Jeder zweite Mensch mit Diabetes hat keinen Zugang zu Insulin: Ärzte ohne Grenzen fordert mehr Anstrengungen für Generika

Dieses Behandlungsset für Patientinnen und Patienten mit Typ-1-Diabetes enthält u. a. ein Glucometer, Glucometer-Streifen und Nadeln sowie Insulin.

Der Leiter der Erfindergruppe des Insulins, Frederick Banting, wollte damit kein Geld verdienen, sondern stellte den Stoff 1921 „der Welt“ zur Verfügung. Doch 100 Jahre später verhindern unter anderem hohe Preise den Zugang für Hunderte Millionen von Menschen, die Insulin brauchen. Ärzte ohne Grenzen begrüßt deshalb den heute vorgestellten „Globalen Diabetes Pakt“ der WHO, fordert aber mehr Anstrengungen, um generische, günstige Insuline zuzulassen.

„Millionen Diabetespatienten weltweit haben schon jetzt keinen Zugang zu Insulin, und der Bedarf wird in die Höhe schießen, vor allem wegen der Ausbreitung von Diabetes des Typs 2 in Ländern mit geringem und mittlerem Einkommen“, sagt Helen Bygrave, Expertin für chronische Krankheiten von Ärzte ohne Grenzen. „Die WHO muss dringend daran arbeiten, mehr Quellen für qualitätsgeprüftes Insulin zu erschließen, um die steigende globale Nachfrage zu decken und sicherzustellen, dass dieses lebenswichtige Arzneimittel all jenen zur Verfügung steht, die es benötigen. Wir haben gesehen, wie Generika-Hersteller es ermöglicht haben, die Behandlung von Krankheiten wie HIV/Aids auszuweiten. Dasselbe muss nun beim Insulin geschehen.“

Banting überließ das Patent auf Insulin damals für einen symbolischen Euro der Universität Toronto. Seine Überzeugung: „Insulin gehört nicht mir, es gehört der Welt.“ Heute kontrollieren drei Pharmafirmen, Novo Nordisk, Eli Lilly und Sanofi, 99 Prozent des weltweiten Insulinangebots – und alle drei verlangen Preise, die sich viele Menschen in ärmeren Ländern nicht leisten können. Eine Jahresdosis Insulin für einen Patienten kostet in der Herstellung rund 120 Euro. Ärzte ohne Grenzen muss aber an die Hersteller zwischen 250 und 1030 Euro zahlen, um einen Patienten in ärmeren Ländern oder Krisenregionen ein Jahr versorgen zu können. „Es ist entmutigend, wenn wir in der Praxis sehen, dass die Menschen so viele Schwierigkeiten haben, Insulin zu bekommen“, sagt Dr. Brian Nyagadza, Arzt in einem Projekt in Zimbabwe. „Sie haben keine andere Wahl, als ihr Insulin zu rationieren und weniger zu nehmen, als sie eigentlich brauchen. Dadurch sind sie einem hohen Risiko für lebensgefährliche Komplikationen ausgesetzt.“

Weltweit arbeiten mehrere Hersteller daran, generische Insuline zu günstigeren Preisen bereitzustellen. Die WHO unterstützt das seit 2019 mit einem „Präqualifizierungsprogramm“. Doch bisher hat kein Hersteller die Qualifizierung abgeschlossen. „Die WHO muss hier Prioritäten setzen und den Prozess beschleunigen“, sagt Marco Alves von der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland. 

Ein weiteres Hindernis für viele Patienten im Globalen Süden ist die Vorgabe der Hersteller, nach der Insulin gekühlt werden muss. Ärzte ohne Grenzen konnte jedoch im Februar in einer Studie mit der Universität Genf nachweisen, dass mehrere Insuline bis zu vier Wochen bei Temperaturen zwischen 25 und 37 Grad Celsius gelagert werden können. Die Ergebnisse wurden in der Online-Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht. „Die Vorgaben der Hersteller sollten daher umgehend aktualisiert werden“, sagt Marco Alves. „Mehr Menschen besser mit Insulin zu versorgen, ist möglich.“

Die Zahl der Menschen mit Diabetes hat sich in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt, heute leben weltweit 463 Millionen mit der Diagnose. Auch in ärmeren Ländern steigt die Zahl der Betroffenen stetig an. Bis 2045 wird die Zahl der Diabeteskranken Schätzungen zufolge um mehr als 50 Prozent steigen. Ärzte ohne Grenzen arbeitet weltweit in 70 Ländern, in der Mehrzahl der Regionen ist Insulin nicht in öffentlichen Gesundheitseinrichtungen und Apotheken erhältlich. 2019 versorgten unsere Mitarbeiter 100.000-mal Patienten mit Diabetes, die meisten in Jordanien, Libanon und Irak.