Äthiopien

Erfahrung, Mut und Kreativität - Brief aus dem Projekt

Judith Starkulla im Kreis der äthiopischen Geburtshelferinnen

Hier in Wardher, einer abgelegenen Gegend in Äthiopien, gibt es keine vollständig ausgestatteten Krankenhäuser, keine Chirurgen und keinen Operationssaal. Ein Stethoskop und einige sterile Instrumente sind die einzigen Hilfsmittel bei meiner Arbeit für Ärzte ohne Grenzen. Wenn eine Geburt zur Lebensgefahr für Mutter und Kind wird, dann helfen mir und meinem Team Erfahrungen, Mut und Kreativität.

Eines Nachts weckt mich ein Anruf aus der Klinik: Eine Frau liegt in den Wehen, ihr geht es schlecht, die Geburt ist ins Stocken geraten. Als ich in den Kreißsaal komme, hat sich noch immer nichts getan. Ich untersuche sie und stelle fest, dass das Kind mit den Armen vor dem Kopf im Becken liegt. So wird es nie und nimmer zur Welt kommen können. Bei uns in Deutschland würden wir sofort einen Kaiserschnitt machen. Hier in Wardher, wo die Menschen unter Gewalt und Konflikten leiden und wo es viel zu wenige medizinische Einrichtungen gibt, ist das nicht möglich. Es gibt keinen Operationssaal, keinen Chirurgen und keinen Anästhesisten.

Ich entscheide mich für einen für die Frau äußerst schmerzhaften Eingriff und schiebe das Kind buchstäblich in die Gebärmutter zurück. Das Baby kann jetzt die Arme wegnehmen und liegt 20 Minuten später gesund in meinen Armen. Der Mutter geht es ganz gut, sie kann wenige Stunden später wieder nach Hause.

Nur knapp vier Prozent der Frauen in Wardher haben Zugang zur Geburtsvorsorge - das sind weniger als ein Zehntel vom Landesdurchschnitt. Gerade mal drei von einhundert Geburten werden durch medizinisches Personal durchgeführt. Die meisten Frauen entbinden zu Hause und kommen nur zu uns in die Klinik, wenn Komplikationen auftreten. Viele sind dann schon in den Wehen. Doch seit wir unser Vorsorgeprogramm bekannt machen, kommen mehr und mehr Frauen. Wir sind fünf Hebammen im Team und neben den allgemeinen Vorsorgeuntersuchungen testen wir auf Bluthochdruck, bieten Nahrungsergänzung an und behandeln Krankheiten.

Eine andere Aufgabe während meiner fünf Monate in Wardher ist die Arbeit mit den traditionellen Geburtshelferinnen, die hier fast alle Geburten in den Dörfern begleiten. Ich organisiere Workshops, die für uns alle äußerst lehrreich sind. Wir geben Tipps, wie die Mütter besser mit den Wehen umgehen können und üben, die Babys im Mutterleib zu ertasten oder mit einfachen Tricks die Lage des Kindes zu verändern. Wir üben auch, was man in bestimmten Notfällen tun kann, zum Beispiel wenn das Baby mit der Schulter im Becken steckenbleibt: Dann können die Geburtshelferinnen mit ein paar einfachen, aber wirkungsvollen Griffen und ohne am Kopf zu ziehen das Baby wieder in die richtige Position bringen.

Gesundheitsversorgung gibt es hier in Wardher so gut wie keine. Das gesundheitliche Risiko der Schwangeren ist unnötig hoch, weil oft sowohl Vorsorge als auch medizinische Hilfe bei Geburtskomplikationen fehlen. Zusammen mit meinen internationalen und äthiopischen Kolleginnen setze ich all mein Können und Wissen ein, um den Frauen und ihren Babys zu helfen. Unsere Klinik ist dabei ein Beitrag, um die große Lücke zu füllen. Ich bin froh, dass ich diese Erfahrung machen kann.

Judith Starkulla