Bosnien und Herzegowina

Ärzte ohne Grenzen fordert Schließung des Flüchtlingslagers Vucjak

Die Menschen, die in Bosnien-Herzegovina gestrandet sind, schlafen in verfallenen Gebäuden und leben ohne ausreichend Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung.

Berlin, 15. November 2019. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen fordert die umgehende Schließung des Flüchtlingslagers Vucjak im Nordwesten Bosnien-Herzegowinas. Das Lager für an der EU-Außengrenze gestrandete Flüchtlinge und Migranten erfüllt nicht einmal Minimalstandards. Die Bewohner schlafen bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt in unbeheizten Zelten, der Boden ist mit leicht entflammbarem Methangas kontaminiert und in der Umgebung liegen Landminen. Die lokalen Behörden haben am Mittwoch angekündigt, dass weitere Neuankömmlinge den ganzen Winter über nach Vucjak gebracht werden sollen. Das bosnische Rote Kreuz und Freiwillige leisten zwar medizinische Hilfe in Vucjak, doch der Zugang zu medizinischer Versorgung ist eingeschränkt. Ärzte ohne Grenzen ist seit Ende Oktober in einem Gesundheitszentrum nahe des Lagers aktiv.

„Das Lager in Vucjak ist ein gefährlicher und menschenunwürdiger Ort. Niemand sollte so leben müssen“, sagt Nihal Oman, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen auf dem Balkan. „Bewohner von Vucjak kommen in Flipflops, ohne Socken oder Jacken in unserer Klinik an. Viele leiden als Folge der entsetzlichen Lebensbedingungen an Atemwegsinfektionen und Hautkrankheiten. Es bricht einem das Herz mitanzusehen, wie unsere Patienten nach der Behandlung wieder auf dem kalten Boden in einem Zelt schlafen müssen. Es ist inakzeptabel, dass dieses Lager weiter genutzt wird. Es muss sofort geschlossen werden.“

In der Gegend um Bihac und Velika Kladusa im Nordwesten Bosniens sind mehr als 6.000 Flüchtlinge und Migranten gestrandet. Die meisten von ihnen stammen aus Pakistan, Iran, Syrien und Afghanistan. Nur 2.800 davon sind in den vier offiziellen, von der Internationalen Organisation für Migration organisierten, Lagern untergebracht. Die anderen leben in provisorischen Behausungen, in leerstehenden Gebäuden oder auf der Straße. „Diejenigen, die nicht in offiziellen Lagern registriert sind, haben keinen Zugang zu Hilfe und sind der Gefahr von Gewalt ausgesetzt“, so Oman. „Solange die Behörden keine sicheren winterfesten Unterkünfte und angemessene Hilfe für diese Menschen bereitstellen, ist es womöglich nur eine Frage der Zeit, bis wir Todesfälle sehen.“

Ärzte ohne Grenzen kümmert sich seit vier Jahren auf dem Balkan um Geflüchtete. In Velika Kladusa und in der Nähe des Lagers Vucjak haben die Teams seit Anfang August 1.200 Menschen versorgt. Derzeit behandeln sie rund 60 Patienten am Tag in den beiden Kliniken, auch Opfer von sexueller Gewalt. Etliche Patienten haben auch Gewalt-Verletzungen, die ihnen nach eigenen Aussagen durch Grenzbeamte zugefügt wurden. „Vor zwei Wochen habe ich versucht, die Grenze zu Kroatien zu überqueren“, berichtete ein Mann im Gesundheitszentrum des Dorfes Zavalje. „Kroatische Polizisten erwischten uns. Sie schlugen uns und nahmen uns unsere Jacken und Schuhe, unsere Taschen, Telefone und unser Geld weg. Dann brachten sie uns zurück nach Bosnien. In unserer Gruppe waren auch Kinder. Die Polizisten schlugen auch sie. So passiert das ständig.“