Jemen

"Die Reise ist schlimmer als der Krieg" - die gefährliche Bootsfahrt afrikanischer Migranten durch den Golf von Aden

Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen versorgen einen Migranten notfallmedizinisch.

Mit einem neuen Projekt im Jemen hilft Ärzte ohne Grenzen Migranten, die zuhauf an der südlichen Küste des Landes eintreffen. Die meisten stammen aus Somalia und Äthiopien. Sie überqueren den Golf von Aden, der zwischen dem Horn von Afrika und der arabischen Halbinsel liegt, unter sehr schwierigen Bedingungen. Schätzungen zufolge haben seit Anfang 2007 etwa 14.000 Menschen die Küste des Jemen erreicht, mehr als 350 Migranten sind bei dem Versuch der Überquerung gestorben und rund 270 werden noch immer vermisst. Ibrahim Younis, Koordinator der Projekte im Jemen, beschreibt die Lage der Menschen.

In den vergangenen drei Monaten haben wir im Süden des Jemens Erkundungsfahrten durchgeführt, um festzustellen, ob die afrikanischen Migranten medizinische Hilfe benötigen. Sie starten ihre gefährliche Reise durch den Golf von Aden von Somalia aus und versuchen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben die Küste Jemens zu erreichen.

Im Juni und Juli dieses Jahres haben wir im Jemen zunächst Informationen gesammelt, bevor wir zur südlichen Küste aufgebrochen sind. Dabei haben wir viele schreckliche Geschichten gehört, die die Migranten erlebt haben. Trotzdem waren wir überrascht, als wir an der Küste ankamen und die unglaublich vielen Boote sahen, die Tag und Nacht anlandeten. Es ist schwer auszuhalten, wenn man sieht, dass die Menschen ihr Leben auf diese Weise riskieren. Viele Kinder, Frauen und Männer verlassen Somalia und Äthiopien, um in arabischen Ländern ein besseres Leben und Sicherheit zu finden.

Die Geschichten, die uns erzählt wurden, sind furchtbar. Die Reise, auf die sich die Menschen begeben, dauert drei oder vier Tage. Sie beginnt in der somalischen Stadt Bossassu und endet 400 Kilometer weiter irgendwo zwischen Bir Ali und Ahwar an der jemenitischen Küste. Die Migranten überqueren den Golf meist in Fischerbooten, die für etwa 30 Menschen ausgelegt sind. Allerdings sitzen fast immer dreimal so viele Passagiere in diesen kleinen Schiffen. Damit sie nicht kentern, müssen sie ganz still sitzen. Mindestens drei Tage lang dürfen sie sich nicht bewegen, nicht einmal, um ihre Notdurft zu verrichten. Manchmal sind sie sogar aneinandergebunden.

Sie dürfen auf der Reise kein Gepäck mitnehmen, auch keine Lebensmittel und nur sehr wenig Wasser. Einige überleben die harten Bedingungen nicht und sterben während der Fahrt. Ihre Leichen werden einfach über Bord geworfen. Da die jemenitische Küstenwache die Menschenschmuggler ständig verfolgt, müssen die Passagiere teilweise mitten in der Nacht ins Meer springen, noch bevor sie die Küste erreichen. Einige können schwimmen, andere nicht. Selbst wenn die Menschen es können, sie wissen oft nicht in welche Richtung sie schwimmen müssen, weil es so dunkel ist.

Ahwar, Südjemen. 15. September 2007, 0.34 Uhr

Eine unserer Kontaktpersonen hat uns gerade eine dringende Botschaft geschickt. Wir sollen so schnell wie möglich nach Hessin Bel Eid kommen, etwa 34 Kilometer von unserem Stützpunkt in Ahwar entfernt. Dort befindet sich einer der vier Gesundheitsposten, die wir zwischen Ahwar und Bir Ali eingerichtet haben. Wir schicken daraufhin zwei Autos mit Nahrungsmitteln, Trinkwasser, Kleidung und Decken. Ein medizinisches Team ist auch dabei.

Als wir in Hessin Bel Eid ankommen, ist es dunkel. Wir können nichts sehen. Wir richten uns also nach den Taschenlampen der jemenitischen Küstenwache. Die Soldaten sind panisch. Ihre Erleichterung ist deutlich spürbar, als wir ankommen. Sofort bitten sie uns, die 94 Überlebenden zu versorgen, die sehr schwach sind und denen es schlecht geht. Mit zwei Booten sind sie gegen 19 Uhr angekommen, aber aufgrund von Kommunikationsproblemen konnten sie uns nicht früher erreichen.

Wir haben die Neuankömmlinge sofort medizinisch versorgt und die Schwächsten unter ihnen ausfindig gemacht. Dann haben wir Nahrungsmittel, Wasser und Kleidung verteilt.

Nachdem die Überlebenden drei Tage eng nebeneinander gesessen haben, ohne sich zu bewegen, leiden viele unter Austrocknung, Muskelkrämpfen und unter Zeichen körperlicher Misshandlungen. Einige sind auch traumatisiert. Sie haben Angst und brauchen Sicherheit. Unsere psychologischen Berater kümmern sich um sie.

Wir müssen uns auch um die Toten kümmern. Das ist der schwierigste Teil unserer Arbeit. Wir laufen etwa anderthalb Kilometer, bis wir die Leichen finden. Von jung bis alt, liegen ihre Körper überall verstreut. Nachts sehen sie wie kleine Felsbrocken aus. Als wir näher kommen, sehen wir, dass sich bereits Krabben an den toten Körpern zu schaffen gemacht haben. Mit Hilfe einiger Freiwilliger ziehen wir sie etwas höher ans Land und bedecken diejenigen, die unbekleidet sind. Dann diskutieren wir mit den Behörden die rechtlichen Bestimmungen, um die etwa 30 Toten zu bestatten.

Gleicher Tag, 8.00 morgens

Mitarbeiter einer Flüchtlingsorganisation sind angekommen, um die Migranten zum Empfangszentrum in die etwa 80 Kilometer entfernte Stadt Mayfa zu bringen. Dort wird man sie registrieren und dann ins Flüchtlingslager nach Kharaz transportieren.

Es ist unglaublich, wie stark diese Menschen sind. Sie teilen zwar ihre Ängste und Schwächen mit uns, aber in jedem Moment behalten sie ihren Stolz. Ihre Erlebnisse sind so furchtbar, dass man erschaudert. Die meisten sagen, dass sie Somalia wegen des Krieges verlassen haben und dass sie keine Ahnung hatten, wie schwierig die Fahrt werden würde. Einige meinen: "Die Reise ist schlimmer als der Krieg. Wenn wir doch nur etwas zu essen hätten in Somalia."

Die Ankunft so vieler Migranten belastet natürlich sehr stark die nur mäßig funktionierende lokale Infrastruktur im Jemen. Nach so einem langen und gefährlichen Trip bis an die jemenitische Küste erhalten die Migranten kaum Beistand. Im Moment leistet zumindest Ärzte ohne Grenzen Überlebenshilfe.