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„Wir werden niemals von hier fortgehen“ - Syrische Ärzte riskieren alles, um Leben zu retten

„Krankenhäuser und Ambulanzen sind mittlerweile die gefährlichsten Aufenthaltsorte in Syrien“, sagt ein Arzt, der in einer von uns unterstützten Klinik arbeitet. Die wenigen medizinischen Fachkräfte, die noch im Land sind, arbeiten täglich an der Belastungsgrenze. Behandlungszentren und Kliniken sind überfüllt, es mangelt an Ausrüstung und medizinischem Verbrauchsmaterial. Diese Probleme erscheinen Mitarbeitern medizinischer Einrichtungen jedoch nachrangig angesichts der ständigen Bedrohung durch Angriffe. Ungeachtet mehrerer UN-Resolutionen, in denen Angriffe auf Krankenhäuser in Syrien verurteilt wurden, leugnet man diese entweder rundheraus oder stellt sie bestenfalls als Resultat von Fehlern dar. Mitarbeiter der von uns unterstützten Einrichtungen in Idlib berichten beispielsweise von 54 Angriffen innerhalb eines halben Jahres. Der dortige Chirurg Dr. Abdel fragt. „Wenn wir Insulin brauchen, können wir es von Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen bekommen. Aber wer kann uns beschützen?“

Eines Morgens gab es gleich mehrere Luftangriffe hintereinander. Dabei wurde ein großes Krankenhaus in der syrischen Provinz Idlib zerstört, das von Ärzte ohne Grenzen unterstützt worden war. Unter den erwachsenen Todesopfern waren ein Arzt, die Leitung des Pflegedienstes, fünf Pflegekräfte und ein Labortechniker. Verantwortlich für die Angriffe sind Alliierte der syrischen Regierung.

„Unter den Opfern waren Patienten, die im Bett lagen, und Angehörige auf Krankenbesuch“, erinnert sich Dr. Mazen, ein 55-jähriger orthopädischer Chirurg, der im Krankenhaus arbeitete, bis es bei einer Angriffsserie am 15. Februar 2016 zerstört wurde.

„Unser Krankenhaus wurde in Schutt und Asche gelegt, so auch mein Herz“

„Unser Krankenhaus wurde in Schutt und Asche gelegt, und so war es auch mit meinem Herzen“, sagt Dr. Mazen über die von Ärzte ohne Grenzen unterstützte Einrichtung. Noch immer muss er jeden Tag an die Angriffe denken. „Der Grund, warum ich noch lebe, ist, dass ich 15 Minuten zu spät zur Arbeit kam“, sagt er. „Ich hätte um 9:00 Uhr da sein müssen. Der erste Angriff war um 9:02 Uhr. Anschließend versuchten Rettungskräfte, Überlebende aus den Trümmern zu bergen. Der nächste Angriff kam schon um 9:05 Uhr. Es folgten weitere um 9:45 Uhr und 9:50 Uhr.“

Inmitten des Infernos eilte der Chirurg mit freiwilligen Helfern und den von ihnen gefundenen Überlebenden zur nächstgelegenen medizinischen Einrichtung, dem Zentralkrankenhaus der Stadt Maaret al-Numan im Nordwesten Syriens. Der Alptraum war damit noch nicht vorüber. „Syrische Luftstreitkräfte feuerten zwei Raketen auf das Zentralkrankenhaus ab, eine um 11:00 Uhr und die andere um 11:05 Uhr“, erinnert sich der Chirurg.

"Der gefährlichste Ort"

Viele Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen sind seit dem Ausbruch des Krieges 2011 beschädigt worden, insbesondere durch Luftangriffe. Dadurch wurden Hunderttausende ohne Zugang zu ausreichender medizinischer Versorgung zurückgelassen. Hunderte Ärzte und andere medizinische Fachkräfte sind getötet worden. Darüber hinaus wurden viele inhaftiert und gefoltert, weil sie es wagten, „feindliches“ Territorium zu betreten, um notleidende Menschen zu versorgen.

Tausende medizinische Fachkräfte haben sich in den vergangenen Jahren dem Strom der Menschen angeschlossen, die aus Syrien fliehen. Sie fürchteten, bei Angriffen verletzt oder getötet zu werden. Nur wenige sind geblieben. Sie befürchten, dass verwundete oder kranke Zivilisten ohne ihre Hilfe schlechte Überlebenschance hätten. Wegen des Mangels an medizinischen Fachkräften ist die Arbeitsbelastung für diese Ärzte enorm hoch.

„Die Patienten liegen teilweise am Boden und schreien vor Schmerzen“

„An manchen Tagen müssen wir mehr als 100 Menschen auf einmal versorgen. Die Patienten liegen teilweise am Boden und schreien vor Schmerzen. Wir können aber nicht jedem sofort helfen“, sagt Dr. Ahmad, ein weiterer Chirurg, der in einem von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Krankenhaus nahe der Stadt Jisr al-Shughour unweit der türkischen Grenze arbeitet.

„Wir haben unglaublich schwierige Tage erlebt“, erinnert er sich, während er Artillerie- und Luftangriffe auf seine Einrichtung beschreibt. „Die syrischen Luftstreitkräfte und ihre Alliierten wollen offenbar möglichst viele Zivilisten treffen; das sieht man daran, dass Märkte, Bäckereien, Marktplätze und Krankenhäuser getroffen werden“, sagt er. „Krankenhäuser und Ambulanzen sind mittlerweile die gefährlichsten Aufenthaltsorte in Syrien.“

Diese genießen nach internationalem humanitärem Recht eigentlich besonderen Schutz. Aber in Syrien wenden Mitarbeiter des Gesundheitswesens viel Zeit und Kraft dafür auf, Krankenwagen und Kliniken zu tarnen. Sie wissen, dass eindeutig gekennzeichnete medizinische Einrichtungen bevorzugte Angriffsziele sind. „Wir bedecken die Krankenhäuser und Krankenwagen mit Schlamm, um sie zu tarnen“, sagt der Chirurg Dr. Ahmad. „In dem Gebäude, das unsere Klinik beherbergt, befand sich einmal eine Käsefabrik. Wir haben es in ein voll funktionierendes Krankenhaus verwandelt. Die Arbeitsbedingungen sind nicht gerade optimal, aber wir geben unser Bestes“, sagt Dr. Ahmad.

 

„Wir werden niemals von hier fortgehen“

Andere medizinische Einrichtungen befinden sich in aufgegebenen Geflügelfarmen und leeren Schulgebäuden. „Wir Ärzte haben gelernt, dass wir in normal gekennzeichneten Klinikgebäuden nicht mehr arbeiten können. Es ist zu gefährlich. Jedes Gebäude in Syrien, das wie ein Krankenhaus aussieht, wird angegriffen“, sagt er. „Weil die Gebäude nicht für den Krankenhausbetrieb ausgelegt sind und es uns an dringend notwendiger Ausrüstung fehlt, müssen Patienten große Abstriche bei der Qualität der Behandlungen in Kauf nehmen.“

Aber viele Patienten von Dr. Ahmad müssten sonst schlichtweg sterben. Sie können nicht darauf warten, für die Behandlung erst in die Türkei verlegt zu werden. Die Einreise in das Nachbarland ist problematisch, weil die Grenze fast vollständig geschlossen ist. Außerdem wäre der Transport für einige Patienten zu lang, besonders dann, wenn sie im Krieg schwer verwundet worden sind.

Die Arbeitsbedingungen für Dr. Ahmad und seine Kollegen sind hart. Dennoch will er auf jeden Fall in Syrien bleiben. „Wir werden niemals von hier fortgehen“, sagt er.

Dr. Abdallahs Familie lebt in ständiger Angst um ihn

Dr. Abdallah ist Labormediziner. Er arbeitet weiterhin in Syrien, während seine Frau, seine kleine Tochter und zwei Söhne in der türkischen Grenzstadt Gaizantep leben. Sie sind dort in Sicherheit. „Dennoch leben sie in ständiger Angst, weil sie sich Sorgen um mich machen. Sie wissen, dass es fast schon selbstmörderisch ist, als Arzt in Syrien zu arbeiten“, sagt er und fügt hinzu, dass es oft schwierig war, seiner Familie zu erklären, warum es für ihn wichtig ist, in Syrien zu bleiben. Er weiß, dass ihre Bedenken berechtigt sind.

Dr. Abdallah leitete ein von uns unterstütztes Krankenhaus, das den Namen der irakischen Hauptstadt Bagdad trägt. Auch er ist einmal nur knapp mit dem Leben davon gekommen, als das Krankenhaus am 3. November angegriffen wurde.

„Unser Logistiker Emad Zeitoun wurde getötet als er den Schutzraum verließ“, erzählt er. In dem 15 Quadratmeter großen Schutzraum im Keller des Krankenhauses verstecken sich Personal und Patienten im Fall eines Angriffs.

Zur Sicherheit war das Klinikdach mit einer zwei Meter dicken Erdschicht bedeckt

Der Angriff kam um 23:00 Uhr. Am selben Tag waren bereits zwei weitere Krankenhäuser im Umland von Aleppo getroffen worden, berichtet Dr. Abdallah. „Das war ein schwarzer Tag für die medizinische Versorgung in Aleppo“, sagt er. Die Einrichtung war voll ausgelastet, als der Luftangriff kam. Hauptsächlich mussten Bombenopfer versorgt, Amputationen durchgeführt und andere kritische Verletzungen behandelt werden. Das Krankenhauspersonal hatte so viel zu tun, dass man immer wieder gezwungen war, weniger gefährdete Patienten in Gesundheitszentren nahe der türkischen Grenze zu verlegen.

Zur Sicherheit war das Dach der Klinik mit einer zwei Meter dicken Schicht aus Erde bedeckt worden. Zudem hatte man jegliche Filmaufnahmen vor Ort untersagt, um eine genaue Bestimmung des Standortes zu erschweren. Trotzdem wurde auch diese medizinische Einrichtung angegriffen. Auf den ersten Treffer folgte wenige Minuten später ein zweiter. „Wer noch laufen konnte, wurde sofort nach dem ersten Bombeneinschlag weggeschickt, weil wir mit einem weiteren Angriff rechneten. Alle anderen wurden in den Schutzraum gebracht. Dort hielten sich 50 Menschen auf, als zehn Minuten später die zweite Bombe einschlug. Drei Stockwerke wurden sofort eingedrückt. Eines lag auf dem anderen wie bei einer geschichteten Torte. Wir sind schließlich durch die Löcher hinausgeklettert, die vom Angriff in die Decke des Schutzraums gerissen worden waren", berichtet Dr. Abdallah.

Trotz der Zerstörung seines Krankenhauses sucht der Arzt jetzt einen neuen Standort, an dem er weiterarbeiten kann. „Wir werden weiter unsere humanitäre Pflicht erfüllen. Als syrische Ärzte dürfen wir unser Volk nicht im Stich lassen. Ich werfe es niemandem vor, wenn er momentan lieber an der türkischen Grenze oder in Europa arbeitet. Aber wer würde die Menschen versorgen, die hier geblieben sind, wenn wir alle fortgehen würden?"