Ebola in der D. R. Kongo

Ein Angriff, der vieles verändert hat

Es ist mehre Tage her, dass ein Ebola-Fall bestätigt wurde. Damit gibt es zum ersten Mal die Hoffnung, dass sich die Ebola-Epidemie in der D. R. Kongo, die seit mehr als anderthalb Jahren andauert, ihrem Ende nähert. Sollten weiterhin keine Neuinfektionen auftauchen, könnte die Epidemie Mitte April für beendet erklärt werden. Noch ist es nicht soweit. Allerdings lassen sich bereits jetzt die Maßnahmen identifizieren, die in den vergangenen Monaten zur Verbesserung der Situation beigetragen haben.  

Die fragile Sicherheitslage, die die Bekämpfung von Ebola in den betroffenen Regionen besonders erschwert hat, spielt dabei eine entscheidende Rolle: Vor einem Jahr kam es in der Demokratischen Republik Kongo zu einem bewaffneten Überfall auf ein Ebola-Behandlungszentrum. Trish Newport, Projektkoordinatorin bei Ärzte ohne Grenzen, blickt zurück und beschreibt, wie dieser Vorfall die Mitarbeitenden zwang, ihr Vorgehen rund um die Krankheit radikal zu überdenken.  

Seit Beginn der Ebola-Epidemie am 01.08.2018 unterstützen wir das Gesundheitsministerium der D.R. Kongo.

3.444 Menschen in der D.R. Kongo haben sich mit dem Ebola-Virus infiziert (Stand: 09.03.2020).

Bislang gibt es 2.264 Ebola-Todesfälle in der D.R. Kongo (Stand: 09.03.2020).

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Vor einem Jahr kam es in der Demokratischen Republik Kongo zu einem bewaffneten Überfall auf ein Ebola-Behandlungszentrum. Trish Newport, Projektkoordinatorin bei Ärzte ohne Grenzen, blickt zurück und beschreibt, wie dieser Vorfall die Mitarbeitenden zwang, ihr Vorgehen rund um die Krankheit radikal zu überdenken. 

Wir werden im Ebola-Behandlungszentrum angegriffen!

Diesen Satz hörte ich, als ich am 27. Februar des vergangenen Jahres mein Telefon abnahm. Ich war damals in Genf und gerade aus der D. R. Kongo zurückgekehrt, wo ich den Einsatz von Ärzte ohne Grenzen zur Bekämpfung des Ebola-Ausbruchs koordiniert hatte. Die Person, die mich anrief, befand sich selbst im besagten Zentrum in Butembo, wo sich in dem Moment bewaffnete Männer Zugang verschafften und Schüsse abfeuerten. Als sie damit fertig waren, steckten sie das Zentrum in Brand. 

Zum Zeitpunkt des Angriffs befanden sich über 50 Patientinnen und Patienten im Zentrum. Alle flohen. Auch unsere 60 Mitarbeitenden ergriffen die Flucht. Personal und Patienten versteckten sich gemeinsam in Gebäuden in der Nähe und im umliegenden Wald. Es war für alle eine furchteinflößende Erfahrung. Weil wir die Sicherheit der Patienten und des Personals nicht mehr gewährleisten konnte, wurden am folgenden Tag sämtliche Teams aus Butembo und Umgebung abgezogen. Die Entscheidung fiel uns nicht leicht, aber wir hatten keine Wahl. 

Die Überreste eines Ebola-Behandlungszentrums

Ebola hat für mich keine Priorität

Nach dem Angriff machten wir uns Gedanken über all die Dinge, die während des Ebola-Ausbruchs bisher schiefgelaufen waren. Ich fragte eine kongolesische Mitarbeiterin, wo diese ganze Wut gegen die humanitäre Hilfe herrührt. Sie antwortete: 

„Mein Mann wurde bei einem Massaker in Beni getötet. Damals wünschte ich mir nichts mehr, als dass irgendeine internationale Organisation kommt und uns beschützt, aber es kam keine. Drei meiner Kinder sind an Malaria gestorben. Nie kam eine internationale Organisation in diese Region, um sicherzustellen, dass wir Gesundheitsversorgung und sauberes Wasser haben. Mit Ebola kommen plötzlich all diese Organisationen, weil Ebola ihnen Geld bringt. Wenn ihr uns wirklich helfen wollt, würdet ihr uns fragen, was unsere Prioritäten sind. Meine Anliegen sind Sicherheit und dass meine Kinder nicht an Malaria oder Durchfall sterben. Ebola hat für mich keine Priorität – das hat für euch Priorität.“ 

So einigten wir uns darauf, in Zukunft die Bevölkerung intensiver anzuhören und stärker auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Sämtliche Aktivitäten würden wir nur mit der vollen Zustimmung der jeweiligen Gemeinschaft durchführen.

Verschiedene Aktivitäten im Einsatz gegen Ebola

 Ebola-Epidemie besiegen? Es geht nur mit der Bevölkerung

Aber eigentlich sind das ja keine bahnbrechenden Erkenntnisse. Tatsächlich war eine der größten Lehren, die wir aus dem Ebola-Ausbruch in Westafrika 2014-15 gezogen hatten, dass man eine Epidemie nur unter Einbezug der Bevölkerung aufhalten kann. Es war eine Lehre, die aber irgendwo vergessen ging, und nicht nur bei Ärzte ohne Grenzen.
 
Die Bekämpfung des Ebola-Ausbruchs in der D. R. Kongo wurde von der kongolesischen Regierung mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durchgeführt. Seit Beginn des Ausbruchs im August 2018 befanden sich alle Beteiligten im Notfall-Modus: Basierend auf dem klassischen Ansatz des schnellen Handelns bei einer gesundheitlichen Notfallsituation sendeten sie hunderte Mitarbeitende und nahmen umgehend die Arbeit auf.

Dabei nahm man sich zu wenig Zeit, mit den betroffenen Gemeinschaften in den Dialog zu treten, Vertrauen zu bilden oder zu berücksichtigen, dass der Ausbruch in einer Region stattfand, die in den vorigen Jahren von Konflikten geplagt wurde. Trotz der Millionen, die in die humanitären Maßnahmen zur Bekämpfung von Ebola flossen, stieg die Zahl der Fälle weiter an und die Krankheit breitete sich aus. 

Mit der Zeit gingen die an der Ebola-Bekämpfung Beteiligten zwar mehr auf die lokale Bevölkerung ein, gleichzeitig setzten sie aber andere Maßnahmen fort, die einen Graben zwischen den Helfenden und die Menschen vor Ort riss. Dazu gehören der bewaffnete Begleitschutz, die Zwangsisolierung von Patienten und Zwangsbeerdigungen sowie bewaffnetes Personal in Gesundheitseinrichtungen. Das führte mitunter dazu, dass die Menschen aus Angst normale Gesundheitszentren mieden. 

Ebola geht zurück – eher trotz statt wegen

Trotz all dieser Probleme geht die Anzahl der Ebola-Erkrankten langsam zurück und hoffentlich wird der Ausbruch bald ganz zu Ende sein. Sollen wir das Ende der Epidemie feiern? Den Einsatz als Erfolg verbuchen? Ich bin mir nicht so sicher. Ich befürchte, dass die zahlreichen Organisationen, die bei der Bekämpfung mitgewirkt haben, sich gratulieren werden, wenn alles vorbei ist. Dass sie sagen, die Epidemie sei dank ihres Einsatzes besiegt, obwohl sie eher trotz ihres Einsatzes vorbei ist. 

Das könnte ein beunruhigendes Signal für das Vorgehen bei künftigen Ausbrüchen aussenden, bei denen der Einsatz von Zwang, bewaffneten Eskorten und Präsenz von bewaffnetem Personal in Gesundheitseinrichtungen zum Normalfall wird – auf Kosten des respektvollen Umgangs mit Menschen und deren Einbeziehung bei Entscheidungen über ihre Gesundheit.   

Den Anruf vom letzten Februar werde ich nie vergessen. Es ist entsetzlich, zu hören, wie das eigene Personal – praktisch die eigene Familie – unter Beschuss gerät. Auch die schmerzliche Entscheidung, unsere Teams aus Butembo zu evakuieren und dabei Menschen zurückzulassen, die so dringend Hilfe benötigen ... Ich werde mich aber auch immer an die positiven Auswirkungen der Änderungen erinnern, als wir endlich wirklich mit den Menschen vor Ort kommunizierten. Als wir sie in unseren Kampf gegen die Krankheit miteinbezogen und diesen Kampf auch zu dem ihren machten. Ich hoffe, dass diese Lehren nicht vergessen oder ignoriert werden, wenn der nächste Ausbruch kommt.“ 

Aktuelle Pressemeldungen

22. November 2019: Ebola-Update: Rückgang der Neuinfektionen, aber Ausbruch noch nicht unter Kontrolle

28. Juni 2019: Ebola, Masern, Gewalt und Vertreibung bedrohen Hunderttausende