007 unterstützt Ärzte ohne Grenzen die Bevölkerung und Vertriebene in Tawila (Nord-Darfur). Wegen der unsicheren Lage mussten die Aktivitäten mehrmals ausgesetzt werden - jetzt wurden sie in das renovierte Krankenhaus verlagert. Die Geschichten von Fatima und Isra zeigen, welche Bedeutung die medizinische Hilfe für die Menschen in Tawila hat.

Nach einer zweimonatigen Schwangerschaft erlitt Fatima an einem schicksalhaften Dienstagmorgen eine Fehlgeburt. Fatimas Ehemann mietete in ihrem Dorf Khartoum Jadeed ein Auto. Mitfühlende Familienmitglieder - zwei männliche und eine weibliche Angehörige - begleiteten die beiden auf der zweieinhalbstündigen Fahrt zum Tawila-Krankenhaus in der Region Nord-Darfur im Sudan. Für viele Menschen, die in Tawila und der Umgebung leben, ist dies das nächstgelegene Krankenhaus. Die Fahrt kostete die Gruppe rund fünf Dollar pro Person. Die Ärzte Tijani Osman Abakar und Carlos Sola von Ärzte ohne Grenzen führten den Eingriff durch und entfernten die Reste des abgestorbenen Fötus. "Wäre Fatima nicht behandelt worden, hätte sie verbluten oder eine tödliche Infektion bekommen können", so Tijani Osman Abakar.

Rückblende: Seit Dezember 2008 hatte Fatima - so wie viele andere Bewohnerinnen und Bewohner der Region - anderweitig medizinische Versorgung suchen müssen. Ärzte ohne Grenzen hatte die Aktivitäten, die damals noch nicht im Krankenhaus konzentriert waren, aufgrund der Verschlechterung der Sicherheitslage einstellen müssen. Nachdem sich die Sicherheit wieder verbessert hatte, konnte Ärzte ohne Grenzen im Oktober 2009 nach Tawila zurückkehren und die Aktivitäten in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium wieder aufnehmen. Zu dem Zeitpunkt bot das Ministerium eine begrenzte medizinische Versorgung in einem Zelt. Um die Versorgung langfristig sicherzustellen, beschloss Ärzte ohne Grenzen, ein altes Gebäude des Ministeriums zu renovieren. Jetzt sind alle medizinischen Aktivitäten dort angesiedelt.

Ein Krankenhaus für mehr als 28.000 Menschen

Fatima hat zwei Adoptivkinder. Die zweite Frau ihres Ehemanns starb, und Fatima zieht jetzt die Kinder groß. Ihr Mann arbeitet als Bauer auf Tabakfeldern und in landwirtschaftlichen Betrieben. Da es nur wenig Regen gegeben hatte, konnte sich die Familie dieses Jahr kein "ayash" (Hirse) leisten. Diese Hirsesorte ist die Hauptnahrungsquelle in Darfur. Die weibliche Verwandte des Paars berichtet von Hunger: "Wir haben seit gestern nichts mehr gegessen. Wir werden erst wieder Brot essen, wenn wir in Tawila ankommen. Wir haben kein Brot, wir sind arm."

Erfreulicherweise bietet das Krankenhaus die dringend benötigte kostenlose medizinische Versorgung für die 28.600 Menschen, die in Tawila und der Umgebung leben, inklusive der Vertriebenen in den drei Lagern Rwanda, Dali und Argo. Viele dieser Menschen flohen vor dem Konflikt in Darfur. Sie leben bereits seit vielen Jahren in diesen Lagern wie z.B. die 39 jährige Al-Radiya.

Viele Vertriebene sind unter den Patienten

An dem gleichen Morgen, an dem Fatima ihr Kind verlor, lief Al-Radiya mit ihrer fünf Jahre alten Tocher Isra auf dem Rücken die 30 Minuten von ihrer Unterkunft im Rwanda-Lager zum Tawila-Krankenhaus. Isra hatte seit der vorangegangenen Nacht an hohem Fieber gelitten, und die Krankenschwestern im Tawila-Krankenhaus wickelten sie in kalte Tücher ein. Isra wurde auf Malaria getestet, mit negativem Ergebnis. Bis zur Mitte des Nachmittags war ihr Fieber zurückgegangen. Al-Radiya und Isra verließen die Krankenstation gegen Ende des Tages.

"Das Tawila-Krankenhaus hilft so vielen, und es ist das nahe gelegenste Krankenhaus für uns. Menschen kommen aus mehr als 20 Dörfern für die kostenlose medizinische Versorgung hierher", erklärt Al-Radiya. Sie, ihr Mann und ihre sieben Kinder leben seit den letzten drei Jahren in einer "gutiya", einer Strohhütte, im Rwanda-Lager. Konflikte hatten sie gezwungen, aus ihrem Dorf Shokshoga zu fliehen. Die Familie hatte dabei ihr Vieh und ihr Land verloren. Wie auch alle ihre Verwandten und Nachbarn, die in Shokshoga gelebt hatten, konnten sie nur wenige Habseligkeiten mitnehmen. Heute arbeitet Al-Radiya als Tagelöhnerin, während ihr Mann Land bewirtschaftet, das in Privatbesitz ist. Sie müssen dafür kämpfen, dass es etwas zum Essen gibt und sie das Schulgeld für ihre Kinder zahlen können. Trotzdem ist Al-Radiya voller Hoffnung. "Ich bete für eine bessere Zukunft, in der das Leben schön ist, die Lebensbedingungen stabil sind und die Menschen ein Zuhause haben", sagt sie.

Fakten zur Hilfe von Ärzte ohne Grenzen in Tawila und Nord-Darfur

Das Team von Ärzte ohne Grenzen unterstützt das Gesundheitsministerium bei der Basisgesundheits- und Krankenhausversorgung für die Menschen von Tawila. Dazu gehören Ernährungsprogramme, Familienplanung und Mutter-Kind-Gesundheit, psychologische Unterstützung und Gesundheitsförderung in den Gemeinden. Ärzte ohne Grenzen wird dem Ministerium auch durch Weiterbildung und finanzielle Beiträge zu Personalkosten sowie beim Aufbau von Kapazitäten helfen. Die medizinischen Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen in Tawila, die 2007 begonnen hatten, waren vor der jetzigen Ansiedelung im renovierten Krankenhaus bereits die gleichen. Allerdings sind die hygienischen Bedingungen im Krankenhausgebäude besser und auch der Komfort für die Patienten.

Zurzeit arbeiten 62 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen und 15 Kollegen und Kolleginnen des Ministeriums im Tawila-Krankenhaus. Allein im Januar und Februar 2010 führten sie 6.000 ambulante Behandlungen durch, impften 770 Frauen und Kinder, boten Geburtsvorsorgeuntersuchungen für 750 Frauen und unterstützten 246 Kindern unter fünf Jahren in Ernährungsprogrammen.

Zusätzlich zur Unterstützung des Gesundheitsministeriums im Tawila-Krankenhaus betreibt Ärzte ohne Grenzen in Nord-Darfur auch ein Krankenhaus in Shangil Tobaya, unterstützt fünf Gesundheitszentren in Dar Zaghawa und eine Klinik in Kaguro.