Palästinensische Gebiete

Trotz Waffenstillstand: Gewalt, Vertreibung und humanitäre Blockade dauern an

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  • Zehntausende Verletzte im vergangenen Jahr im Gazastreifen versorgt
  • Zunahme der Gewalt durch israelische Siedler im Westjordanland

Fast ein Jahr nach Verkündung eines Waffenstillstandes im Gazastreifen ist die Lage weiterhin katastrophal. Es kommt nach wie vor zu Angriffen und Vertreibungen. Allein in den vergangenen zwölf Monaten haben Teams von Ärzte ohne Grenzen in mehr als 60.000 Fällen Menschen mit Verletzungen behandelt, darunter solche, die durch gewaltsame Angriffe verursacht wurden.

Ein Waffenstillstand sollte eigentlich bedeuten, dass unsere Notaufnahmen nicht länger mit Kriegsverletzten gefüllt sind. Das ist nicht der Fall.

Valentine Burkart, Expertin für humanitäre Krisen von Ärzte ohne Grenzen

Aufgrund der Besetzung von großen Teilen des Gazastreifens durch die israelische Armee leben die Menschen auf nur noch rund 35 Prozent der Gesamtfläche.

"Ein Jahr nach dem sogenannten Waffenstillstand leben die Menschen nach wie vor unter Bedingungen, die sie krank machen. Das ist keine unvermeidbare Folge des Krieges, sondern das Ergebnis eines systematischen Abschnürens lebensnotwendiger Versorgung. Die Bundesregierung darf dieses Vorgehen der israelischen Führung nicht länger politisch decken, sondern muss endlich Konsequenzen ziehen," so Burkart.

Viele Familien im Gazastreifen haben nur eine Mahlzeit pro Tag

Nach wie vor behandeln die Teams von Ärzte ohne Grenzen mangelernährte Kinder sowie schwangere und stillende Frauen. Trotz einer gestiegenen Zahl von Lebensmittellieferungen in den Gazastreifen sind bestimmte Nahrungsmittel, die für eine ausgewogene Ernährung und damit für die Genesung nach Krankheiten und Verletzungen wichtig sind, teuer und für viele Menschen unerschwinglich.

Die erlebte Gewalt hat zudem weitreichende psychische Folgen. Teams von Ärzte ohne Grenzen beobachten, dass Angstzustände, Schlafstörungen und Selbstmordgedanken häufig auftreten. Auch die Behandlung von Menschen mit chronischen Erkrankungen ist herausfordernd, da wichtige medizinische Lieferungen von den israelischen Behörden weiterhin systematisch blockiert werden – so wie insgesamt die Versorgungslage zur Aufrechterhaltung eines funktionierenden Gesundheitssystems weiterhin dramatisch ist.

Nur 4,5 Liter Trinkwasser pro Person und Tag

Der Mangel an Motoröl und Ersatzteilen beispielsweise hat massive Auswirkungen auf Gesundheitseinrichtungen sowie die Wasserversorgung, Abwasser- und Müllentsorgung. Fehlendes sauberes Wasser und kaum funktionierende sanitäre Einrichtungen tragen wiederum dazu bei, dass sich Atemwegsinfektionen, Haut- und Durchfallerkrankungen stärker ausbreiten.

Anfang Juli 2026 etwa, also mitten im Sommer, standen Menschen durchschnittlich nur 4,5 Liter Trinkwasser pro Person und Tag zur Verfügung. Dies liegt deutlich unter dem humanitären Mindeststandard. Allein in dem Monat haben Teams von Ärzte ohne Grenzen mehr als 16.000-mal Menschen mit Hauterkrankungen wie Krätze behandelt.

Zahl gewaltsamer Vorfälle im Westjordanland gestiegen

Auch im Westjordanland sehen Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen sich stetig verschlechternde Lebensbedingungen für Palästinenser*innen, darunter die deutliche Zunahme der Gewalt durch israelische Siedler*innen und das israelische Militär. In der ersten Hälfte des Jahres 2026 stieg die Zahl der Vorfälle im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 45 Prozent. Seit Anfang 2026 wurden im Westjordanland 79 Palästinenser*innen, darunter 19 Kinder, von israelischen Streitkräften oder Siedler*innen getötet und mehr als 1800 verletzt.

Zugleich erhöht der staatlich geförderte Ausbau israelischer Siedlungen das Risiko von Vertreibungen. Im August wurden im umstrittenen Siedlungsprojekt E1 östlich von Jerusalem mehr als 1200 Wohneinheiten ausgeschrieben. Allein im ersten Quartal 2026 wurden mehr als 3200 Palästinenser*innen vertrieben, darunter ganze Gemeinden. Zudem erschweren neue Checkpoints, abgeriegelte Flüchtlingscamps und weitere Bewegungsbeschränkungen den Zugang zu medizinischer Versorgung erheblich.

Zwischen Januar und Juli führten Teams von Ärzte ohne Grenzen im Westjordanland mehr als 2300 psychosoziale Beratungen durch sowie 27 Schnelleinsätze nach Angriffen auf Palästinenser*innen oder Zerstörungen von Gebäuden und Infrastruktur, wie der Wasserversorgung. Diese Schnelleinsätze beinhalten unter anderem psychologische Unterstützung der Betroffenen sowie die Bereitstellung lebensnotwendiger Güter.

Ärzte ohne Grenzen ist in den palästinensischen Gebieten mit knapp 1600 Mitarbeitenden im Einsatz. Die Organisation betreibt oder unterstützt medizinische Einrichtungen an 13 Standorten im Norden, Süden und Zentrum des Gazastreifens. Im Westjordanland ist Ärzte ohne Grenzen mit mobilen Teams im Einsatz und bietet unter anderem Basisgesundheitsversorgung und psychosoziale Unterstützung an.

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