Frauengesundheit & Covid-19-Pandemie

Frauen und Mädchen sind größeren Gefahren ausgesetzt

Weltweit sind aufgrund der Covid-19-Pandemie Gesundheitssysteme überlastet. Aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus wurden zahlreiche Gesundheitsdienste eingestellt und fast überall kursieren Falschinformationen. All das könnte vielerorts katastrophale Auswirkungen auf die Gesundheit von Frauen und Mädchen haben.

Eine Versorgung wird Frauen in Zeiten der Covid-19-Krise teilweise gänzlich verweigert oder es kommt zu gefährlichen Verzögerungen bei der Bereitstellung der benötigten Dienste. Die Auswirkungen von Covid-19 sind insbesondere in Ländern mit ohnehin schwachen Gesundheitssystemen schwerwiegend – oft sind dies Länder, in denen wir arbeiten. Zudem treffen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie ärmere und marginalisierte Gemeinschaften und insbesondere Frauen am stärksten, unter ihnen Geflüchtete, Migrant*innen sowie Menschen in informellen Arbeitsverhältnissen. Bereits vor der Ausbreitung des Coronavirus hatten Frauen  große Schwierigkeiten, eine medizinische Grundversorgung zu erhalten. Nun haben sich diese weiter verschärft.

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Vernachlässigung der Gesundheitsversorgung für Frauen in der Corona-Krise

Die Bedürfnisse von Frauen werden in Notsituationen oft vernachlässigt - und während der Coronavirus-Pandemie ist das nicht anders. Obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Leitfaden für die Aufrechterhaltung der Grundversorgung während der Pandemie entwickelt hat und dazu rät, Frauengesundheit zu priorisieren, wurden Dienste, die für die Gesundheit von Frauen essentiell sind, vernachlässigt und Ressourcen umverteilt. In der Folge ist die Gesundheitsversorgung von Frauen in Zeiten der Covid-19-Pandemie aktuell beeinträchtigt.

So üben die USA als größter Geldgeber für globale Gesundheitshilfe Druck auf die Vereinten Nationen (UN) aus, um einige der Maßnahmen aus dem Global Humanitarian Response Plan[1] zu streichen, die die Gesundheitsversorgung von Frauen betreffen. Diese umfassen beispielsweise sichere Schwangerschaftsabbrüche, die Behandlung von Überlebenden sexualisierter Gewalt und Vorsorgeuntersuchungen für Gebärmutterhalskrebs.

Schließung wichtiger Gesundheitseinrichtungen für Frauen während der Corona-Krise

"Es fühlt sich an, als würden wir rückwärtsgehen und alles verlieren, wofür wir gekämpft haben"

Seit Beginn der Pandemie haben Tausende Einrichtungen, die Gesundheitsdienste für Frauen anbieten, geschlossen. Insgesamt könnten in Zukunft bis zu 80 Prozent dieser Einrichtungen geschlossen werden, darunter auch jene, die Verhütung und sichere Schwangerschaftsabbrüche[2] anbieten. So stellen wir beispielsweise in Arauca, Kolumbien, fest, dass immer mehr Kolumbianer*innen in unsere Projekte kommen, in denen wir eigentlich Gesundheitsversorgung für Geflüchtete und Migrant*innen aus Venezuela anbieten. Der Hauptgrund: Die Kolumbianer*innen werden in den öffentlichen Einrichtungen nicht mehr behandelt.

„Frauen die Entscheidung über die Familienplanung zu nehmen ist, als würde man ihnen die Macht über ihren eigenen Körper nehmen – die Macht, ein Kind zu bekommen oder nicht. Es fühlt sich an, als würden wir rückwärtsgehen und alles verlieren, wofür wir gekämpft haben." -

- Dr. Maura Emelina Lainez Vaquiz, die als Ärztin für uns im Distrikt Cortés in Honduras arbeitet und bei ihrer täglichen Arbeit sieht, welche Auswirkungen Covid-19 auf Frauen sowie deren Gesundheit und Entscheidungsmöglichkeiten hat.

Auch in Rustenburg, Südafrika, wurden Einrichtungen, die sichere Schwangerschaftsabbrüche durchführen, in der Annahme geschlossen, dass diese nicht zur essentiellen Gesundheitsversorgung gehören. Unsere Initiative bei den lokalen Gesundheitsbehörden führte dazu, dass diese inzwischen wieder geöffnet wurden.

„Am Ende ist es die Entscheidung der Frau, was sie mit ihrem Körper macht. Wir müssen sicherstellen, dass Frauen immer die Möglichkeit eines sicheren Schwangerschaftsabbruches haben, insbesondere während einer Pandemie“, sagt Kgaladi Mphahlele, die einen Teil unserer Arbeit in Rustenburg koordiniert.

In diesen und vielen weiteren Ländern führen ein Fehlen klarer Anweisungen und Informationen sowie institutionelle Barrieren dazu, dass Frauen in Zeiten der Coronavirus-Pandemie nicht die Versorgung erhalten, die sie benötigen.

Reiseverbote und Ausgangsbeschränkungen durch Covid-19 erhöhen das Risiko für Frauen

Ein weiterer Aspekt der Ausbreitung von SARS-CoV-2 sind die Reiseverbote und Ausgangsbeschränkungen, die zu unbeabsichtigten Folgen für die Frauengesundheit führten. So kam es beispielsweise während der Ausgangssperren zu einem Anstieg der Meldungen von häuslicher Gewalt, einschließlich sexualisierter Gewalt. Eine Hotline in Südafrika, die solche Meldungen entgegennimmt, verzeichnete eine dreifache Zunahme der Anrufe, nachdem die landesweite Ausgangssperre in Kraft getreten war. Doch trotz des Anstiegs der Meldungen registrierten wir gleichzeitig weniger Menschen, die tatsächlich zu einer Behandlung kamen.

Schon zu gewöhnlichen Zeiten kann es schwierig sein, als Überlebende sexualisierter Gewalt behandelt zu werden. Doch seit dem Ausbruch von Covid-19 werden oft nur noch Notfälle behandelt und auch dann nur mit vorheriger Terminvereinbarung. Dabei ist eine Behandlung zeitkritisch: Überlebende einer Vergewaltigung müssen innerhalb von 72 Stunden behandelt werden, damit die Prophylaxe gegen HIV wirksam ist und innerhalb von fünf Tagen, damit die Notfallverhütung wirken kann.

Lieferengpässe durch die Covid-19-Pandemie treffen vor allem ärmere Frauen

Oft unberücksichtigt bleiben außerdem die Auswirkungen von Lieferengpässen auf Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen und die Frauengesundheit. Im April prognostizierte der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, der sich mit Familienplanung beschäftigt, Lieferengpässe wichtiger Produkte in 46 Ländern in den folgenden sechs Monaten - darunter Verhütungsmittel und Medikamente für einen sicheren Schwangerschaftsabbruch. Zudem gehen die Engpässe mit einer Verteuerung der Produkte einher, sodass insbesondere ärmere Frauen durch die Corona-Krise unter einer Erhöhung der Kosten leiden. Produktionsstopps in Ländern wie China, Indien und Thailand zu Beginn dieses Jahres bedeuteten, dass regelmäßige Bestellungen - von Kondomen bis hin zu Medikamenten für einen sicheren Schwangerschaftsabbruch - nicht getätigt werden konnten.

Die Gesundheit von Frauen muss während der Coronavirus-Pandemie und immer Priorität haben

Die Coronavirus-Pandemie führt zu starken Einschränkungen für die Gesundheit von Frauen. Avril Benoît, Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen USA, appelliert: „Wir brauchen jetzt starke Worte und Initiativen der Staatsoberhäupter, inklusive der USA, um die außergewöhnlichen humanitären Herausforderungen zu bewältigen. Wir müssen sicherstellen, dass Frauen und Mädchen Zugang zu lebensrettenden Gesundheitsdiensten haben—inmitten der Pandemie und immer.“

Nachweise:
[1] https://www.unocha.org/sites/unocha/files/Global-Humanitarian-Response-Plan-COVID-19.pdf
[2] https://www.guttmacher.org/journals/ipsrh/2020/04/estimates-potential-impact-Covid-19-pandemic-sexual-and-reproductive-health