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Machtergreifung des Militärs führt zu kollabierendem Gesundheitssystem

"Heute in eine Klinik zu kommen, ist nicht mehr so einfach, wie es einmal war: Jetzt muss ich sogar vorsichtig sein, wenn ich um die Ecke gehe, denn Soldaten kontrollieren Autos, Telefone und Menschen. Ich habe Angst. Bevor ich aus dem Haus gehe, muss ich mich erkundigen, welche Routen sicher sind. Erst dann gehe ich los", erklärt unser Patient Ko Tin Maung Shwe.

Die Gewalt und Einschüchterung durch Sicherheitskräfte in Myanmar schafft ein Klima der Angst. HIV und Tuberkulose-Patient*innen haben große Schwierigkeiten, ihre lebenswichtigen Medikamente zu erhalten und in Behandlung zu bleiben. 

Ko Tin Maung Shwe gehört zu den Hochrisikopatient*innen, die sowohl mit HIV als auch mit Hepatitis C infiziert sind und daher regelmäßig Arzneimittel braucht. Das ist seit der Machtergreifung des Militärs am 1. Februar diesen Jahres aber immer schwieriger geworden.


Wenn ich es nicht zu den Orten schaffen würde, an denen die Medikamente bereitgestellt werden, könnte ich sie nicht einnehmen und würde sterben. Diese Medikamente sind für mich lebenswichtig.

Unsere Teams arbeiten hart daran, die nötige Hilfe für Patient*innen wie Ko Tin Maung Shwe aufrechtzuerhalten und sie bestmöglich zu versorgen. Wir haben deshalb in Yangon ein Notfall-Team zusammengestellt, das medizinische Einrichtungen unterstützen kann. Dazu gehören auch informelle Einrichtungen, die die Menschen möglicherweise eher aufsuchen als die vom Militär kontrollierten Krankenhäuser. 

Medikamente to-go: Aus unserem Büro wird kurzerhand eine mobile Klinik  

Ko Tin Mung Shwe lebt im Thaketa Township in Myanmars Handelshauptstadt Yangon. Unsere Klinik in Thaketa ist aber - wie die meisten öffentlichen Einrichtungen im ganzen Land - kaum noch funktionsfähig: Das Militär hat das Klinikgelände in den vergangenen Wochen besetzt. Unser Personal und unsere Patient*innen weigern sich deshalb, es zu betreten. Entweder aus Angst um ihre Sicherheit oder davor, verhaftet zu werden. Außerdem streiken viele der dort arbeitenden Ärzt*innen und Pfleger*innen, weil sie die Machtergreifung des Militärs ablehnen.  
 

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Eine Tüte mit Medikamenten
Unsere Patient*innen erhalten eine Ration lebenswichtiger Medikamente für Zuhause: Nur so können wir in der aktuell schwierigen Lage sicherstellen, dass sie sie regelmäßig einnehmen.  
©MSF/Ben Small

Da das Krankenhaus für viele nicht mehr zugänglich ist, hat unser Team schnell reagiert: Die Bürozentrale in Yangon wurde zu einer mobile Klinik, um Patient*innen wie Ko Tin Maung Shwe Sprechstunden, Bluttests und Medikamente anbieten zu können. "Viele Patient*innen haben ernste Krankheiten. Wenn sie die Behandlung nicht fortsetzen, kann dies z.B. zu schweren Lebererkrankungen führen", sagt unser Arzt Dr. Ye Yint Naing, der die medizinische Arbeit im Hauptstadtprojekt koordiniert.

Dramatische Verschlechterung der Lage 

Wir lesen beunruhigende Berichte des WHO-Überwachungssystems für Angriffe auf das Gesundheitswesen: Freiwillige Sanitäter*innen werden in Myanmar an vorderster Front angegriffen, Krankenwagen beschädigt und informelle Kliniken werden geplündert.  

Außerdem wurden zahlreiche Mitarbeiter*innen des Gesundheitswesens verhaftet oder stehen vor der Verhaftung: Die De-facto-Militärregierung hat regelmäßig Personal des Gesundheitswesens wegen angeblicher Teilnahme an der “Bewegung des zivilen Ungehorsams” angeklagt.  

Auch der Seele geht es schlecht 

Die Situation bedroht nicht nur die körperliche Gesundheit des medizinischen Personals und der Patient*innen, sondern belastet auch ihr psychisches Wohlbefinden. "Seit dem Putsch habe ich mit Depressionen zu kämpfen. Es ist nicht einfach, eine Klinik zu erreichen, auch nicht im Notfall", erklärt U Thein Aung*, ein 55-jähriger Patient. Um diesem wachsenden Problem zu begegnen, bauen wir zusätzliche unsere psychosozialen Unterstützungsdienste aus.  

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Ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen berät einen Patienten in unserer mobilen Klinik in
Ein Patient erhält eine medizinische Beratung in unserem Büro in Yangon, das zu einer mobile Klinik umfunktioniert wurde.
©MSF/Ben Small

Die Erfahrungen von U Thein und Ko Tin spiegeln einen Teil des Zusammenbruchs des Gesundheitssystems in Myanmar wider, den unsere Mitarbeiter*innen aus erster Hand miterleben: Da sich medizinisches Personal weigert, unter der De-facto-Militärregierung zu arbeiten, sind die Überweisungswege durcheinandergeraten.  

Gefährliche Unterbrechung der Lieferketten 

Hinzu kommt, dass die Versorgungswege in Myanmar seit der Machtergreifung des Militärs beeinträchtigt sind: Es gibt z.B. keine Zollabfertigung. Diese Tatsache macht es äußerst schwierig, Medikamente ins Land zu bringen. Während die Versorgung mit HIV-Medikamenten aktuell noch ausreichend ist, wird das Leben vieler Menschen in Gefahr geraten wenn die Lieferketten in der kommenden Zeit weiter unterbrochen bleiben. 

"Patient*innen, die nicht rechtzeitig diagnostiziert und behandelt werden, werden andere anstecken und Krankheiten wie HIV und Tuberkulose werden sich weiter ausbreiten. Dies könnte den jahrzehntelangen Fortschritt bei der Eindämmung dieser Infektionskrankheiten in Myanmar wieder zunichte machen", erklärt Dr. Ye Yint Naing. 

 

*Name geändert