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Ukraine: „Babuschkas“ erleben Verlust, Traumata und fehlende medizinische Versorgung

Vor drei Monaten gelang es der ukrainischen Armee, die russisch besetzten Städte und Dörfer in der ukrainischen Region Charkiw im Nordosten zurückzuerobern. Dort ist der Bedarf der zurückgebliebenen Menschen an medizinischer Versorgung und psychologischer Unterstützung hoch: Gesundheitseinrichtungen wurden vielfach zerstört und viele Anwohner*innen leiden unter psychischen Traumata, hervorgerufen durch die Erfahrung unaufhörlicher Bombardierungen. Unter ihnen sind vor allem auch viele ältere Frauen, die sogenannten „Babuschkas“, deren späte Lebensjahre nun von diesen schwerwiegenden Ereignissen bis hin zum Verlust von Angehörigen geprägt sind. Unsere mobilen Teams bieten Menschen wie ihnen Unterstützung.

Viele der älteren Frauen, die zu unseren mobilen Kliniken kommen, leben mit altersbedingten Behinderungen. Sie sind zum Teil schwerhörig, blind oder anderweitig mobil eingeschränkt.

 

Patient*innen, die eigentlich dringend ins Krankenhaus müssten 

Dr. Gino Manciati, Leiter unseres medizinischen Teams vor Ort erzählt:

Wir stellen sehr hohe Blutdruckwerte fest, teilweise 200 zu 100. Der gesunde Blutdruckwert beträgt 120 zu 80. In einem anderen Kontext würde man diese Patient*innen direkt in ein Krankenhaus einliefern lassen. Aber in dieser Situation ist das einfach nicht möglich.

Unbehandelter Bluthochdruck kann zu schwerwiegenden Komplikationen führen: darunter Sehkraftverlust, Nierenversagen, neurologische Beeinträchtigungen und plötzlicher Tod. Der Gesundheitszustand vieler Patient*innen ist mittlerweile außer Kontrolle geraten. Das liegt einerseits an dem Mangel an Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen und dem fehlenden Zugang zu Medikamenten. Aber auch das Leben im ständigen Stress führt zu einer Verschlimmerung. Traurigerweise haben wir Patient*innen gesehen, die schließlich Organschäden wie Nierenversagen erlitten haben, erzählt Dr. Manciati.

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Maria (links) hat Diabetes, der unbehandelt und unkontrolliert zu Gehbehinderungen geführt hat.
Maria Maksimivna (links) hat Diabetes, der unbehandelt und unkontrolliert zu Gehbehinderungen geführt hat. Ihre Tochter Tonya (rechts) brachte sie zu unserem Gesundheitszentrum.
©Linda Nyholm/MSF

Schwerwiegende Folgen: Chronische Krankheiten im Krieg

Auch viele Diabetiker*innen in dieser Region leiden unter dem anhaltenden Krieg. Sie haben Schwierigkeiten, an ihre Medikamente zu gelangen. Außerdem ist es ihnen durch die andauernde Lebensmittelknappheit nicht mehr möglich, sich diabeteskonform zu ernähren. 
Das wiederum verursacht bei vielen Patient*innen Probleme mit der Mobilität, mit dem Sehvermögen und mit ihrer Muskelfunktion. Die Folge: Sie werden noch abhängiger von ihren Mitmenschen. Eine von ihnen ist Maria. Seitdem ihre Diabeteserkrankung monatelang unbehandelt blieb, hat sie Schwierigkeiten beim Gehen. Marias Tochter Tonya erzählt:

Sie zittert und hat Kopfschmerzen. Wir haben seit Monaten keine Medikamente mehr für sie bekommen.

Auch Tonyas Ehemann hat eine schwere Behinderung. Er leidet an Lähmungen und hat Schwierigkeiten, das Haus zu verlassen. Dementsprechend kann er auch keine medizinische Versorgung in Anspruch nehmen.

 

Trotz Behinderung: Weite Wege für die Angehörigen

Eine ältere Frau ist eine halbe Stunde gelaufen, um unsere Klinik zu erreichen. Das ist nicht einfach, wenn man Probleme beim Gehen hat, sagt Dr. Manciati. Was mich überraschte, war, dass sie nicht für sich selbst dort war, sondern um Medikamente für ihren Mann zu besorgen. Wir erleben das des Öfteren. Diese älteren Frauen kommen von weit her zu unsnicht für sich selbst, sondern für ihre Ehemänner, Töchter und Söhne.

 

Die Schrecken des Krieges hinterlassen Spuren

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Die 68-jährige Raisa ist eine unserer Patient*innen, die wir in unserer mobilen Klinik in der Region Charkiw behandeln. Wie viele andere hat sie ihr Heimatdorf trotz des Krieges nicht verlassen.
Die 68-jährige Raisa ist eine unserer Patient*innen, die wir in unserer mobilen Klinik in der Region Charkiw behandeln. Wie viele andere hat sie ihr Heimatdorf trotz des Krieges nicht verlassen.
©Linda Nyholm/MSF


Seit Februar lebt die 68-jährige Raisa in ihrem Heimatdorf nahe der Großstadt Charkiw. Ich hörte laute Explosionen und sah eine Staubwolke am Himmel. Reihen von Panzern begannen, sich vorwärtszubewegen. Als wir begriffen, dass es nicht an einem Tag vorbei sein würde, versuchten wir herauszufinden, was wir als Nächstes tun sollten: wie wir essen und wie wir unsere Gärten instand halten sollten. Wir versuchten, uns an die neue Situation zu gewöhnen. Aber bei dem unaufhörlichen Beschuss war das unmöglich: Die Schüsse dauerten die ganze Nacht und den ganzen Tag an. Es war schrecklich. 

Angesichts der Situation leiden viele Menschen wie sie unter Angstzuständen, akuten Stressreaktionen und Panikattacken. Auch Raisa erhält psychologische Unterstützung von den Psycholog*innen unseres mobilen Klinikteams. Strategien zur Stressbewältigung können sich auch körperlich auswirken, so kann sich beispielweise auch der Blutdruck normalisieren.

Ich habe den Psychologen aufgesucht, weil ich immer noch nicht schlafen kann”, berichtet Raisa, die immer wiederkehrende Flashbacks hat:In der Dunkelheit der Nacht fliegen Raketen über die Häuser. Das ist sehr beängstigend. Es zerstört mein Nervensystem.

 

Dieser Krieg hat mir meine Gesundheit und meinen Sohn genommen

Die meisten Menschen erholen sich von ihren Albträumen und Flashbacks. Aber eine psychologische Behandlung kann ihre Genesung beschleunigen. Und wenn die psychologische Betreuung allein nicht ausreicht, arbeiten unsere Ärzt*innen und Psycholog*innen zusammen, um den bestmöglichen Weg für die Unterstützung unserer Patient*innen zu finden. 

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Die 70-jährigen Valentyna verlor ihren Sohn im Krieg. Sie erhält psychologische Unterstützung von uns.
Die 70-jährigen Valentyna verlor ihren Sohn im Krieg. Sie erhält psychologische Unterstützung von uns.
©Linda Nyholm/MSF

Ich schlafe sehr schlecht, ich bin erschöpft”, erzählt die 70-jährige Valentyna aus Vasylenkova. Ihr Sohn Roma wurde durch eine Landmine getötet. „Ich wache erschrocken auf und sehe ihn wieder vor mir.” Valentyna erhält eine medizinische Versorgung, um ihre Schlafprobleme zu lindern, und auch unsere Psycholog*innen betreuen sie. „Dieser Krieg hat mir meine Gesundheit und meinen Sohn genommen”, sagte sie.

Ich weine und schreie. Er ist weg und mein Leben ist vorbei.

Viele der älteren Frauen, die in unsere Kliniken kommen, fühlen sich isoliert, verlassen und einsam. Sie trauern um den Verlust von Familienmitgliedern und um den Verlust ihres früheren Lebens. 

 

Alte Menschen im Krieg: Gestohlene Lebensjahre

Das Gefühl, den Sinn ihres Lebens verloren zu haben, löst bei diesen älteren Frauen Angst aus. Das Gefühl, sich für die letzten Jahre ihres Lebens einen neuen Sinn schaffen zu müssen, führt zu Hoffnungslosigkeit”, sagt Camilo Garcia, Leiter unserer Aktivitäten im Bereich psychischer Gesundheit.

Wir hören von älteren Frauen, dass man ihnen die letzten Jahre ihres Lebens gestohlen hat.

Zu den am meisten gefährdeten Menschen gehören ältere Menschen mit Demenz oder psychiatrischen Erkrankungen. Viele von ihnen konnten sich zu Beginn des Krieges nicht in Sicherheit bringen. Viele unserer Patient*innen haben niemanden, der sich um sie kümmert. Einige ältere Menschen haben sich auch deshalb entschieden, in ihren Häusern zu bleiben. Andere werden auf eigenen Wunsch in überfüllte Hospize oder in andere Gesundheitseinrichtungen der Stadt gebracht, wenn ihr Haus beschädigt und unbewohnbar ist.

 

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Die Ärztin von Ärzte ohne Grenzen, Olena Kurinna, misst den Blutdruck von Anna Ivanivna Nefedova im Rathaus des Dorfes Tsyrkuny, Region Charkiw. Die Ambulanz des Dorfes wurde bei den Kämpfen zerstört.
Unsere Ärztin Olena Kurinna misst den Blutdruck von Anna Ivanivna Nefedova im Rathaus des Dorfes Tsyrkuny, Region Charkiw. Die Ambulanz des Dorfes wurde bei den Kämpfen zerstört.
©Linda Nyholm/MSF

Die innere Stärke der ukrainischen Babuschkas 

Der Bedarf an psychologischer Versorgung in dieser Region ist hoch. Trotzdem glaubt Camilo Garcia, dass die innere Stärke dieser älteren Frauen ihnen dabei helfen wird, die Erlebnisse zu verarbeiten und sich zu erholen. Die Babuschkas haben eine verborgene Kraft: Resilienz, sagt er.Sie haben beschlossen, trotz der Kämpfe und trotz der Bomben in ihren Dörfern zu bleiben. Damit haben sie auch ihr Recht verteidigt, dort zu bleiben, wo sie hingehören. Das erfordert Mut.

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Überblick: Unsere Hilfe in der Ukraine

Angesichts des Krieges leisten wir humanitäre Hilfe. Wir liefern Hilfsgüter, helfen medizinisch sowie psychologisch und evakuieren Patient*innen. Zivilist*innen müssen geschützt werden!