Kenia

Der versteckte Konflikt am Mount Elgon

Hilfe für die Menschen am Mount Elgon

Vor einem Jahr entflammte am Fuß des erloschenen Vulkans Mount Elgon im Westen Kenias ein Konflikt. Meist wird von einem Streit um Land zwischen den beiden Clans Soy und Ndorobo gesprochen. Diese Beschreibung greift aber zu kurz. Die Situation in der Bergregion ist komplexer. Neben der Auseinandersetzung zwischen den Clans spielen in dem Konflikt auch die unterschiedlichen Lebensweisen von Nomaden und sesshaften Ackerbauern, Streits über die Landverteilung und das Begleichen von alten Rechnungen eine Rolle.

Die Zivilbevölkerung ist in Gewalt gefangen. Die Rebellengruppe Sabaot Land Defence Force (SDLF) kämpft gegen die Landverteilungspolitik der Regierung Kenias, die Polizei ihrerseits geht hart gegen die Gewalt vor. Und verschiedene kriminelle Gruppen nutzen das allgemeine Chaos am Mount Elgon aus. Die humanitäre Situation der Menschen der Region verschlechtert sich zunehmend, dennoch wird ihre Lage kaum wahrgenommen.

 

Ärzte ohne Grenzen bisher einziger internationaler Helfer

Ärzte ohne Grenzen ist eine der wenigen Hilfsorganisationen, die den Menschen am Mount Elgon helfen. Die Organisation ist der einzige internationale Akteur, der permanent vor Ort ist. Die Mitarbeiter bieten medizinische und psychologische Hilfe, unterstützen vorhandene Gesundheitsstrukturen, führen Impfungen durch und besuchen mit mobilen Kliniken abgelegene und teils unsichere Gebiete.

Der Ort Kopsiro beispielsweise liegt nahe der Grenzlinie zwischen den Clans Soy und Ndorobo. Die Bewohner sind geflohen und haben Angst um ihr Leben; auch das Gesundheitspersonal. Ärzte ohne Grenzen hat die medizinischen Strukturen wiederbelebt. Seit April 2007 wurden in der Poliklinik in Kopsiro, im Kapsokwany Gesundheitszentrum und in den Zelten, die Ärzte ohne Grenzen für die Sprechstunden der mobilen Kliniken aufgebaut hat, mehr als 14.000 Konsultationen durchgeführt. Die Teams haben zudem Decken und Kleidung verteilt, da die Temperaturen in der Hochlandregion bereits tagsüber niedrig sind und nachts noch stark fallen können.

Fehlender Schutz ist das Hauptproblem

"Die Menschen leben in Schrecken", sagt Rémi Carrier, der die Programme von Ärzte ohne Grenzen in Kenia koordiniert. "Ende August gab es vor der Poliklinik in Kopsiro heftige Schusswechsel, woraufhin 150 traumatisierte Menschen in der Klinik Zuflucht suchten. Der fehlende Schutz ist für diese Menschen das Hauptproblem."

Die Zahl der Patienten, die durch körperliche Gewalt verletzt werden, steigt. Zu den Verletzungen gehören gebrochene Knöchel durch Schläge und durch sexuelle Gewalt zugefügte Wunden. Darüber hinaus sind die Menschen seelisch traumatisiert und durch den fehlenden Zugang zu den Feldern aufgrund der unsicheren Situation gibt es immer mehr Fälle von Unterernährung.

Die Menschen verstecken sich im Busch

"Sie schlagen jeden, auch kleine Kinder", berichtet eine Augenzeugin. "Sie schlagen dich mit Stöcken, mit der flachen Hand, sie nehmen dein Geld, und sie treten dich. Manchmal tun sie den Frauen böse Dinge an. Darum verstecken sich die Menschen im Busch und in den Maisfeldern; manche für einen Monat."

Ein Mann berichtet: "Ich bin geflüchtet, weil gekämpft wurde. Menschen wurden abgeschlachtet, auch ich bekam Todesdrohungen. Was wir hatten wurde gestohlen, Häuser niedergebrannt. Wir konnten nicht bleiben. Meine Mutter und mein Bruder wurden umgebracht. Sie wollten bloß etwas Gemüse besorgen."

Angesichts der anhaltenden Unsicherheit reicht die Präsenz von Ärzte ohne Grenzen und dem Kenianischen Roten Kreuz nicht aus. "Die Menschen am Mount Elgon leiden und ihre Bedürfnisse werden nicht erfüllt. Die derzeitige Situation ist unter jeder Menschenwürde. Akteure, die das Mandat und die Verantwortung haben, diese Menschen zu schützen, müssen dringend handeln", fordert Carrier.