Afghanistan

Ärzte ohne Grenzen versorgt Verwundete in Kundus

In den drei Wochen seit Beginn der sogenannten Frühjahrsoffensive haben unsere  medizinischen Teams im Unfallkrankenhaus von Ärzte ohne Grenzen mehr als 204 Kriegsverletzte versorgt.

In der nordöstlichen Provinz Kundus kam es im Rahmen der so genannten Frühjahrsoffensive zu schweren Kämpfen zwischen afghanischen Streitkräften und bewaffneten Oppositionsgruppen. Die Gewalt isoliert die Menschen in den Bezirken der Provinzhauptstadt und erschwert für sie den Zugang zu medizinischer Hilfe. In Kundus-Stadt betreibt Ärzte ohne Grenzen ein Unfallkrankenhaus, in dem Verletzte versorgt werden.

Kundus zählte während des anhaltenden Konflikts in Afghanistan zu den stabileren Provinzen. Doch seit vergangenem Jahr haben sich die Kämpfe deutlich verstärkt, und die aktuelle „Frühjahrsoffensive“ führte zu intensiven Gefechten. In den drei Wochen seit der Bekanntgabe der jährlichen „Kampfsaison“ haben die medizinischen Teams im Unfallkrankenhaus von Ärzte ohne Grenzen mehr als 204 Kriegsverletzte versorgt. Der Großteil davon erlitt Schusswunden oder wurde bei Bombenexplosionen verwundet. Unter den Verletzten waren auch 51 Frauen und Kinder.

Doppelt so viele Kriegsverwundete wie im Vorjahr

„Der Anteil der Kriegsverletzten im Krankenhaus hat sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt, von 6 auf 14 Prozent“, so Laurent Gabriel, Koordinator von Ärzte ohne Grenzen im Unfallkrankenhaus. „Die chirurgischen Teams versorgen schwere Verletzungen im Bauch- und Brustbereich, und viele Patienten benötigen eine Reihe komplizierter Operationen.“

Die Situation ist höchst instabil, der die Zahl der Patienten, die das Krankenhaus erreichen schwankt: Von einem Tag mit fünf Kriegsverwundeten zu einem anderen mit 35 Verletzten. Die schwankende Zahl an Notaufnahmen zeichnet ein Bild der Unvorhersehbarkeit dieses Konflikts. Sie zeigt aber auch die Schwierigkeiten der Menschen, das Krankenhaus in der Stadt zu erreichen.

Der Weg in die Stadt ist gefährlich

„Es ist schwer zu sagen, was in den Bezirken außerhalb der Stadt geschieht, in denen gekämpft wird“, so Gabriel. „Wir sind sehr besorgt, dass die Menschen in diesen Gebieten aufgrund der anhaltenden Gefechte es nicht rechtzeitig zur medizinischen Versorgung ins Unfallkrankenhaus schaffen. Sie müssen auf dem Weg in die Stadt mehrere Checkpoints passieren. Unsere Patienten berichteten, dass manche Straßen nach Kundus vermint sind, was sie zu langen Umwegen zwingt. In Anbetracht der Schwere der Verletzungen können solche Verzögerungen fatal sein.“

Manche Patienten, die ihre Behandlung abgeschlossen haben, weigern sich, aus der Klinik entlassen zu werden – so groß ist ihre Angst, in ihre Wohngegenden zurückzukehren. In der gesamten Provinz Kundus schränken die Bewohner ihre Bewegungen auf das absolute Minimum ein und versuchen nach Möglichkeit, innerhalb eines Gebäudes zu bleiben. In Folge dessen ist die Zahl der bei Verkehrsunfällen Verletzten im Krankenhaus rapide zurückgegangen – von 109 Patienten und Patientinnen in der ersten Aprilwoche auf rund sechzig in der ersten Maiwoche. Doch die Notaufnahme ist weiterhin äußerst beschäftigt; die medizinischen Teams haben alleine in den vergangenen drei Wochen 1.470 Patienten und Patientinnen versorgt.

Chronischer Konflikt gefährdet Zivilbevölkerung

„Seit mehr als einem Jahr wird Kundus von militärischen Operationen erschüttert. Die Provinz ist eine chronische Konfliktzone, wo sich die Regierungs- und Oppositionskräfte ständig in denselben Gebieten bekämpfen“, so Guilhem Molinie, Landesrepräsentant von Ärzte ohne Grenzen. „Die Bevölkerung hat keine andere Wahl, als mit ihrem täglichen Leben weiterzumachen – doch die Menschen sind ständig der Gefahr ausgesetzt, erschossen oder getötet zu werden, während sie in ihrem Hof sind, ihre Felder bestellen oder zum Markt gehen.“

Lesen Sie hier die Geschichte der 18-jährigen Bibi, die nach einer schweren Verletzung im Unfallkrankenkhaus in Kundus versorgt wurde und nun wieder gehen lernt.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1980 in Afghanistan aktiv. In Kundus arbeiten, wie auch in anderen Teilen des Landes, sowohl internationale als auch einheimische Mitarbeiter zusammen, um die bestmögliche medizinische Versorgung zu ermöglichen. Die Organisation unterstützt das Gesundheitsministerium im Ahmad Shah Baba Krankenhaus im östlichen Kabul, das Mutter-Kind-Spital in Dasht-e-Barchi im westlichen Kabul und das Boost-Krankenhaus in Laschkar Gah in der Provinz Helmand. In Chost im Osten des Landes betreibt Ärzte ohne Grenzen eine Frauenklinik. Ärzte ohne Grenzen akzeptiert für seine Arbeit in Afghanistan keinerlei Regierungsgelder und finanziert die Aktivitäten ausschließlich über private Spenden.