"Arzt im Seuchengebiet" - Bericht im Handelsblatt

"Die Suche nach Kontaktpersonen stößt schnell an Grenzen"

Maximilian Gertler vor dem Ebola-Behandlungszentrum von "Ärzte ohne Grenzen" in Guéckédou, Guinea.

Hinter jedem neuen Fall deckt die epidemiologische Nachforschung dann eine tragische Infektionskette von Verstorbenen auf. Vor allem hat sie aber zum Ziel, alle Kontaktpersonen der Verstorbenen zu identifizieren, damit diese dann über drei Wochen nachverfolgt werden und bei ersten Krankheitszeichen in unserer Behandlungsstation versorgt und isoliert werden können. Drei Wochen – so lange dauert die Inkubationszeit des Ebolavirus längstens.

Bei mehr als 1.200 Ebola-Fällen und häufig 20 und mehr Kontaktpersonen pro Patient, die drei Wochen lang täglich nach Symptomen befragt werden müssen, wird diese Nachverfolgung – das so genannte „contact tracing“ – zu einer Aufgabe, die Gesundheitsbehörden und Hilfsorganisationen schnell an ihre Grenzen stoßen lässt.

Für die Hochrisikozone des Behandlungszentrums ziehen sich immer zwei Kollegen gleichzeitig an, jeder kontrolliert den anderen und passt auf der Station auf ihn auf. Es ist sehr überschaubar, was wir für unsere Patienten medizinisch tun können: Infusionen, Schmerz- und Beruhigungsmittel, darüber hinaus gutes Essen, Trinken, Gespräche mit psychologisch geschultem Personal – und Mobiltelefone, über die die Patienten mit ihrer Familie sprechen können. Oft sind es die letzten Worte, die sie austauschen, aber immer wieder entlassen wir auch Patienten, die das Virus besiegen konnten.

Aber eine Epidemie ist nicht durch Behandlung der Kranken allein zu stoppen, sondern nur in Verbindung mit Prävention und einer frühzeitigen Erkennung neu Erkrankter. Dafür fahren unsere Gesundheitshelfer mit dem Motorrad über Pfade durch den Regenwald und kämpfen sich täglich an den Lastwagen vorbei, die in den Schlammlöchern in der Hauptstraße zwischen Guéckédou und Macenta stecken, um nach Bawa, Kilima oder Kolobengo zu kommen – Dörfer, in denen es zu neuen Ebolafällen gekommen ist, wo die Bevölkerung dringend aufgeklärt werden muss.

Wenn es einen Verdachtsfall gab, klingelte mein Telefon und ich informierte Dr. Sylvie, die Belgierin, die unser so genanntes „Outreach-Team“ leitet: eine geländegängige Ambulanz und ein Pick-up mit Chlor und Schutzausrüstung.

 

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