Zentralafrikanische Republik

„Wir halten hier den Atem an“ – Brief aus dem Projekt

Die Krankenschwester Luise Petersen mit einem Kind in ihrem Projekt in Boguila.

Die Krankenschwester Luise Petersen arbeitet von Oktober 2013 bis April 2014 in der kleinen Stadt Boguila im Krankenhaus. In einem Brief aus dem Projekt beschreibt sie ihren Alltag vor Ort:

Ich schreibe heute aus der Zentralafrikanischen Republik, wo ich vor ein paar Wochen angekommen bin. Wir halten hier den Atem an, denn die Situation im Land ist aktuell sehr instabil. Seitdem im März Rebellen die Macht übernommen haben, herrscht vielerorts Chaos. Bewaffnete Gruppen vertreiben die Menschen, es gibt viel Gewalt, und in den provisorischen Lagern, wo Zehntausende Menschen auf engem Raum Schutz suchen, fehlt es an Nahrung, Wasser und medizinischer Versorgung.
Aber zunächst einmal möchte ich mich Ihnen vorstellen: Mein Name ist Luise Petersen, ich bin 27 Jahre alt, Krankenschwester und komme aus Weimar in Thüringen. Dort arbeite ich in einem Krankenhaus auf der unfallchirurgischen Station. Zum Glück unterstützt mich meine Oberschwester, indem sie mich immer wieder über längere Zeit in Hilfsprojekte gehen lässt. Ich habe bisher schon zwei Einsätze gemacht, einmal in der Demokratischen Republik Kongo und zuletzt im Libanon, nahe der syrischen Grenze, wo wir Flüchtlinge versorgt haben.
Dies ist also bereits mein dritter Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen. Als ich in unser Berliner Büro zur Vorbereitung kam, wurde mir gesagt, dass alle Projekte in der Zentralafrikanischen Republik von nun an von der Emergency-Abteilung betreut werden. Das passiert, wenn die Situation in einem Land oder in einem bestimmten Gebiet als extrem einzuschätzen ist, und man besonders schnell Hilfe leisten muss.

Unterkunft und Krankenhaus

Jetzt bin ich also hier – im Herzen von Afrika. Ich arbeite in einem Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen im Nordwesten des Landes. Boguila ist eine kleine Stadt, für unsere Begriffe wohl eher ein größeres Dorf. Wir leben hier in sehr einfachen Verhältnissen mit Latrinen und Eimer-Duschen, aber unsere zwei Wohnhäuser neben dem Krankenhaus sind groß genug, sodass jeder ein eigenes Zimmer hat. Es ist noch sehr grün, denn die Regenzeit hat gerade erst aufgehört, und überall sind Ziegen und Hühner unterwegs.
Unser Krankenhaus ist unterteilt in eine Notfall- und Intensivstation, in die chirurgische Abteilung, eine internistische Station, eine Kinderstation und ein Ernährungszentrum für mangelernährte Kinder. Für all diese Bereiche bin ich als „Head Nurse“ und „Supervisor“ – bei uns würde man wohl Oberschwester sagen – verantwortlich mit einem Team von 35 Pflege- und Pflegeassistenzkräften. Zudem gibt es auf unserem Gelände noch eine Apotheke und ein dazu gehöriges Lager, ein Labor und eine Küche. Etwas abgegrenzt liegt das HIV- und Tuberkulose-„Dorf“, das aus drei kleinen Häusern mit isolierten Zimmern besteht, wo wir chronische Patienten speziell behandeln und über Jahre begleiten können.

Alarmbereitschaft wegen Meningitis

Gleich am ersten Tag, als ich ankam, haben wir eine Notfall-Beratung einberufen. In unserem Krankenhaus gab es in den letzten vier Tagen zwei Fälle von Meningokokken-Meningitis (Hirnhautentzündung). Der vermutete Erreger-Typ kann Epidemien auslösen – schon fünf Fälle in einer Woche bei einer bestimmten Bevölkerungsanzahl gelten als bestätigend für einen Ausbruch. Wir waren also alle in Alarmbereitschaft. Am nächsten Tag, einem Sonntag, haben wir umgehend eine Erkundungstour gestartet, um Gewissheit zu bekommen. Wir sind zu den Dörfern und Familien gefahren, aus denen die beiden Patienten kamen und haben dort nach weiteren Fällen gesucht. Anschließend haben wir in allen umliegenden Dörfern Versammlungen mit den Dorfältesten und der Bevölkerung abgehalten, um die Symptome einer Meningitis zu erklären und die Menschen für diese Erkrankung zu sensibilisieren. Tatsächlich fanden wir einige Verdachtsfälle. Zum Glück konnten wir bei allen eine Erkrankung am Ende ausschließen.

Schockierende Gewalt

So ist es immer im Projekteinsatz: Am Anfang einer Woche kann man deren Ausgang nie absehen. Alles kann sich schlagartig verändern, und man muss flexibel auf alle Bedürfnisse reagieren. Das betrifft auch die Sicherheit. Gerade bei der derzeitigen Lage im Land kann sich alles innerhalb von Minuten ändern. Deshalb haben wir verschiedene Sicherheitsstufen mit entsprechenden Regeln, und es gibt natürlich auch Evakuierungspläne, falls die Gewalt eskaliert und es nötig werden sollte, unsere Einrichtungen zu verlassen. Das bringt eine gewisse Anspannung mit sich, mit der man lernen muss, zu leben.
Das Ausmaß der Gewalt, der die Menschen hier ausgesetzt sind, ist oft schockierend, auch für uns. Wir, als internationale Mitarbeiter, haben die Möglichkeit, psychologische Hilfe über unser Büro in Amsterdam zu bekommen oder uns im Notfall der Situation zu entziehen und nach Hause zurückzukehren, wo wir weiterhin psychologische Unterstützung in Anspruch nehmen können, um unsere Erfahrung zu verarbeiten. Das finde ich wichtig, dass Ärzte ohne Grenzen seine Mitarbeiter nicht alleine lässt mit dem, was sie erleben. Ich bin hier in Boguila zum Glück etwas weiter entfernt von den schweren Kämpfen, sodass auch unser Projekt recht normal weiterläuft.

Ein kleines Wunder: Lydie atmete weiter

Manchmal sind es aber auch Einzelschicksale, die einen betroffen machen. Denn obwohl wir ein Krankenhaus mit vielen Möglichkeiten haben, gibt es oft genug auch Grenzen. Vorgestern zum Beispiel wurde ein neunjähriges Mädchen zu uns gebracht – Lydie –, die von einem Motorrad, das durch ihr Dorf raste, erwischt wurde. Wir haben kein Röntgengerät hier, keinen Ultraschall, wir können nur vermuten. Und wir haben vermutet, dass sie eine Schädelfraktur hat und eine Gehirnblutung. Die Anzeichen eines steigenden Hirndrucks wurden von Minute zu Minute drastischer. Wir alle dachten, dass sie die Nacht nicht überleben würde, und trotzdem haben wir sie versorgt, so gut wir konnten. Ihr kleiner Körper wurde durchschüttelt von Krämpfen, und nach einer Weile fiel sie in ein tiefes Koma.
Doch Lydie starb nicht in der Nacht. Sie atmete weiter. Ihre Mutter saß ununterbrochen an ihrer Seite. Am zweiten Morgen zur Visite reagierte sie plötzlich und schlug die Augen auf! Sie bewegte sogar Arme und Beine und trank dazu auch noch ein paar Schlucke Wasser! Nach acht Tagen konnten wir sie wieder entlassen. Lydie konnte wieder gehen und reden! Es ist für uns alle ein kleines Wunder, dass sie es geschafft hat.

Ich weiß noch, als Lydie das erste Mal wieder bei Bewusstsein war, verließ ich aufgewühlt und glücklich die Intensivstation. Auf dem Hof winkte mir ein Patient fröhlich zu und rief: „Bonjour, ma fille“ - „Guten Morgen, mein Mädchen!“ Am Tag zuvor hatten wir ihn notfallmäßig nach einem Schlangenbiss versorgt. Ich könnte Ihnen noch viele solcher Geschichten erzählen, alleine nur aus der letzten Woche. Geschichten, die mir zeigen: Unsere Präsenz hier rettet schlicht und ergreifend unzähligen Menschen das Leben.

Weihnachten weit weg von Europa

Ich bin hier weit weg von Europa, weit weg von Zuhause. Während es bei Ihnen Winter wird, wird es bei uns von Tag zu Tag heißer. Komisch, da an Weihnachten zu denken. Ich habe Lebkuchen und kleine Weihnachtsschokoladen mitgenommen (ein Stollen war leider zu schwer bei 20 Kilo Gepäckbeschränkung im Flugzeug). Damit möchte ich meine Kollegen überraschen, wenn wir in ein paar Wochen ein bisschen vertraute Weihnachtstimmung aufkommen lassen.

Ihnen und mir ist der Unterschied zwischen diesen zwei Welten – ich nenne sie einfach mal Zuhause und Afrika – bewusst. Dennoch ist es eine Welt. Während wir in Deutschland unserem Leben nachgehen, tun das auch die Menschen hier. Für mich gibt es keinen Unterschied mehr. Jeder einzelne Patient zählt für mich – genauso wie in Deutschland. Durch unsere Unabhängigkeit kann Ärzte ohne Grenzen immer selbst entscheiden, wohin wir gehen. Und ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass unsere Organisation meistens dahin geht, wo viele andere nicht helfen  – wie zum Beispiel hier in der Zentralafrikanischen Republik.