Griechenland

Idomeni: Immer mehr Kinder und Schwangere erkranken

Flüchtlinge und Migranten auf ihrem Weg über Felder zum Transit-Camp in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze.

Derzeit stecken rund 14.000 Migranten und Flüchtlinge in Idomeni fest. Ärzte ohne Grenzen hat mehr als 2.000 medizinische Konsultationen in einer Woche durchgeführt und 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort. Die meisten Menschen sind aufgrund der hygienischen Bedingungen und dem kalten Wetter an Atemwegsinfektionen und Magen-Darm-Grippe erkrankt. Während sich die Erkrankungen in den vergangenen Wochen nicht verändert haben, sehen unsere Teams immer mehr Säuglinge, Frauen im späten Stadium der Schwangerschaft sowie Menschen mit schweren körperlichen oder geistigen Behinderungen und chronischen Erkrankungen, die medizinische Hilfe brauchen.

Über das Wochenende hat Ärzte ohne Grenzen zwei neue Großzelte von 240 Quadratmetern und 20 Zelte von 42 Quadratmetern aufgebaut. Weitere Zelte befinden sich im Aufbau. Trotzdem schlafen immer noch Hunderte Menschen in der Kälte, da die aktuelle Kapazität noch nicht ausreicht, um auf den dramatischen Bedarf im Lager zu reagieren. Ärzte ohne Grenzen hat zuletzt pro Tag mehr als 2.000 Decken, 35.000 Mahlzeiten und rund 1.500 Hygiene-Kits verteilt. Die Teams haben neue Wasserverteilstellen und chemische Toiletten installiert.

Europäische Politik ohne Bezug zur Realität

"Die europäischen Politiker haben den Bezug zur Realität völlig verloren", erklärt Aurelie Ponthieu, Expertin für Flucht und Migration von Ärzte ohne Grenzen. "Das Geschäft, das die EU und die Türkei gerade aushandeln, ist zynisch: Für jeden Flüchtenden, der sein Leben auf dem Mittelmeer riskiert und in die Türkei zurückgeführt wird, könnte ein anderer nach Europa umgesiedelt werden. Diese simple Kalkulation reduziert Menschen auf bloße Zahlen und spricht ihnen eine menschliche Behandlung und ihr Recht ab, Sicherheit zu suchen. In Idomeni, wo unsere Teams seit fast einem Jahr Hilfe leisten, was eigentlich die Verantwortung Europas wäre, sehen wir die Konsequenzen dieser unrealistischen und unmenschlichen Rechnung auf dem Rücken der Menschen. Diese Menschen sind keine Zahlen sondern Frauen, Männer, Kinder, Familien. Sie sollten menschlich behandelt werden, mit vollem Respekt für ihre Rechte und ihre Würde. Offensichtlich ist Europa bereit, alles zu tun, um den Strom von Flüchtlingen und Migranten nach Europa zu stoppen, selbst wenn dafür grundlegende Menschenrechte und Prinzipien des Flüchtlingsrechts beschädigt werden. Europas Entscheider dürfen die durch ihre Politik verursachte europäische Migrationskrise nicht weiter befeuern, sondern müssen die einzige realistische und menschliche Antwort geben: Sichere und legale Fluchtwege, humanitäre Hilfe und Sicherheit für die, die sie brauchen."

Kapazitäten in Griechenland voll ausgelastet

Insgesamt sitzen rund 34.000 Menschen in Griechenland fest. Das Land hat jedoch nur 3.000 Plätze für Asylwerber; weitere 20.000 Plätze sind als Notunterkünfte nur zur kurzfristigen Unterbringung geeignet. Alle Aufnahmezentren sind voll ausgelastet.

Seit 1. März sind mehr als 5.000 Menschen auf den griechischen Inseln angekommen, durchschnittlich 1.700 pro Tag. Laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR sind 62 Prozent der Neuankömmlinge Frauen und Kinder. Mehr als 20 Personen sind am vergangenen Wochenende gestorben, als sie versuchten, die griechischen Inseln zu erreichen. Insgesamt sind seit dem Jahresbeginn mehr als 340 Menschen in der Ägäis ertrunken.

Auch in Serbien und Mazedonien sitzen Flüchtlinge fest

Auch in Serbien sind inzwischen rund 1.100 Menschen gestrandet. Viele von ihnen stecken seit mehr als acht Tagen fest, einige von ihnen sind aber bereits seit fast drei Wochen dort. In Mazedonien sind mehr als 700 Menschen aus Afghanistan im Transitzentrum von Tabanovce angekommen. Ihnen wird nicht erlaubt, die Reise fortzusetzen. Die Mehrheit von ihnen sitzt nun bereits seit zwei Wochen fest.