Brasilien

„Andere trauen sich hier gar nicht rein“

Maria Oliveira* hat starke Schmerzen und lebt wie viele Favela-Bewohner in ständiger Angst. In der Ambulanz von Ärzte ohne Grenzen kann sie erstmals über ihre seelischen Verletzungen sprechen.

„Wer hier lebt, sollte nichts hören, nichts sehen und nicht sprechen“, sagt Maria Oliveira*. Denn das Leben im Complexo do Alemão, einem großen Slumgebiet in Rio de Janeiro, ist gefährlich. Gewalt und Angst sind allgegenwärtig. Doch Sprechen bringt Erleichterung. In einer Ambulanz – der einzigen medizinischen Anlaufstelle innerhalb des Complexo – kümmern sich die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen deshalb nicht nur um akute medizinische Notfälle, sondern auch um die seelische Not der Menschen. Der brasilianische Psychologe Douglas Khayat berichtet von dieser Arbeit.

Maria Oliveira ist erst 43 Jahre alt, doch sie leidet an so schweren Knochen- und Rückenproblemen, dass sie nicht mehr arbeiten und kaum laufen kann. Immer wieder kommt sie mit schlimmen Schmerzen in unsere Ambulanz. Und schnell ist klar, dass die Schmerzen nicht das einzige sind, was sie quält.

Wie Eingeschlossene leben die Menschen hier, mitten in Rio – in einer eigenen Welt, die von schwer bewaffneten Gruppen, die unter anderem den Drogenhandel organisieren, regiert wird. Auch wir Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen müssen Sicherheitsregeln einhalten, um uns selbst nicht zu gefährden. Andere trauen sich gar nicht in den Complexo: Staatliche Gesundheitseinrichtungen, die die Menschen in Rio ansonsten versorgen, gibt es hier nicht.

Gemeinsam passieren wir jeden Morgen die Checkpoints, um zur Ambulanz zu gelangen. Vorbei an den Männern mit Gewehren und Pistolen, die rund um die Uhr mit ihren Motorrädern durch die Wohngebiete patroullieren und ihre Macht zur Schau stellen. Wer sie herausfordert, muss mit drastischen Strafen rechnen. Immer wieder erfahren wir von Menschen, die hingerichtet oder verbrannt worden sind – in Therapiegesprächen oder bei Hausbesuchen höre ich vom Leid der Überlebenden.

Und auch die Militärpolizei verbreitet Angst und Schrecken. Bei einem großen Einsatz vor zwei Jahren tötete sie 25 Menschen und verletzte viele weitere. Nur in Panzerwagen, den berüchtigten Caveirãos mit Totenkopfsymbol, fährt sie in die Viertel. Ihre Aktionen sind seltener geworden, doch nach wie vor erleben wir Schusswechsel und Granatenexplosionen.

Als wir unsere Ambulanz starteten, wollten wir vor allem die direkt Betroffenen solcher Kämpfe medizinisch versorgen und psychologisch betreuen. Erst nach und nach wurde uns klar, welche massiven seelischen Auswirkungen diese permanente Bedrohung für alle Menschen hier hat. Die Gewalt wirkt in die Familien hinein und setzt sich dort fort: Männer schlagen ihre Frauen, Brüder denunzieren sich im Streit bei den Drogenbanden, Kinder werden verhaltensauffällig. Viele Frauen sind depressiv oder krankhaft ängstlich. Gesprochen wird darüber selten.

Obwohl sie vor allem seelisch leiden, suchen viele unsere Hilfe zunächst wegen körperlicher Beschwerden. So wie Maria Oliveira, die nach der medizinischen Behandlung zu mir kam.

Die Lebensumstände im Complexo, Gewalterfahrungen und ihre Ehe mit einem alkoholkranken Mann belasten sie zusätzlich zu den physischen Schmerzen. In unseren Gesprächen beginnt sie, ihre Erlebnisse einzuordnen, die Vergangenheit zu verarbeiten und ihre heutige Situation besser zu verstehen. Wie in vielen anderen Therapiegesprächen ist allein das Erzählen und Zuhören ein Anfang. Inmitten der Gewalt entsteht ein Raum, der die Menschen aufatmen lässt.

Natürlich sehe ich die Grenzen unserer Arbeit, und das macht mich wütend. Denn die Gewalt in den Slums beenden wir damit nicht. Doch umso mehr berührt es mich jedes Mal, zu erleben, wie die Patienten wieder Mut schöpfen. Maria Oliveira konnte ihre eigene Stärke wieder entdecken. Sie hat die Behandlung inzwischen abgeschlossen. Rückenschmerzen hat sie immer noch. Dennoch geht es ihr heute besser. Die Therapie, sagt sie, hat ihr Leben verändert.

Douglas Khayat, Psychologe

Hilfe in den Favelas

Zwölf Favelas – wie die Armenviertel in Brasilien heißen – bilden den Complexo do Alemão in Rio de Janeiro. Das Gebiet im Norden der Stadt, in dem rund 150.000 Menschen leben, steht faktisch außerhalb staatlicher Einflüsse. Die Kontrolle haben bewaffnete Gruppen, die die Viertel mit Straßensperren abschotten.

Seit Oktober 2007 betreibt Ärzte ohne Grenzen hier eine Notfallambulanz, bietet psychosoziale Unterstützung und bringt die Bewohner, wenn nötig, in Kliniken und Einrichtungen außerhalb der Favelas. Mehr als 12.000 Patienten sind inzwischen registriert, 1.200 Menschen nahmen bisher psychologische Hilfe in Anspruch.

 

Erschienen in AKUT 3/2009

* Der Name wurde zum Schutz der Patientin geändert.