Sudan

Sibylle Quellhorst, 51, Hamburg, war für Ärzte ohne Grenzen in Darfur und der Zentralafrikanischen Republik im Einsatz

Sibylle Quellhorst

Dieses Klischee vom vielen Leid, das man bei der Arbeit in Afrika verkraften muss, ist tatsächlich eines. Ich habe genau das Gegenteil erlebt: Die Arbeit und die Patienten dort haben mir so viel Kraft gegeben. In Deutschland habe ich viel mit miesepetrigen, unzufriedenen Patienten zu tun, die ungeduldig sind und misstrauisch. Die Patienten, die ich in Afrika behandelte, gingen selbstverständlicher mit Leid und Tod um. Sechs Monate war ich jeweils im Einsatz, in dieser Zeit habe ich viele Kinder sterben sehen, an Malaria, Hunger oder Aids. Wenn nachts ein Kind gestorben ist, haben mich die Pfleger gerufen, die Angehörigen wollten einfach kurz mit mir, der Ärztin, sprechen. Sie haben ein Gebet gesprochen, haben ihr totes Kind genommen und sind gegangen, es gab nie Vorwürfe.

In Deutschland brauchen Ärzte für alles irgendeine Weiterbildung oder Zertifikate, in Afrika durfte - und musste - ich einfach ran, musste improvisieren, wenn es an Medikamenten oder Material fehlte, sah Erfolge viel unmittelbarer. Ich hatte mit allem zu tun: unterernährten Kindern, Aids, Schusswunden, Geburtskomplikationen, Lungenentzündungen, der Schlafkrankheit. Diese Herausforderung hat mir so viel Spaß gemacht, Kraft gegeben. Belastend war eher die Menge der Arbeit. Ich war jeden Tag mehr als 14 Stunden im Einsatz. Für mich war es sehr wichtig, in einem Team zu arbeiten, in dem wir uns gegenseitig Kraft und Trost spenden konnten, wenn einer das gerade brauchte. Wir vertrauten uns, konnten uns gegenseitig von unseren Sorgen erzählen. Das Gefühl, das wächst dir jetzt über den Kopf, das gab es öfters. Es war wichtig, dass ich dann Alarm schlagen konnte, mit den Kollegen reden konnte, von ihnen zu hören "Mach was du kannst, dann ist es gut", das half mir, nicht zu verzweifeln, sonst hätte ich sicher manchmal heulend in der Ecke gesessen.

In Darfur war die Gefahr manchmal sehr offensichtlich, wir mussten an Rebellenstützpunkten vorbei, an Halbwüchsigen mit Kalaschnikows und Munitionsgurten. Um solche Momente durchstehen zu können, brauchte ich die Gewissheit, von meinen Vorgesetzten nicht allein gelassen zu werden und von ihnen gut betreut zu sein. Überhaupt war es wichtig für mich, das Gefühl zu haben, dass die Vorgesetzten schätzen, was ich tue, und meine Arbeit ernst nehmen - und mir vor allem vertrauen. Ich habe mich einmal mit einem Vorgesetzten angelegt, der anzweifelte, dass ich wirklich so viel Zusatznahrung brauche, wie ich angefordert hatte. Er hat auch meine direkte Chefin eingeschaltet - sie hat zu hundert Prozent hinter mir gestanden und mir geglaubt. Dieses Vertrauen war für mich enorm wichtig. Während meiner Einsätze habe ich regelmäßig Tagebuch geschrieben. Gerade in Krisenzeiten hat mir das Kraft gegeben. Beim Schreiben konnte ich mich sortieren, habe bemerkt, was mich bewegt, was mich stört und überfordert. Ich konnte das Erlebte rauslassen und überlegen, wie ich darauf reagiere.