Sri Lanka

Rehabilitation für Menschen mit Wirbelsäulenverletzungen

Die 22-jährige Suvarna hebt sich aus ihrem Rollstuhl auf ihr Bett. Ihre Wirbelsäule wurde durch eine Granate verletzt.

Mehr als zwei Jahrzehnten lebten die Menschen in Sri Lanka mit Konflikten und Gewalt. Seit dem Ende des Krieges im Mai 2009, versuchen die Menschen ihr Leben wieder aufzubauen. Im Norden des Landes unterstützt Ärzte ohne Grenzen ein Rehabilitationsprogramm, das sich auf die Behandlung von Patienten spezialisiert hat, die bei Kämpfen an der Wirbelsäule verletzt wurden. Pete Masters hat das Projekt besucht.

Wir erreichen Pompamadhu pünktlich zur morgendlichen Dehnung. In einem zu den Seiten hin offenen Blechunterstand in der Mitte des Krankenhausgeländes haben sich rund 20 Patienten versammelt. Trotz der strengen Anweisungen durch die Physiotherapeutin Valeria Maglia von Ärzte ohne Grenzen wird viel gelacht. Manchmal ist auch eine Grimasse zu sehen, wenn eine Dehnübung Schmerzen oder Unwohlsein verursacht. Die Sitzung dauert etwa 30 Minuten und über den Augenbrauen vieler Teilnehmer ist Schweiß zu sehen.

Als Valeria ihre Sachen zusammenpackt, verändert sich die Atmosphäre. Die ruhige und geordnete Stimmung löst sich auf und Geschäftigkeit macht sich breit. Einige Patienten finden sich in Gruppen zusammen, unterhalten sich und lachen miteinander. Andere machen sich auf den Weg zu individuellen Physiotherapieterminen, Sitzungen des Motivationstrainings, Pflegeunterricht oder besuchen Freunde in anderen Abteilungen.

Die Verletzungen sind eine tägliche Erinnerung an den Krieg

Ich bin überrascht von der entspannten und kommunikativen Atmosphäre. Dies ist eine Abteilung für Menschen, die an schweren Wirbelsäulenverletzungen leiden und viele von ihnen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder die Bewegungsfreiheit und Mobilität erleben, die sie einst hatten.

Ich treffe Suvarna, eine 22-jährige ehemalige Lehrerin, die 2009 durch eine Granatexplosion verwundet wurde. "Ich war bettlägerig," sagt sie. "Ich konnte nirgendwohin gehen. Ich war nicht in der Lage in einem Rollstuhl zu sitzen. Ich konnte nichts ohne Hilfe tun. Jetzt kann ich alles machen. Ich kann diesen Rollstuhl fahren, ich kann überall hin…"

Suvarna wurde verletzt, als sich die lang andauernden Auseinandersetzungen zwischen den srilankischen Sicherheitskräften und den separatistischen Tamil Tigers (Liberation Tigers of Tamil Eelam or LTTE) dem Ende neigten.

"Wir waren aus unserem Dorf in das Nachbardorf geflüchtet. Doch dann mussten wir auch von dort fliehen, an die Küste. Wir versteckten uns in einem Bunker, als in fünf Meter Entfernung eine Granate explodierte. Bei der Explosion wurde wir alle verletzt - mein Vater, meine Mutter und ich. Meine Verletzung war besonders schwer."

Als Suvarna sich auf den Weg zu ihrer nächsten Therapiesitzung macht erklärt mir Valeria, dass viele der Patienten, wenn sie eintreffen, nicht in der Lage sind selbstständig zu essen oder sich selbst anzuziehen. Viele leiden unter zusätzlichen Komplikationen wie infizierte Druckstellen vom Liegen oder Inkontinenz. Sie fühlen sich als Last für die, die sich rund um die Uhr um sie kümmern müssen.

Das Programm soll auf das Leben nach der Entlassung vorbereiten

Ich frage Valeria, wie das Programm arbeitet. "Es gibt drei Hauptbereiche an denen die Patienten während ihrer Rehabilitation arbeiten", sagt sie. "Die Physiotherapie ist hart, verbessert ihre Mobilität aber entscheidend. Die Pflegekurse enthalten praktische Inhalte für das Leben mit einer Wirbelsäulenverletzung: Wie man sich wäscht und anzieht, wie man Druckstellen verhindert und sie behandelt, sollten sie doch auftreten. Wahrscheinlich mit das Wichtigste was sie lernen, sind Techniken, wie sie ihre Darm- und Blasenfunktionen steuern können. Das stärkt ihre Würde und ihr Selbstwertgefühl. Unser dritter Fokus ist, die Patienten in Motivationskursen auf das Leben außerhalb des Programms vorzubereiten. Hat einer alle Kurse durchlaufen, verlassen er das Zentrum und beginnt, sich wieder ein Leben aufzubauen. Wir helfen ihnen auch dabei eine Ausbildung oder Arbeit zu finden."

Als Suvarna von ihrer Physiotherapiestunde zurückkommt, sieht sie erschöpft aus. Sie erzählt mir, dass die Übungen ihr so viel Bewegungsfreiheit wie möglich verschaffen sollen, sie diese aber auch schwierig findet. "Die Übungen sind sehr schmerzhaft für mich, weil ich dieses Bein nicht heben kann. Ich kann nur mein rechtes Bein anheben." Dennoch hat Suvarna bereits große Fortschritte gemacht. So kann sie bereits einige Meter an Krücken laufen, allerdings wird sie immer auch einen Rollstuhl brauchen.

Ich frage sie nach dem Motivationsunterricht und sie sagt mir, wie wichtig er sei. Sie berichtet, dass die meisten Patienten bei ihrer Ankunft eigentlich nur im Bett liegen wollen. Ihr sei es genauso gegangen, und erst als sie angefangen habe über ihre Vergangenheit und ihre Ängste zu sprechen, habe sie beginnen können, über die Zukunft nachzudenken und darüber was sie außerhalb der Mauern von Pompamadhu erwartet.

Als sie erfahren habe, dass die Granate ihre Wirbelsäule verletzt hat habe sie gedacht, sie würde sich nie wieder aufrecht hinsetzen können, erzählt sie. "Das brachte mich aus der Fassung. Ich war reizbar und schimpfte immerzu mit meiner Schwester. Aber nun bin ich nicht mehr so. Jetzt bin ich in Ordnung, nicht hundertprozentig, aber in Ordnung." Und auch wenn sie am Ende dieses Satzes lacht, sagen mir ihre Augen, dass das kein Scherz ist.

Entscheidend ist, sich mit dem Erlebten auseinander zu setzen

Suvarna denkt nicht als einzige so. Auch andere Patienten mit denen ich mich unterhalte unterstreichen, wie wichtig es ist, sich mit dem Erlebten zu arrangieren. Das Motivationstraining stärkt das Selbstbewusstsein der Patienten und erlaubt ihnen, anderen in ähnlichen Situationen zu helfen. So entsteht ein Hilfsnetzwerk von Gleichgesinnten, das für alle offen und zugänglich ist.

Tatsächlich äußert Suvarna nur Zweifel in Bezug auf den Auszug aus dem Krankenhaus. Anfangs bin ich überrascht, da ich erwarten würde, dass die Patienten sich auf diesen Tag freuen. Aber Valeria erklärt mir, warum manche wegen des Lebens außerhalb von Pompamadhu besorgt sind.

"Die Logistiker von Ärzte ohne Grenzen haben hier alles nach den Bedürfnissen von Patienten mit Wirbelsäulenverletzungen eingerichtet. Die Betten haben Gitter, so dass die Patienten leichter ein und aussteigen können, Oberflächen sich abgeflacht und rollstuhlfreundlich, Waschbecken und Toiletten hängen tiefer. Wenn sie das Krankenhaus verlassen, wird dies nicht mehr der Fall sein. Wenn sie uns verlassen, bekommen sie ein Hilfspaket mit. Es enthält einen Rollstuhl, ein Bett und ein Gitter als Stehhilfe. So versuchen wir ihnen so weit zu helfen wie wir können. Aber das Umfeld in das sie kommen, das können wir nicht kontrollieren."

Mehr als 60 Patienten hat das Programm bisher behandelt

Suvarna stimmt dem zu, aber das ist nicht alles. Sie sagt, sie werden ihre Freunde und die Abteilung als solche sehr vermissen. Besonders weil die anderen dort in einer ähnlichen Situation sind wie sie. Sie weiß, wenn sie geht, wird sie "die im Rollstuhl" sein.

Bisher wurden mehr als 60 Patienten in das Programm aufgenommen, das zwischen drei und sechs Monaten dauert. 17 sind bereits zu Nachsorgeuntersuchungen erschienen. Auf die Frage, wie es bei ihnen läuft, antworteten alle, sie seien in ihrem Leben außerhalb des Reha-Zentrums glücklich und eine weitere Reha sei nicht notwendig.

Bevor ich nach Pampaimadhu kam, wusste ich, dass es unter den Projekten von Ärzte ohne Grenzen einzigartig ist. Sri Lanka befindet sich nicht länger im Krieg, und das hier ist keine Notfallmedizin. Suvarna, Valeria und die anderen Patienten haben mir gezeigt, was für einen immensen Einfluss die Rehabilitation auf das Leben von Patienten mit Wirbelsäulenverletzungen hat. Ohne eine solche Behandlung würden Patienten wie Suvarna oder die anderen höchstens zwei Jahre überleben.

"Wenn ich meine Reha beendet habe, werde ich ohne fremde Hilfe leben können", hat Suvarna zu mir gesagt. "Ich werde mich selbst um mich kümmern und einer ordentlichen Arbeit nachgehen. Sobald ich einen passenden Job finde, nehme ich ihn an!"

Ich glaube ihr.