"Wir haben immer klar vor Augen, wofür wir das tun"

Logistik bei Ärzte ohne Grenzen

Bruno Delouche

Bruno Delouche ist stellvertretender Geschäftsführer von MSF-Logistique, dem Logistikzentrum von Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Frankreich. MSF-Logistique besorgt, lagert und verfrachtet medizinische und nicht- medizinische Güter für die weltweiten Projekte der Organisation. Bruno Delouche spricht über das einzigartige System fertiger Notfall-Kits und erzählt, wie Material und Medikamente an die Bestimmungsorte gelangen - oft innerhalb von 24 Stunden.

Wie ist MSF-Logistique organisiert?

Wir haben ungefähr 100 Mitarbeiter in den Bereichen Einkauf, Beschaffung, Transport und Validierung der medizinischen und nicht-medizinischen Produkte sowie für Verwaltungsaufgaben. Wir sind eine zugelassene pharmazeutische Einrichtung, d.h. wir haben von den französischen Behörden die Erlaubnis, ein Unternehmen zu betreiben, das mit Medikamenten arbeitet. Daher beschäftigen wir auch vier Apotheker. Darüber hinaus haben wir auch die Bewilligung, die Güter selbst für den Zoll abzufertigen.

Wie hat sich MSF-Logistique entwickelt?

MSF-Logistique wurde vor 25 Jahren gegründet. Heute führen wir ungefähr 20.000 Artikel in unserer Datenbank und haben circa 4.000 ständig auf Lager. Etwa 3.000 dieser Artikel sind medizinischer Art - einschließlich therapeutischer Nahrung. Wir haben nicht immer alles auf Lager, einiges bestellen wir bei den Herstellern oder bei unserer Niederlassung in Dubai. Mit unseren Montage- und Transportkapazitäten können wir wenn nötig innerhalb von 24 Stunden mehr als 100 Tonnen medizinische und nicht-medizinische Güter bereitstellen. In den vergangenen fünf Jahren haben wir jährlich 5.000 Tonnen Güter pro Jahr verschifft.

Es gibt kein anderes ziviles Logistikzentrum auf der Welt, das Medikamente und nicht-medizinische Artikel in 500 sofort einsatzfähigen Kits für bestimmte Notfälle bereitstellen kann. Ärzte ohne Grenzen hat dieses System eingeführt und ist die einzige Hilfsorganisation, die so verfährt.

Kommen die meisten Anbieter von Medikamenten aus Europa?

Nein, ganz im Gegenteil! Die Hauptlieferanten unserer oralen Medikamente und Impfstoffe sitzen in Indien, der "Apotheke der Welt".* Im Jahr 2000 haben wir begonnen, mit indischen Anbietern zusammenzuarbeiten. Damals hat Ärzte ohne Grenzen die Behandlung von HIV/Aids aufgenommen und die Kampagne für den Zugang zu wichtigen Medikamenten gestartet. Wir haben jetzt auch indische Hersteller für Arzneien gegen TB, Malaria und andere Krankheiten.

Wie geht ihr bei Bestellungen vor?

Bei Notfällen erstellen wir gemeinsam mit den Einsatzzentralen von Ärzte ohne Grenzen eine Liste von Notfallprodukten. Auf ihr finden sich hauptsächlich die speziellen Kits, die wir in unserem Lager zusammenstellen. Bei den regulären Bestellungen für laufende Projekte arbeiten wir mit Bestellformularen auf Grundlage der Liste der WHO für den Nachschub wichtiger Medikamente wie Malaria-Arzneien, Meningitis-Impfungen oder verzehrfertige therapeutische Nahrung. Wir haben außerdem nicht-medizinische Güter wie Fahrzeuge und Ersatzteile, Funkausstattungen und Ausrüstungen zur Trinkwasserbehandlung etc.

Einige der nicht-medizinischen Güter kaufen wir vor Ort - etwa Moskitonetze, Ausrüstungen für Notunterkünfte und ähnliches. Und wir greifen verstärkt auf lokale Hersteller von therapeutischer Fertignahrung zurück.

Gibt es Einsätze, die aus eurer Sicht besonders waren?

Der letzte wirklich große war nach dem Erdbeben in Haiti 2010. Normalerweise haben wir bei Einsätzen in einem Land immer noch logistische Unterstützung in anderen Landesteilen. Aber in Haiti konnten wir nahezu keine Güter direkt nach Port-au-Prince verschicken, sondern nur nach Santa Domingo (Dominikanische Republik), von wo aus sie dann auf dem Landweg nach Port-au-Prince transportiert wurden. Dazu gehörte auch unser Klinikmodul, das aus 14 Zelten à 90 Quadratmetern besteht, die jeweils Platz für zwei Operationssäle bieten. Wir haben ein paar Wochen lang rund um die Uhr gearbeitet und mussten gleichzeitig unsere anderen Projekte auch noch versorgen.

Aber auch wenn es anstrengend wird, haben wir immer klar vor Augen, wofür wir das tun. MSF-Logistique wird von A bis Z von Ärzte ohne Grenzen-Mitarbeitern geführt und arbeitet gleichzeitig für diese. Darum arbeiten wir mit größter Sorgfalt - für unsere Teams vor Ort und unsere Patienten.

* Indien ist eines der wenigen Schwellenländer, die Produktionskapazitäten für qualitativ hochwertige und lebenswichtige Medikamente haben. Bis 2005 hat das Land keine Patente für Medikamente vergeben. Dadurch hat sich Indien zur "Apotheke der Welt" oder auch "Apotheke der Armen" entwickelt und ist heute einer der größten Hersteller für kostengünstigeren Generika weltweit, u.a. für zahlreiche HIV/Aids-Medikamente.