Direkt zum Inhalt

Ebolafieber: “Ich denke oft an den winzigen rosa Sarg.”

Image
Portraitfoto von Martina Marchiò

Martina Marchiò

Seit 2017 arbeite ich bei Ärzte ohne Grenzen (MSF) und war u.a. in Mexiko, Griechenland, Afghanistan und Südsudan im Einsatz. Aktuell bin ich in der DR Kongo im Ebola-Einsatz. Seit 2026 bin ich außerdem Vize-Präsidentin von MSF Italien.

Neulich, während einer Autofahrt, fiel mein Blick auf einen winzigen, rosafarbenen Sarg. Hier sieht man häufig Särge am Straßenrand, dicht an dicht, in allen Farben und Größen. Bereit zum Verkauf.  

Dieser Sarg war so klein, dass er fast wie Spielzeug aussah. Früher oder später würde ein Kind darin liegen. Seitdem geht mir der Sarg nicht mehr aus dem Kopf. 

Nicht Zahlen, sondern Menschen  

Seit der Ebola-Ausbruch in der DR Kongo Mitte Mai offiziell erklärt wurde, sind mehr als 3 Monate vergangen. Mehr als 6.000 bestätigte Fälle. Mehr als 3.000 Menschen sind gestorben. Zahlen, die fast unwirklich erscheinen und Gefahr laufen, zu bloßen Statistiken zu werden.  

Doch hinter jeder Zahl steht ein Mensch. 

Ein Zuhause. 

Eine Mutter. 

Ein Vater.

Ein Kind. 

Eine Familie, die auf jemanden wartet, der nicht mehr zurückkehren wird.  

Wir waschen uns immer wieder die Hände. Einmal. Zweimal. Zehnmal. Unzählige Male. Bevor wir hineingehen, nachdem wir herauskommen, nachdem wir etwas berührt haben, nachdem wir mit jemandem gesprochen haben.  Doch, selbst wenn unsere Hände sauber sind, bleibt das Gefühl, dass noch etwas an uns haftet: Angst. Angst vor dem, was wir gesehen haben. Das Wissen, dass nur ein Fehler, eine Berührung, ein Moment der Unachtsamkeit genügen können, damit das Virus in unser Leben eindringt.  

Im gelben Schutzanzug schwitzen wir, und zwar heftig. Die Hitze ist erdrückend, das Atmen fällt schwer, die Handschuhe kleben an den Händen und werden fast zu einer zweiten Haut. Jede Geste muss präzise sein; jede Bewegung kontrolliert. Jedes Mal, wenn wir den Hochrisikobereich betreten, wissen wir: Wir tragen nicht einfach nur Schutzausrüstung. Wir versuchen, uns selbst zu schützen und zugleich andere zu retten.

Die wirkliche Bedeutung der Ebola-Krankheit  

Es ist schwer, in Worte zu fassen, was Ebolafieber wirklich bedeutet. Was ich weiß, ist, dass es nicht nur ein Virus ist. Es ist der Schrecken in den Augen eines kranken Menschen. Es ist die Distanz, die notwendig wird, selbst zwischen einer Mutter und ihrem Kind. Es ist eine Familie, die ihre Angehörigen nicht mehr umarmen kann. Es ist ein Anruf im Wissen, dass es der letzte sein könnte.  

Jean Louis war 64 Jahre alt. Er war Lehrer und hatte eine wundervolle Familie. Seine Frau starb zuerst. Das Virus übertrug sich auf ihn und seine beiden Töchter. Dann kamen die Tage der Krankheit: Durchfall, Schwäche, sein Körper gab langsam nach. Schließlich Blutungen. Da begriff Jean Louis, dass er sterben würde. Er wollte sein Telefon aufladen, um sich von seiner Familie zu verabschieden, seine Angelegenheiten zu regeln und Dinge zu sagen, von denen er vielleicht nie gedacht hätte, dass er sie so bald sagen müsste. Dann rief er seine Enkelinnen an. Auch sie waren positiv getestet worden und befanden sich im Nebenzimmer. Er verabschiedete sich. Wenige Stunden später starb er.  

Einige Tage später starb auch seine jüngste Tochter. Sie war erst 20 Jahre alt. Zwanzig Jahre. In diesem Alter sollte das Leben von Träumen, Liebe und Zukunftsplänen geprägt sein.  

Wenn man ein junges Mädchen zusammenbrechen und sterben sieht, verlieren Statistiken ihre Bedeutung. Vor wenigen Tagen geschah genau das: Sie war jung, viel zu jung. In diesem Moment zählten keine Prozentzahlen, keine Grafiken, keine Pressemitteilungen mehr. Nur noch ein Leben, das zu Ende ging. 

Das Leben geht während einer Epidemie weiter 

Während wir versuchen, das Virus einzudämmen, geht das Leben der Menschen weiter. Die Angst vor dem Virus begleitet sie. Sie arbeiten, kaufen ein, bringen ihre Kinder zur Schule und sorgen für Nahrung und Wasser. Das Leben steht nicht still.  

Gerade das ist aus der Ferne vielleicht am schwersten zu begreifen.  

Vertrauen ist entscheidend 

Gleichzeitig ist das Leben der Menschen im Nordosten der DR Kongo seit Jahren von Gewalt, Instabilität und Not geprägt. Ihr Vertrauen in die öffentlichen Strukturen ist zerbrechlich. Angst kann schnell in Misstrauen umschlagen.  

Jemanden davon zu überzeugen, sich in ein Behandlungszentrum zu begeben, sich von den Angehörigen zu isolieren und von jemandem in einem gelber Ganzkörperschutzkleidung behandeln zu lassen, ist keine leichte Aufgabe.  

Deshalb lässt sich diese Epidemie nicht allein mit medizinischen Mitteln eindämmen. Behandlungszentren und Schutzausrüstung sind wichtig. Aber sie reichen nicht aus.  

Ja, wir brauchen dringend mehr finanzielle Mittel, um die Kranken zu behandeln, Gesundheitspersonal zu schulen und zu schützen, entlegene Regionen zu erreichen und neue Infektionen zu verhindern. Aber es braucht auch Prävention und Kommunikation. Wir brauchen Teams, die in die Gemeinden gehen und den Menschen geduldig erklären, worum es geht, ihnen zuhören und beistehen und mit ihnen zusammenarbeiten. So entsteht Vertrauen.  

Wir von Ärzte ohne Grenzen sind hier, um zu behandeln, zu schützen, auszubilden, zu unterstützen und dabei zu helfen, diese Epidemie einzudämmen.  

Doch keine Organisation kann das allein leisten.

Menschen dürfen nicht zu Zahlen werden 

Mehr als 6.000 bestätigte Fälle bedeuten mehr als 6.000 individuelle Geschichten. Mehr als 3.000 Tote sind mehr als 3.000 Menschen, die vermisst werden: Menschen, die liebten, arbeiteten, Angst und Freude empfanden, Pläne schmiedeten, Kinder großzogen und sich die Zukunft ausmalten.  

Ich denke immer wieder an den kleinen rosa Sarg am Straßenrand. Ich frage mich: Wie viele werden wir noch sehen? 

Wie viele Kinder.  

Wie viele Mütter.  

Wie viele Väter.  

Wie viele Jean Louis.  

Wie viele Mädchen, die viel zu jung gestorben sind.  

Mehr als 3 Monate Ebola-Ausbruch sind schon viel zu lang.  

Diese Epidemie braucht eine gemeinsame internationale Antwort. Wir alle werden gebraucht. Jetzt. 

Die ganze Welt sollte über die DR Kongo sprechen 

Die ganze Welt sollte über diesen Ebola-Ausbruch sprechen. Nicht um Panik zu schüren, sondern um das Bewusstsein zu schärfen. Nicht um Leid in schnell konsumierbare Bilder zu verwandeln, sondern um Mitgefühl und Solidarität mit den Menschen zu wecken, die diesen Ausbruch erleben.

So können Sie helfen

Wir bieten Ihnen vielseitige Möglichkeiten, unsere humanitäre Arbeit zu unterstützen.