Liberia

Mit Altersgelassenheit ins Abenteuer: Dr. med. Dieter Stracke, Chirurg im Ruhestand

Dieter Stracke

Die Kälte des bevorstehenden Winters liegt schon in der Luft. Über den Hügeln, hier an der Grenze zwischen Sauer- und Siegerland, ist der Herbsthimmel wolkenlos: kein Schmuddelwetter, sondern klare Sicht. Frische Luft gibt es in Kreuztal, nur wenige Kilometer von Siegen entfernt, reichlich. Dr. med. Dieter Stracke (64) weiß das zu schätzen. Wenn er den Kopf freibekommen will, dann reitet er auf seinem Pferd durch die Wälder. Stress - den hatte der ehemalige chirurgische Chefarzt im Evangelischen Krankenhaus Kredenbach viele Jahre zur Genüge. Heute braucht Stracke den Ausgleich besonders, wenn er von einem Auslandseinsatz zurückkommt. Für die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" (Médecins sans Frontières, MSF) war der Rentner schon in Liberia und im Sudan - jeweils für drei Monate.

Früher hätte er für solche humanitären Einsätze keine Zeit gehabt. "Als Chefarzt war das gar nicht machbar", erinnert sich Stracke. Und so kam er erst mit dem Eintritt in den vorzeitigen Ruhestand 2005 zu der Hilfsorganisation. Stracke ist ein sehr reflektierender Mensch. Er hat einen klaren Blick für die Welt und sich selbst. Die Entscheidung, bereits mit 62 Jahren seinen Chefarztposten an den Nagel zu hängen, hat er ebenfalls ganz bewusst getroffen: "Vier von meinen sechs chirurgischen Lehrern sind kurz nach dem Eintritt in den Ruhestand gestorben." Ganz ohne Medizin wollte Stracke dann aber auch nicht leben. Und als "überzeugter Christ" - wie er sich selbst bezeichnet - wäre es wohl auch nicht seine Art, die Welt mit ihren Problemen sich selbst zu überlassen.

Seine Verbindung zu Ärzte ohne Grenzen bezeichnet der Chirurg als "Liebe auf den ersten Blick". Er fühlt sich dort unter Gleichgesinnten. Dass viele der Ärztinnen und Ärzte, die für die Hilfsorganisation arbeiten, jünger sind, stört ihn nicht. Zudem gebe es auch bei MSF immer mehr ältere Kollegen. Seine "Altersgelassenheit" komme ihm zugute, findet Stracke. Durch seine langjährige Erfahrung scheue er sich nicht, etwas Neues auszuprobieren, um auch unter ganz einfachen Bedingungen komplexe medizinische Probleme zu lösen. "Das fordert mich heraus, und das mag ich", sagt er. Außerdem habe er schon häufig bei Konflikten im Team vermitteln können, die unter den Extrembedingungen in Krisengebieten immer wieder vorkommen. Auch dann ist seine Routine eine wertvolle Eigenschaft.

Wer Stracke kennenlernt, der denkt eines ganz bestimmt nicht: "Hilfe - die Helfer kommen." Der Chirurg hinterfragt, was er tut, und die Probleme, mit denen er konfrontiert wird. Natürlich gehen die kleinen und großen Katastrophen, die er bei seinen Einsätzen sieht, nicht spurlos an ihm vorbei. "Reden, reden, reden" - das sei das Wichtigste, wenn er zurückkomme. "Ich brauche dann einige Zeit, um wieder in die Normalität zurückzukehren."
An seinen Einsatz in der Region Darfur im Sudan 2006 sind die Erinnerungen noch sehr lebendig. Stracke erzählt von einem zwölf-jährigen Jungen mit einer Schuss-verletzung. "Nicht amputieren", flehten die Eltern. Doch als Stracke den verdreckten Verband vom zerfetzten Fuß des Kleinen löste, stand fest, dass das die einzige Option war. Nur noch die Bänder hielten den Fuß zusammen. Als der Junge aufwachte, weinte er. Stracke war dabei. Doch die Geschichte nimmt zumindest ein einigermaßen gutes Ende: Von seiner Nachfolgerin bekam er kürzlich ein Foto zugeschickt, dass den Jungen lachend mit einer Prothese an der unteren Extremität zeigt. Gleichwohl weiß Stracke, dass es für jemanden im Sudan viel schwieriger ist, mit einer Behinderung umzugehen, als hierzulande.

Viele der Patienten in Darfur waren Zivilisten, die ohne eigenes Verschulden in die Schusslinie der verfeindeten Gruppen geraten sind. Stracke ärgert sich darüber, dass das niemand verhindert. "Die Politik taktiert, die Bevölkerung leidet, und die Vereinten Nationen blockieren sich selbst", kritisiert er. Natürlich werde MSF aber nie Partei ergreifen, sondern immer auf der Seite des Patienten stehen, stellt er klar. Zwar machen die politischen Rahmenbedingungen Stracke als Privatperson wütend, doch für ihn steht fest: Diese Gedanken sind dann, wenn ein Patient seine Hilfe benötigt, zweitrangig. Gleiches gelte, wenn er Patienten behandele, die aktiv kämpften. Wenn er Rebellen betreut habe, sei ihm schon mal der Gedanke gekommen: "Wenn ich den gut zusammenflicke, zieht er wieder in den Krieg." Doch er ist überzeugt: "Ich bin dort, um alles zu tun, was mir medizinisch möglich ist." Er selbst sei während seiner Einsätze nie in einer wirklich bedrohlichen Situation gewesen.

Für Stracke war die Arbeit in einem Entwicklungsland nicht neu. Als junger Arzt hat er zwei Jahre in einem Krankenhaus in Sambia gearbeitet. Hinter seiner Tätigkeit bei Ärzte ohne Grenzen steht er voll und ganz. Aber er sagt auch: "Einmal im Jahr reicht." Darauf habe er sich mit seiner Frau geeinigt. "Für sie sind die drei Monate, in denen ich weg bin, länger als für mich." Anfang 2008 soll der nächste Einsatz sein. Dann ist es in Kreuztal vermutlich schon Frühling.

Dr. med. Birgit Hibbeler