Neue Antibiotika-Initiative - Ärzte ohne Grenzen: Bundesregierung muss ineffektiven Ansatz ändern

Ärzte ohne Grenzen kritisiert, dass Pharmafirmen ihre geförderten Investitionen auf profitträchtige Bereiche konzentriert und nur sehr eingeschränkt und langsam dringend benötigte Impfstoffe und Medikamente entwickelt haben.

Berlin, 9. Juli 2020. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen fordert anlässlich der heute von der Pharmaindustrie unter Beteiligung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgestellten Antibiotika-Initiative ein Umdenken in der Forschungsförderung der Bundesregierung.

„Resistente Keime machen auch in Corona-Zeiten keine Pause“, sagt Elisabeth Massute von der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland. „Wir brauchen dringend neue Antibiotika, um Tuberkulosepatienten in Südafrika, Kriegsverletzte in Syrien oder Neugeborene in Pakistan behandeln zu können. Aber der marktorientierte Ansatz der Pharmaindustrie in der neuen Antibiotika-Allianz, den die Bundesregierung unterstützt, ist untauglich. Das Verfahren, hohe Summen an Steuergeldern ohne ausreichende Bedingungen für Zugang und Bezahlbarkeit der Endprodukte an die Pharmabranche zu verteilen, ist schon in der Vergangenheit vielfach gescheitert. Statt effizient medizinische Innovationen für die Bedürftigsten zu entwickeln und sie ihnen dann auch zugänglich zu machen, haben die Firmen ihre geförderten Investitionen auf profitträchtige Bereiche konzentriert und nur sehr eingeschränkt und langsam dringend benötigte Impfstoffe und Medikamente entwickelt.

Die Bundesregierung und die anderen Geberländer müssen diesen gescheiterten Ansatz ändern. Wir brauchen stattdessen mehr öffentlich-private Produktentwicklungs-Partnerschaften wie die Global Antibiotic Research and Development Partnership, die die öffentliche Gesundheit vor Profite stellen. Alle Forschungsergebnisse müssen frei zugänglich sein, das geistige Eigentum muss bei der Allgemeinheit liegen. Von Beginn an müssen Bedingungen für den Zugang zu den Antibiotika an die öffentliche Förderung geknüpft werden. Resistente Krankheitserreger stellen heute einen Gesundheitsnotstand dar – die Staaten dürfen es nicht den Pharmafirmen überlassen, Instrumente dagegen zu entwickeln.“

Der internationale Verband der Pharmaindustrie IFPMA stellt heute gemeinsam mit dem Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) in einem Online-Event aus Berlin und Washington eine Initiative für neue Antibiotika vor. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nimmt daran teil. Die Pharmaindustrie hat jahrzehntelang bei der Entwicklung von Antibiotika versagt. In den vergangenen 30 Jahren wurde kein einziges Antibiotikum einer neuen Wirkstoffklasse eingeführt und nur sehr wenige neue Antibiotika wurden überhaupt entwickelt, weil sie keine hohen Profite versprechen. Die Bundesregierung hat die Entwicklung neuer Antibiotika zu einer Priorität erklärt und ist eine der wichtigsten Geberinnen für die Forschung, was Ärzte ohne Grenzen grundsätzlich begrüßt.

Informationen zu dem Online-Event finden Sie hier.

Interviews mit Elisabeth Massute und unserem Experten für antimikrobielle Resistenzen Dušan Jasovský sind möglich!