Myanmar

Zivilbevölkerung muss uneingeschränkten Zugang zu Gesundheitsversorgung bekommen

Weil das Thaketa-Krankenhaus in Yangon vom Militär besetzt ist und der Großteil des Personals aus Protest gegen den Putsch streikt, haben Teams von Ärzte ohne Grenzen in ihren Büros eine Behelfsklinik eingerichtet, um die Versorgung von Hochrisikopatient*innen fortsetzen zu können.

Ärzte ohne Grenzen ruft das Militär in Myanmar auf, den uneingeschränkten Zugang der Zivilbevölkerung zur Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Darüber hinaus müssen die Machthaber den Schutz medizinischen Personals vor Angriffen, Inhaftierungen und Einschüchterungen sicherstellen.

Auch vier Monate nach der Machtübernahme des Militärs in Myanmar bleibt die öffentliche Gesundheitsversorgung stark beeinträchtigt. Viele öffentliche Krankenhäuser wurden geschlossen oder vom Militär besetzt. Diejenigen, die geöffnet sind, bieten nur eingeschränkte Leistungen an. Teams von Ärzte ohne Grenzen haben kaum Möglichkeiten, Menschen für eine spezialisierte Behandlung zu überweisen. Diese Hürden machen es vielen Menschen schwer, Zugang zu medizinischer Versorgung zu bekommen.

Sollte Myanmar eine Welle neuer Covid-19-Infektionen treffen, wäre das eine Katastrophe für die öffentliche Gesundheit. Die Kapazität des Landes, Menschen auf das Virus zu testen, sie zu behandeln oder Impfungen gegen Covid-19 durchzuführen, ist nur noch ein Bruchteil dessen, was sie vor der Machtergreifung des Militärs war. 

In der Regel müssen sich die Patient*innen entscheiden, ob sie eine Behandlung in einer privaten medizinischen Einrichtung suchen, die sie sich oft nicht leisten können, oder in ein vom Militär kontrolliertes Krankenhaus gehen, in dem ihre Sicherheit gefährdet ist. Das gilt besonders dann, wenn sie an Protesten beteiligt waren. Es gibt zwar vereinzelt Kliniken von Nichtregierungsorganisationen, aber diese können nicht alle medizinischen Bedürfnisse decken und wurden zudem von den Militärbehörden zuletzt in ihrer Arbeit eingeschränkt.

"Patienten machen sich Sorgen, ob sie die Klinik erreichen können, um Medikamente zu bekommen", berichtet ein Arzt von Ärzte ohne Grenzen im Bundesstaat Kachi. "Und wenn die Sicherheitskräfte an den Checkpoints die Patienten nicht durchlassen, kann das medizinische Personal ihnen nicht helfen." Gerade für Patient*innen mit Krankheiten, die eine regelmäßige und langfristige Versorgung erfordern, wie HIV, Tuberkulose und Hepatitis C, könnten die anhaltende Unsicherheit und die Verzögerungen beim Zugang zu Medikamenten lebensbedrohliche Folgen haben.

Angriffe auf Gesundheitspersonal

Weiterhin werden auch gezielt Ärzt*innen und Krankenpflegepersonal angegriffen. Mitarbeitende von medizinischen Einrichtungen, die Ärzte ohne Grenzen unterstützt, berichten beispielsweise, dass Kolleg*innen festgenommen wurden. Nach Angaben der WHO gab es seit der militärischen Machtübernahme 179 Angriffe auf Gesundheitspersonal und medizinische Einrichtungen. 13 Menschen wurden dabei getötet. Medienberichte zeigen, wie Rettungskräfte beschossen wurden, als sie am Rande friedlicher Proteste Verwundete versorgten. Auch medizinisches Material wurde zerstört.

Nicht nur das Gesundheitssystem verschlechtert sich, auch die Wirtschaft des Landes steht vor dem Zusammenbruch. Bargeld ist immer schwerer zu bekommen, vor den nur selten gefüllten Geldautomaten bilden sich lange Schlangen. Die Entwertung des Kyat gegenüber dem Dollar treibt die Preise für Importe und für Waren wie Öl, Reis und Bezin in die Höhe.

Neu aufgeflammter Konflikt verschärft humanitäre Krise

Nach Angaben des UNHCR wurden seit der Machtübernahme des Militärs am 1. Februar schätzungsweise 60.000 Menschen in Myanmar innerhalb des Landes und weitere 10.000 in die Nachbarländer vertrieben. Dies ist größtenteils auf das Wiederaufflammen von Konflikten in Myanmars Grenzgebieten zurückzuführen, besonders in den Bundesstaaten Chin, Kachin und Kayin. Luftangriffe und Granatenbeschuss zwingen die Menschen, aus ihren Häusern zu fliehen und haben zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert. Ärzte ohne Grenzen musste aufgrund der Kämpfe Mitarbeiter*innen aus einer Stadt in Kachin abziehen, was zu einer vorübergehenden Unterbrechung der Hilfe führte.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1992 in Myanmar tätig. Die Hilfsprojekte sind seither stark gewachsen. Derzeit sorgen mehr als 1.100 Mitarbeiter*innen über ein Netzwerk von Gesundheitseinrichtungen und mobilen Kliniken für eine hochwertige medizinische Versorgung in Teilen des Landes.